Nach der „Arschbar“ geht’s zum Museum-TV
ERNST P. STROBL Wien (SN). Sie hören auf den Namen „BarRectum“, „BikiniBar“ und „Darwin“ und schauen aus, als ob über dem Museumsquartier ein kolossaler Alien explodiert wäre. Man darf sich wieder aufregen, denn „Darwin“ ist ein dunkelblaues Spermium und dank eines Doppelbetts gleichsam bewohnbar, „BarRektum“ ist ein Mastdarmgebilde, der Eingang zur „Arschbar“ im Inneren ist allerdings an die Seite verlegt. Man kann fast froh sein, dass der Torso der Bikinifrau nicht dort geöffnet ist, wo man an der Hamburger Reeperbahn beispielsweise das Lokal „Zur Ritze“ betritt. Die Kunstbelustigung im Hof und vor dem Museumsquartier stammt von dem niederländischen Künstlerkollektiv Atelier Van Lieshout, im Sommer wird die seltsame, amorphe Skulpturensammlung für „Events“ genützt.
Künstlerisch aufregender und anspruchsvoller ist das, was im grauen Quader des Mumok gezeigt wird. Unter dem Ausstellungstitel „Changing Channels“ sind dort auf einer Unzahl von Monitoren mehr oder weniger gelungene Versuche zu sehen, wie Künstler mit dem Medium Fernsehen zwischen 1963 und 1987 umgegangen sind.
Die Schau ist von solchem Überfluss geprägt – allein die Gesamtdauer der Filme schätzt Kurator Matthias Michalka auf vier Tage „Schauzeit“ –, dass das Museum sich entschlossen hat, ein Ticket für zweimalige Besuche auszugeben. Direktor Edelbert Köb diagnostizierte bei der Pressepräsentation am Donnerstag, dass „die Kunst unter der Bilderflut unserer Zeit“ leide. Um die Schau „konsumierbar“ zu machen, wurden Ruheinseln eingerichtet.
Die von Köb befürchtete Skepsis des Publikums vor solcher Art von Ausstellungen wird sicherlich befördert durch die technologische Entwicklung. „Neue“ Medien veralten schnell. Inhaltlich hat Michalka auf Reduktion gesetzt, geht chronologisch vor und setzt Schwerpunkte. Zu sehen sind auch legendäre Reflexionen auf den TV-Betrieb mit seinen Manipulationen und Selbstdarstellungsplattformen sowie Videokunst von Nam June Paik bis Andy Warhol. Dessen Produktion aus der „Factory“ ist zur Gänze in die Flimmerschau integriert.
Warhols Oeuvre für das Fernsehen umfasste schon früh Prozesse der Selbstdarstellung, Celebrities, Mode und Pop, seine „15 Minuten Ruhm“ haben heute Ausformungen der üblen Art im realen TV-Programm, wo sich jeder vor die Kamera drängt. Die Macht der Bilder nutzten auch John Lennon und Yoko Ono bei ihren Bed-Ins in Amsterdam und Wien.
T. R. Uthco und Ant Farm haben John F. Kennedy in ein Hergottswinkerl gestellt mit Aufnahmen vom Attentat und „Heiligenbildchen“ aller Art. Zu sehen sind auch Gerry Schums letztlich gescheiterte TV-Ausstellungen „Land-Art“ und „Identifications“. Bis 6. Juni. www.mumok.at
