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Kunstberichte
Die Arco in Madrid präsentiert sich in ihrer 30. Ausgabe im Zustand einschneidender Veränderungen

Eine Messe in der Midlife-Crisis

Gebremste Dynamik: Das 
Künstlerduo Elmgreen & Dragset legt eine Kopie von Giacomettis 
berühmtem – und zu einem Rekordpreis

verkauftem –"L’Homme qui marche" an die Kette. Foto: Galerie 
Alevar

Gebremste Dynamik: Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset legt eine Kopie von Giacomettis berühmtem – und zu einem Rekordpreis
verkauftem –"L’Homme qui marche" an die Kette. Foto: Galerie Alevar

Von Christof Habres

Aufzählung Die Arco verzeichnet starken Rückgang aufgrund der nationalen und internationalen Krise.
Aufzählung Der neue Direktor Carlos Urroz versucht eine Neupositionierung der zweitgrößten Messe.

Madrid. Das Flanieren über die spanische Kunstmesse Arco war nicht mehr so angenehm wie in den Jahren zuvor. Der flauschige Teppich fehlte, und die Sammler und Besucher mussten auf einem rohen Steinboden ihr Besichtigungsprogramm absolvieren. Ein Akt der Solidarität mit dem derzeit harten Leben eines ausstellenden Galeristen bei der Arco?

Die Arco wurde in den beiden Vorjahren massiv von der Wirtschaftskrise getroffen. Der in den letzten Jahrzehnten etablierte spanische Kunstmarkt ist durch die existenzielle Krise des Landes eingebrochen. Und damit auch die Beteiligung bedeutender ausländischer Galerien und deren Sammler. In ihrer diesjährigen Ausgabe fehlen renommierte Galerien aus Großbritannien, Deutschland und der Schweiz. Der neue Direktor Carlos Urroz sieht diese Krise aber auch als Chance und arbeitet sehr professionell an einem Relaunch der Messe.

Weniger Galerien, meist hohe Qualität

Die ersten Schritte der Neupositionierung hat er schon bei der diesjährigen Jubiläumsmesse gesetzt. Die Galerienanzahl wurde auf 197 reduziert. Ob tatsächlich gewollt oder nicht – es sind um fast 100 Galerien weniger als in den Hochzeiten der Messe – sei dahingestellt. Ein Rundgang über die Messe zeigte, dass das Fehlen bestimmter Galerien nicht zu einem merkbaren Qualitätsverlust geführt hat und man dadurch Künstler und Arbeiten entdecken konnte, die sonst vom medialen Glanz der Künstlerstars verdeckt gewesen wären. So zeigte der junge kubanische Künstler Wilfredo Pietro sehr plastisch auf, dass Kunstwerke sehr lange an einem haften bleiben können. Er hat den Boden der Galerie Nogueras/Blanchard teilweise mit Kaugummi bedeckt, der manchen Besucher länger als geplant am Stand der Galerie hielt. Mit historischer Aufarbeitung zwischen Spanien/Europa und Lateinamerika beschäftigen sich die ergreifenden Arbeiten des guatemaltekischen Künstlers Luis Gonzalez Palma (Galerie Espavisor, Valencia). In seinen Fotografien spiegelt er anhand von Gegenständen wie Möbeln sehr pointiert das komplizierte Verhältnis der beiden Kontinente. Auch inszeniert, jedoch mit einer sehr reduzierten Ästhetik sind die Arbeiten des japanischen Künstlers Mayumi Terada (Galerie Base, Tokio), der Interieurs nachbaut, in Schwarzweiß fotografiert und dadurch poetische Raumlandschaften generiert. Ein unverwechselbarer Duktus ist auch Bestandteil der fotografischen Arbeit von Mat Collishaw (BlainSouthern, London), der durch seine Technik und Bearbeitung Aufnahmen von Blumen in die Nähe klassischer niederländischer Malerei rückt.

Die österreichischen Galerien waren wie immer sehr stark in Madrid vertreten. Nicht weniger als elf Galerien stellten aus und boten meist ausgezeichnete Arbeiten an. Die Galerie Schwarzwälder zeigte neben Arbeiten von Polly Apfelbaum und Jessica Stockholder eine überaus sehenswerte neue Arbeit von Herbert Brandl. Thomas Krinzinger präsentierte die bemerkenswerte Malerei des jungen Spaniers Secundino Hernández, Grita Insam eine neue Arbeit von Peter Sandbichler, und die Galerie Georg Kargl überzeugte in der Standkonzeption mit Werken von Gerwald Rockenschaub, Andreas Fogarasi und Mark Dion. Aber unbedingt hervorzuheben ist der Gemeinschaftsstand der Galerien Senn, Charim und König, der durch das Design der Fotografin Elfie Semotan (eine raumgreifende Tapete, die die Innenwände ihres New Yorker Ateliers zeigt) zu einem der aufsehenerregendsten der ganzen Messe geworden ist. Im Kabinett haben die drei Galeristinnen zusätzlich Zeichnungen von Ralf Ziervogel, Maya Zack und anderen in einer russischen Hängung eingerichtet.

Fokus Russland: Alte Kunstmarkt-Hasen

Womit der Schwerpunkt der diesjährigen Arco angesprochen wurde. Die Messe hatte heuer den Länderschwerpunkt Russland, und dieser Fokus vermittelte sich in der Teilnahme von einigen Kunstinstitutionen und acht (!) Galerien. Das Gros der teilnehmenden Galerien war schon auf anderen Messen präsent. Es sind alte Hasen auf dem internationalen Kunstmarkt, wie die Galerien Aidan oder XL. Zu entdecken waren Galerien wie GMG aus Moskau oder Marina Gisich aus St. Petersburg, die mit ihrer Auswahl von Künstlern einen kleinen, interessanten Überblick lieferten, in welche – eigenständige – Richtung sich die zeitgenössische Kunst in Russland zukünftig entwickeln wird.

Grundsätzlich könnte man meinen, dass der diesjährige Fokus auf einem gegenseitigen Missverständnis beruhte. Die zeitgenössische Kunst- und Galerienszene in Russland (und dessen Kunstmarkt) ist einerseits bei weitem noch nicht dermaßen ausgeprägt und etabliert, dass er einen solchen Schwerpunkt rechtfertigte. Und andererseits kamen auch nicht die kunstinteressierten Oligarchen nach Madrid, um sich vor Ort mit Kunst einzudecken, was die Organisatoren möglicherweise gehofft hatten.

Relaunch und Neupositionierung

Es kann schon eine Crux mit dem internationalen Kunstmarkt sein. In der gleichen Woche, in der die Arco stattfand, wurden bei Auktionen in London zweitklassige Arbeiten renommierter zeitgenössischer Künstler zu enormen Preisen ersteigert, weil internationale Sammler doch noch viel Bares in der Hinterhand haben und anscheinend nicht wissen, wohin damit. Und auf der anderen Seite macht die Arco in ihrer Organisation nichts falsch: Es werden noch immer Hunderte Sammler aus allen Kontinenten eingeladen; das Sammlerprogramm (mit exklusiven Besuchen einzelner Museen und Privatsammlungen) zählt in seiner Vielfältigkeit zu den besten weltweit. Zudem investiert die Arco-Foundation erzielte Einnahmen sofort wieder in Ankäufe bei ausstellenden Galerien.

Natürlich findet der aufstrebende lateinamerikanische Markt, jahrelang fixer Bestandteil der Madrider Messestrategie, durch Kunstmessen in Miami, Mexico City oder Bogotá internationale Kunst nun quasi vor der Haustüre: ein Mitgrund für die diffizile, aber notwendige Neupositionierung der Arco. Unter Umständen wäre es ja für die Messe angebracht, weiter in der Geschichte zurückzugehen – vor 1492 und der Kolonisierung Lateinamerikas – und sich der arabischen (Kultur-)Wurzeln in Spanien zu erinnern. Gerade jetzt, wo Revolutionen ein junges, zeitgenössisches Nordafrika mit sich bringen
könnten.

Aufzählung Die Arco in Zahlen

Die Preise bei der Jubiläums-Ausgabe der spanischen Kunstmesse Arco konzentrierten sich auf mittlere sechsstellige, meist allerdings auf fünfstellige Beträge: in Hinblick auf die gebotene Qualität also ein ausgezeichneter Platz für jüngere Sammler.

Diesem Aspekt wird mit dem Nachwuchsprogramm "First Collectors" Rechnung getragen. Im oberen Segment konnte Galerist Harry Lybke einen Neo Rauch um 480.000 Euro an ein Museum verkaufen. Die Arbeiten des Kubaners Wilfredo Pietro wurden zwischen 10.000 und 45.000 Euro angeboten; die Preise für Fotografien von Luis Gonzáles Palma lagen zwischen 4000 und 6000 Euro, die von Mayumi Terada zwischen 2800 und 8200 Euro. Mat Collishaws Fotos kosteten zwischen 9000 und 11.000 Euro, seine Videoinstallation 75.000 Euro, beeindruckende Videostills von Isaac Julien um 36.000 Euro. Mittelgroße Leinwände von Herbert Brandl gab es ab 35.000 Euro, die Arbeiten von Secundino Hernández ab 11.000 Euro, die eindringlichen Zeichnungen der jungen Künstlerin Maya Zack zwischen 2800 und 3200 Euro.

Der Verkauf verlief unter den gegebenen Bedingungen für die meisten Galerien zufrieden stellend, wenn auch erst nach einigen Verhandlungen – ein positives Zeichen für die nächste Ausgabe der Arco.

 

Printausgabe vom Dienstag, 22. Februar 2011
Online seit: Montag, 21. Februar 2011 18:29:00

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