Salzburger Nachrichten am 19. November 2002 - Bereich: kultur
Kompetenz für Kunst

Seit zehn Jahren gibt es die Kunsthalle Wien. Aus dem Provisorium auf dem Karlsplatz wurde ein beachtetes Kunst-Zentrum, jetzt im Museumsquartier.

LASZLO MOLNAR

WIEN (SN).

Eines ist sicher: So auffällig wie einst im Provisorium ist die Kunsthalle Wien nicht mehr. Es hätte einem Ort, an dem die aktuelle Kunstproduktion unserer Zeit präsentiert werden soll, nichts Besseres passieren können, als in einer gelben Kiste in einen der prominentesten Orte der Stadt, dem Karlsplatz, regelrecht hineingehauen zu werden. Im September 1992 war das, also vor zehn Jahren, als die Stadt Wien, schon mit Perspektive auf das Museumsquartier, ihre Kunsthalle auf dem Karlsplatz er-öffnete. Der Architekt Adolf Krischanitz kümmerte sich auf das Sorgfältigste um die Umgebung. Von der gelben Kiste sollte nichts verschont bleiben, nicht einmal die vierspurige Wienzeile, über die eine Fußgängerbrücke in Form einer Röhre führte.

Wem die Kunsthalle da nicht alles im Weg stand: dem Blick auf die Karlskirche aus Richtung Secession; dem Blick auf die Secession aus Richtung Karlskirche. Sogar dem Stefansdom bot sie Paroli. Kunst zählt etwas in Wien, darin waren sich die damaligen Verantwortlichen, Bürgermeister Zilk und Kulturstadträtin Pasterk, einig.

Wie immer in Wien wird eine umstrittene Geschichte letztendlich zur Erfolgs-Story. Man gewöhnte sich an die Kiste, man gewann sie lieb. Das Cafe` mit Terrasse zum Karlsplatz hin wurde ein Hit und lebt auch heute, im auf 500 qm abgemagerten Project-Space, weiter. Über eine Million Menschen besuchten seit 1992 die Ausstellungen der Kunsthalle Wien. Fünf Jahre hatte man dem Container am Karlsplatz gegeben, fast neun Jahre, bis zum Umzug der Kunsthalle ins Museumsquartier 2001, hatte er gehalten.

Dass die Kunsthalle im Museumsquartier weitermachen würde, daran gab es bald keinen Zweifel mehr. 1996 folgte dem ersten Direktor, dem vom Kunsthaus Zü-rich abgeworbenen Toni Stoos, ein Doppel-Direktorium mit der Ausstellungsmacherin Cathrin Pichler und Pasterks damaligem Kunst-Berater, dem Vorarlberger Gerald Matt, als Geschäftsführer. Matt fand bald selbst Gefallen am Kuratieren und Pichler ging 1998.

Gerald Matt hat den Umzug der Kunsthalle ins Museumsquartier auf seine eigene, konflikt- und durchsetzungsfreudige Art bewältigt. Er eröffnete sein Haus bereits Mitte Juni 2001, also zwei Wochen vor der offiziellen Eröffnung des Museumsquartiers. Dort ist die Kunsthalle Wien von der optischen Frontlinie in das zweite Glied gewandert: Man sieht den Ziegelbau eigentlich erst, wenn man tief hineinstößt ins Gelände und sich die Gebäude von hinten ansieht. Matt hingegen blieb ganz vorne.

Er hat sich nicht nur als ein streitbarer Anwalt der Kunst erwiesen, sondern auch der Interessen der - wie es im MQ-Fachjargon heißt - Nutzer des Areals. Unter den Vertretern der großen Institutionen, Museum Leopold und Museum Moderner Kunst (MUMOK) ist es vor allem Matt, der auf Zustände im MQ aufmerksam macht, die seiner Meinung nach nicht in Ordnung sind.

Die Historie der Unzufriedenheit ist lang. Aber die Kunsthalle gedeiht. "Die Kunsthalle ist heute ein Kompetenzzentrum für Zeitgenössische Kunst", beschreibt der Direktor den Anspruch seines Hauses in einem Interview. "Sie ist eine Agora für kulturelle Bewusstseins- und Problemlagen, wie sie zum Beispiel Kunst transportiert. Ich sehe das Haus als soziales Wesen." Was, aus Matts Sicht, auf das Museumsquartier nicht zutrifft: "Das Musemsquartier gehört verändert. So, wie es ist, ist es ein Flop."