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| 02.09.2005 - Kultur&Medien / Kultur News | ||
| Lassnig: "Aber bin ja noch nicht gestorben" | ||
| VON ALMUTH SPIEGLER | ||
| Interview. Maria Lassnig gestaltet den Eisernen Vorhang der Staatsoper. Ein Gespräch über Sammler und Bauern. | ||
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Die Presse: Wie kommt es, dass Sie gerade jetzt den Eisernen Vorhang gestaltet haben? Maria Lassnig: Der Hans Ulrich Obrist (Kurator, Anm.) hat mich schon vor langem gefragt, ob ich das machen möchte. Aber er hat mir nicht gesagt, wie leicht das technisch funktioniert. Ich dachte immer, ich muss extra ein so großes Bild malen! Jetzt wurde ein zwei mal 1,50 Meter großes Bild von
Ihnen, "Frühstück im Ohr" von 1965, auf 176 Quadratmeter aufgeblasen.
Lassnig: Für mich wird das erschreckend sein - das kleine Bild, so groß! Es ist noch in Paris entstanden und war im "Salon de Mai" ausgestellt. Ich war damals sehr stolz, weil Yves Klein davor stehen blieb und fragte, wer es gemalt hat. Ich habe damals an der Porte de Bagnolet gewohnt, und da war es sehr laut. Der Lärm ist richtig eingedrungen. Deshalb das Ohr. Das Bild hat auch ein Geschwister, das "Frühstück mit Ei". Das hat Alfred Brendel gekauft. Als er gehört hat, dass es auch eines mit Ohr gibt, wollte er es umtauschen. Aber ich wollte es behalten. Wenn er jetzt in die Oper geht und es am Vorhang sieht, wird er einen Zorn haben. Welchen Bezug haben Sie zur Oper? Lassnig: Früher habe ich mir die Oper nie leisten können. Und seit ich mich völlig der Malerei verschrieben habe, finde ich keine Zeit mehr, auch nicht für die Musik. Aber wenn ich trotzdem irgendwo eine Oper höre, dann bin ich außer Rand und Band. Wie bei der "Traviata" aus Salzburg. Die habe ich von Anfang bis Schluss im Fernsehen gesehen. Vergangenes Wochenende ist Ihre Ausstellung in der
Sammlung Essl zu Ende gegangen. Waren Sie zufrieden mit ihr? Lassnig: Was soll ich dazu sagen. Die Zeit war mir nicht recht. Ich hatte andere Möglichkeiten auszustellen, in Amerika etwa. Aber ich kann nicht viele Dinge gleichzeitig machen. Ich bin kein Napoleon. Der Karlheinz Essl hat sich um meinen Willen nicht gekümmert. Auf den Knien habe ich ihn gebeten, dass er die Ausstellung verschiebt. Die Ausstellung hatte natürlich Höhepunkte, Essl hat nicht immer, aber sehr oft gute Bilder von mir gekauft. Aber er hat zu viel anderes dazu genommen, zu viel gemischt. Ein Sammler sollte sich bei einem Künstler auf eine bestimmte Zeit beschränken. Welche Phase würden Sie da empfehlen? Lassnig: Das kann ich nicht sagen. In letzter Zeit muss
ich überhaupt so schnell wechseln. Einmal mache ich etwas ganz
Realistisches, dann wieder nur Vorstellungs-Bilder. Das sind die zwei
Möglichkeiten bei mir. Die Leute finden das nicht so kontrastreich. Für
mich ist das aber schon so. Man sollte einem Ausstellungs-Publikum nicht
alles auf einmal füttern. Und dann hat Essl auch noch meine
Landmenschen-Aquarelle dazugegeben. Das soll man auch nicht, Ölbilder mit
Zeichnungen kunterbunt mischen. Das kann man in der Provinz machen.
Apropos Provinz. Sie werden ab Februar 2006 eine große
Ausstellung im Klagenfurter Museum der Moderne haben. In der Stadt, in der
Sie aufgewachsen sind. Lassnig: Ja, das ist schrecklich. Das ist die gleiche Ausstellung, die Essl gezeigt hat. Und er sagt immer, ich wäre einverstanden gewesen. Wissen Sie, dass die Kärntner immer, wenn Sie mit jemandem telefonieren, als erstes einmal "ja" sagen: Ja hallo Kiki, ja hallo Arnulf. Wahrscheinlich habe ich ihm auf seine Ankündigung, dass er die Ausstellung nach Kärnten schicken will, am Telefon geantwortet: "ja, wie ist denn das, ja wie soll denn das". Das hat er wohl als Zustimmung aufgefasst. Ich kann mir das sonst nicht vorstellen, weil ich war nicht begeistert. Ich habe mich schon über die Ausstellung in Klosterneuburg so gekränkt. Ich bin richtig krank geworden. Und jetzt kommt schon wieder eine Ausstellung, die ich nicht will. Ich habe alle Zustände bekommen, alles hat mir weh getan im Körper. Deswegen habe ich heuer nicht sehr viel malen können. Aber genau die gleiche Ausstellung scheint es nicht zu werden, es sollen noch Leihgaben vom Land Kärnten dazukommen. Lassnig: Das waren Unterstützungsankäufe,
Schülerarbeiten! Und die wollen sie jetzt mit meinen anderen Arbeiten
ausstellen. Ich kann mich anscheinend nicht wehren. Der Künstler hat kein
Recht in Österreich. Ich weiß nicht, ob das woanders besser ist. Aber ich
bin ja noch nicht gestorben! Ich könnte vielleicht verbieten, meine Bilder
auszustellen, wie das der Thomas Bernhard gemacht hat mit seinen Büchern.
Ich würde gerne in meiner Heimatstadt, wo ich aufgewachsen und wohl schon
total vergessen bin, eine gute Ausstellung machen. Aber nicht diese
Konglomerat-Ausstellung. Aber Essl ist doch Ihr größter Sammler. Lassnig: Nach der Zahl schon. Aber natürlich - Gott sei
Dank gibt es ihn. Er sollte aber mehr die Künstler fragen und bessere
Berater haben. Jetzt erzählt er allen, die Lassnig sei so schwierig. Er
ist schwierig. Die Aquarelle der Landleute aus der Feistritz sind aber
doch großartige Porträts - man war froh, dass man sie sehen durfte in
Wien. Lassnig: Ich habe sie ja nur für die Bauern gemacht, die haben das Wort Kunst außer "kunst ma net das und das geben" noch nie gehört. Ein paar Bauern haben gesagt: "Fotografieren dürfen Sie mich, aber zeichnen nicht." Warum, das konnten Sie nicht artikulieren. Vielleicht hatten Sie Angst, dass ich Ihnen die Seele stehle. Jetzt gibt es ja diese schreckliche Untugend, dass alle von Fotos herunter malen. Das ist wie eine Epidemie. Das wird immer ein Abklatsch. Wie lange malen Sie am Tag? Lassnig: Ich habe nie länger als zwei Stunden am Tag gemalt. Das aber konzentriert. Und wenn nichts herauskommt, hofft man eben auf den nächsten Tag. Man kann immer etwas besser machen, oder total kaputt machen. Das habe ich früher oft gemacht. Und wie verbringen Sie den restlichen Tag? Lassnig: Da muss ich mich versorgen, ich habe nicht die
geringste Hilfe. In letzter Zeit manchmal eine Sekretärin. Aber jetzt muss
ich schon anfangen, alles zu ordnen. Ich wollte einmal ein Werkverzeichnis
machen, aber das ist fast nicht möglich, weil die Galeristen, die die
Bilder verkauft haben, nicht mehr wissen, wohin sie sie verkauft haben.
Die haben kein optisches Gedächtnis. Das Mumok hat von Ihnen auch schon Jahrzehnte lang nichts mehr gekauft. Lassnig: Ja, leider. Der gute Köb (Direktor des Mumok,
Anm.) war zwar zwei-, dreimal bei mir in letzter Zeit. Aber die ganzen
Stunden hat er nur davon geredet, dass er kein Geld hat. Nur für die
Wiener Aktionisten scheint er Geld zu bekommen. Es sagt zwar immer, er
liebe die Malerei - aber sehen tut man nichts davon. Im Mumok ist von mir
jahrzehntelang nur so ein kleines Bilderl ausgestellt gewesen. Dabei
hätten sie genug: Die ganzen Tierbilder, die ich in Amerika gemalt habe,
von denen hat der Dieter Ronte (ehem. Chef des Mumok, Anm.) viel gekauft.
Aber seit damals nichts mehr. Nicht einmal bei der Ausstellung 1999 im
20er Haus. Haben Sie sich eigentlich schon einmal überlegt, was mit
Ihren Bildern - von denen Sie ja noch viele haben - einmal passieren soll?
Sie geben ja angeblich keine Bilder mehr her. Lassnig: Darüber möchte ich eigentlich nicht reden. Ich habe zwar eine Stiftung gemacht, aber ich bereue es. In Österreich ist ja niemand da, der sich dann daran hält, was man haben will. Bereuen Sie es eigentlich, dass Sie keine Kinder haben?
Lassnig: Ich habe instinktiv gemerkt, dass ein Kind mir viel Kraft genommen hätte. Jetzt tut mir das Leid. Aber ich habe auch nie den richtigen Mann dazu erwischt. Aber Sie sind doch sehr gut beisammen? Lassnig: Ich muss mich sehr sehr zusammen nehmen, das Kreuzweh überwinden. Ich denke, irgendwann lässt man sich einfach gehen, und dann stirbt man. Und dann ist man froh sogar, dass man stirbt. Das ist so wie Schlafen. Dann tut einem auch nichts mehr weh, wenn man schläft. Glauben Sie nicht, dass man dann vielleicht wieder
aufwacht? Lassnig: Sie meinen Wiedergeburt? Toll! Als was, glauben
Sie denn, dass Sie wiedergeboren werden? Als eine Prinzessin von Hawaii?
Sie sind eine Romantikerin. Es fällt mir schwer, an so etwas zu glauben.
Obwohl ich nicht alles glaube, was die Wissenschaft sagt. Es gibt sicher
andere Sachen, als die, die man bis jetzt gefunden hat. Das Letzte
wahrscheinlich noch immer nicht. |
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