
Info
Bis 13. 9.

Wien - "Ich interessiere mich mehr für das Bild als für die Wirklichkeit", sagt Thomas Ruff. Sein Medium ist die Fotografie, und diese gilt seit ihrer Erfindung gerade als jene Technik, die es am besten vermag, Wirklichkeit objektiv einzufangen. Ihr schreibt man zu, die dreidimensionale Welt in ein zweidimensionales Bild übersetzen zu können. Die Fotografie antwortet auf das tagtägliche Bedürfnis, "des Gegenstands aus nächster Nähe im Bild, vielmehr im Abbild, in der Reproduktion, habhaft zu werden" (Walter Benjamin).
Und diese Absurditäten des Mediums Fotografie, die Unerfüllbarkeit der in sie gesetzten Erwartungen, sind es, die Thomas Ruff in seinen großformatigen Hochglanzabzügen vorführt. Ruff zeigt Oberfläche, wo der Betrachter allzu gern Tiefe hineindenkt: "Ich gehe davon aus, dass die Fotografie nur die Oberfläche der Dinge abbilden kann." Mit diesem Zitat empfängt der 51-Jährige die Besucher seiner Personale Oberflächen, Tiefen in der Kunsthalle. Hierzulande der erste umfassende Überblick - etwa 150 Arbeiten aus elf Serien - über das Werk eines der international anerkanntesten Fotokünstler. Eines Becher-Schülers, den seine in den 1980er-Jahren begonnene Porträtserie berühmt machte.
Entlarvte Bilder
Dass es gerade seine großformatigen Fotografien unendlicher Weiten des Alls, der Sternen und Planeten, die allein mittels Raumsonden aufgenommen werden konnten (Cassini-Serie), sind, die Ruff dazu benützt, Bilder als reine Oberflächen zu entlarven, das ist ein Kunstgriff von besonderer Ironie. Gerade die frühe wissenschaftliche Fotografie, die Sterne und Himmelsphänomene sichtbar machte, die für das bloße Auge unsichtbar waren, revolutionierte das Sehen wie das damalige Weltbild und trug nebenbei zum unerschütterlichen Glauben an das Wirklichkeitsmedium Fotografie bei.
Und Ruff? Ruff kratzt an diesem Status. Er nutzt Bilder von der Nasa-Website, Aufnahmen, die die Cassini-Raumsonde vom Saturn und seinen Monden aufgenommen hat, manipuliert, koloriert sie und bläst Ausschnitte daraus zu eindrucksvoller Größe auf. Aus angemessenem Abstand betrachtet ergibt sich ein imposantes Bild: ja, untrüglich der Weltraum. Nahe an die spiegelnde Oberfläche herangetreten, enttarnt sich der Zauber. Ein bläuliches Schimmern um den Mond (Cassini 15), das sich in Pixelraster auflöst. Farben und Formen, die das Motiv zugunsten des digitalen Mediums vergessen machen. Ein anderes Bild (Cassini 06) zeigt, wie der Saturnring hinter dem Planeten verschwindet. Der Ausschnitt ist so nahsichtig gewählt, dass die Manipulation - der Fehler - in den Blick fällt: Pieksen doch zwei, drei Pixel des Rings in den Planeten hinein. Ein Detail, welches das Foto in eine abstrakte Komposition von geradezu malerischer Qualität verwandelt. Foto, ein Abbild? Im Arrangement der Ruff'schen Weltraumbilder hat die Kunsthalle etwas zu sehr der verführerischen Kraft ihrer Oberfläche nachgegeben. Innerhalb dieser Dominanz erscheinen die Bilder aus seiner ebenfalls 2008 begonnenen Serie Zycles jedoch wie verräterische Hinweise: Auch sie bannen Dreidimensionales - Bewegungskurven - in den zweidimensionalen Bildraum.
Alte Kupferstiche elektromagnetischer Wellen haben ihn zu diesen computergestützten Arbeiten inspiriert, erklärt Ruff. "Komplexe mathematische Formeln und unsichtbare Graphen sichtbar zu machen", das interessiert ihn. Die "Zeichnungen, die nur über Mathematik zu machen sind", hat Ruff abfotografiert. Aber nicht nur Dreidimensionalität - "auch der Klick findet virtuell statt."
Oder über die Fotografie. Denn ein Blick zurück, zu seiner frühen Serie der Interieurs, zeigt, dass Ruff schon damals wenig am Dokumentarismus seiner Lehrer interessiert war. Die Fliesendekors, Tapeten- und Vorhangmuster scheinen mehr Teile einer grafischen Komposition. Auch die Ende der 1980er entstandenen monumentalen Gebäudefotografien gehorchen keinem Dokumentarismus, sondern allein dem Willen Ruffs. Bei einem frontalen Foto eines Mehrfamilienhauses störte ein offenes Dachfenster die angestrebte Symmetrie. Es fiel ebenso wie Baum und Straßenschild der Retusche zum Opfer. Das Ergebnis zeigte ihm: "Es gibt eine arrangierte Wirklichkeit." (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe 25.5.2009)