Salzburger Nachrichten am 6. Dezember 2006 - Bereich: Kultur
Die neue Wilde

Im Wiener MAK zeigt die Künstlerin Elke Krystufek bis 1. April 2007 eine verwirrend überbordende, mehrteilige Werkschau unter dem Titel "Liquid Logic".

ERNST P. STROBL WIEN (SN). Die 1970 geborene Künstlerin Elke Krystufek hat sich in eineinhalb Jahrzehnten in die internationale Wahrnehmung vorgearbeitet. Seit rund einem Jahr trieb sich die Künstlerin im Museum für angewandte Kunst (MAK) herum und stellte Studien an, nahm den Sammlungsbestand in Augenschein, machte Fotografien und nahm das Haus in Besitz. Bis 1. April 2007 ist im MAK nun das Ergebnis mehrerer Gedankengänge in einer überbordenden Ausstellung vereint. "Liquid Logic" ist eine Art bunte Collage über mehrere Räume. Wie eine Enkelin der Aktionisten oder Epigonin von Valie Export oder Vivienne Westwood hatte Elke Krystufek nie Hemmungen, ihren eigenen Körper bis hin zu sonst verborgenen Spalten an die Öffentlichkeit zu bringen. Diese bis zur Obszönität reichende Offenheit kommt zwar in der Ausstellung auch vor, eine Vagina spaltet die Stirn oder ersetzt den Mund auf Selbstporträts, bildet aber nicht den Mittelpunkt.

Alles von Elke Krystufek und noch mehr Originale Ausstellungsstücke aus dem MAK-Sammlungsbestand werden einerseits in Vitrinen gezeigt und ergänzend auf - mehr oder weniger einfallsreich arrangierten - Fotografien zum Requisit. "Liquid Logic und Vally Wieselthier" etwa zeigt eine Skulptur der Keramikerin mit angezogenem Knie und als Ebenbild eine nackte Elke Krystufek in derselben Haltung.

Ein Gegenstück zur Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky gibt es auch, die Küche von Elke Krystufek als begehbare Skulptur bringt eines zum Vorschein, "da schaut's aus wie Schwein" inmitten der "heimelig" mit Bildern, Sprüchen und Karten zugepickten Wände und Möbel, wo sich auch verwesende Bananenschalen finden.

Eine fast wütend wirkende Ironie ist eines der Kennzeichen des Sammelsuriums an Ideen. Eine "Adult Section" zeigt farbige Riesenpenisse, winzig dagegen nimmt sich ein roter Fleck aus, der sich als Hinweis auf den MAK-Hausherrn Peter Noever entpuppt, als dessen fiktiver Orgasmus.

Ganz in der Art von Raymond Pettibon, dessen Arbeiten derzeit in der Kunsthalle Wien zu sehen sind, beschriftet Krystufek ihre zahlreichen, fast zur Schablone erstarrten Selbstporträts in einer wilden Mischung aus Wörtern und Sätzen wie Rap auf Papier. Die Wände der Räume sind mehr oder weniger lustig beschriftet. Auch Monstranzen und der Papst entkommen der Sammel- und Bilderwut Krystufeks nicht. Ein Hakenkreuz wird als Bücherregal getarnt, zu Kultobjekten gewordene Designmöbel gibt es in roh geschnitzter Version. Einen Schwerpunkt bildet ein Film auf den Spuren des im Ozean verschollenen holländischen Künstlers Bas Jan Ader - Elke Krystufek ist seine Wiedergeburt.Information: Elke Krystufek. Liquid Logic, 6. 12. bis 1. 4.2007, www.mak.at