



Egal ob Kunst, Kitsch oder bloß Kurioses: Thomas Olbricht sammelt, was in ihm die Abenteuerlust weckt. Etwa David Nicholsons Monumentalgemälde "Recovery" aus dem Jahr 2003.
Krems - "Die Ausstellung versucht die spezifischen Felder der Sammlung Olbricht in konzentrierter Weise anhand von Themeninseln wie Liebe, Lust und Sexualität, Glaube und Religion, Terror und Krieg oder Tod und Vergänglichkeit zu visualisieren. Themen also, die in ihrer Bedeutung und in den Grundwerten menschlichen Seins mit Vergangenem und gegenwärtigen Kulturen eng verbunden sind."
So weit Hans Peter Wipplinger, seit Jänner 2009 Geschäftsführer der Kunstmeile Krems, zu seiner bisher spektakulärsten Ausstellung, die er als Kurator in der Kunsthalle Krems verantwortet. Der "Großsammler" Thomas Olbricht selbst will mit seiner rund 3000 Objekte umfassenden Sammlung vor allem eines: "Stille, Tod, Entsetzen, Tanzen, Freude, Lust und Voyeurismus. Ich möchte, dass die Besucher eine Abenteuerreise durch diese Emotionen machen."
Der Essener Thomas Olbricht hat als Kind mit dem Sammeln von Briefmarken begonnen. Die bunten Marken aus aller Welt, die sich im Familienunternehmen fanden, prägten so etwas wie Olbrichts erstes Weltbild - und begründeten eine Leidenschaft, die ihn sein ganzes bisheriges Leben lang nicht verlassen hat; und die sich schon gar nicht auf ein Thema, auf nur ein Sammelgebiet, fokussieren ließ.
Olbricht ist - ein Kuriosum in der glamourösen Kunstwelt zwischen Miami Beach, Basel, London und Maastricht - seinen Marken bis heute treu geblieben. Er sammelt aber auch Dürer und Damien Hirst und Thomas Ruff und Spielzeugrettungsautos und überhaupt alles, was an Objekten aus Kunst und Kulturgeschichte der letzten 500 Jahre an Lust und Tod, Liebe und Vergänglichkeit erinnert.
Dass viele seiner Objekte provozieren, nimmt der Chemiker und Mediziner gelassen hin. Ihn selbst provozieren sie nicht, gemahnen ihn eher der Demut einem Leben gegenüber, wie er es auch dank der Vorarbeit seiner Familie führen kann. Ein Leben ist das, welches das Sammeln als Sehnsucht begreift; und dieser Sucht ihren gebührenden Platz gewährt. "Das Sammeln ist für mich eine tief verwurzelte Leidenschaft - oder ein Defekt in mir von Anfang an."
Mit seinem Beruf als Mediziner, fügt Olbricht an, hat seine Konzentration auf die großen, existentiellen Themen rein gar nichts zu tun.
Große und kleine Tode
Zusehends öfter öffnet Olbricht seine Sammlung einem größeren Publikum: im Mai dieses Jahres mit der Fertigstellung seines "me Collectors Room Berlin". Jetzt mit der Schau Lebenslust & Totentanz, für die Hans Peter Wipplinger gemeinsam mit Olbrichts Kurator Wolfgang Schoppmann rund 250 Werke aus der Kollektion auswählen durfte.
Im repräsentativen Katalog zur Ausstellung schreibt der Kunsthistoriker Rainer Metzger (Kunstakademie Karlsruhe): "Kaum eine Sammlung, die sich den großen Fragen des Lebens penibler verschrieben hätte als jene, die Thomas Olbricht zusammengetragen hat. In der Olbricht Collection kommen wieder die ultimativen Dinge aufs Tapet, die großen, die allergrößten, die des Todes: des großen Todes und des kleinen nicht minder."
Burghart Schmidt, Professor für Sprache und Ästhetik in Wien und Offenbach am Main, sieht im Stil-, Epochen- und Genregrenzen überschreitenden Sammler den Schockrocker: "Die Kremser Ausstellung steigert den Aspekt einer Ästhetik des Unschönen in Reibung am Schönen. Sie kehrt dasjenige heraus, um dessentwillen der Sammler Olbricht sich einen Rocker des Sammelns nannte. Art on the Rocks, Schock statt Harmonie."
Nach mehr als 25 Jahren des leidenschaftlichen Sammelns reicht die Collection von einer Ansammlung zum Teil kurioser Artefakte aus historischen Kunst- und Wunderkammern der Renaissance und des Barock bis hin zu musealen Werken, die sich bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts erstrecken: Lebenslust & Totentanz in assoziationsreichen Gegenüberstellungen von Albrecht Dürer und Damien Hirst, Ernst Ludwig Kirchner und Terry Rodgers, Francisco de Goya und Jake & Dinos Chapman, Gerhard Richter und Thomas Ruff. Oder, so Wipplinger: "Die Schau zeigt, wie die Menschheit in den letzten Jahrhunderten der harten Alltagsrealität und dem allgegenwärtigem Tod immer auch die Flucht in die schöne Illusion, in Liebe und Lust und Leidenschaft suchte."
Und so passt die Schau Les femmes fatales im Forum Frohner der Kunsthalle ebenso zum Thema wie Slawomir Elsners präzise Spiele mit der Wahrnehmung in der Factory. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2010)
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