19.09.2003 21:32
Space-Barbies Sarkophag
Vom
Galaktischen keine Spur? Heftige Kontroversen um das Kunsthaus Graz
"Friendly Alien" nennen die Architekten Peter Cook und Colin
Fournier ihr Kunsthaus Graz, das kommenden Samstag zwar noch nicht fertig ist,
aber sicherheitshalber eröffnet wird - und bereits heftige Kontroversen auslöst.
Vom Galaktischen, sagt Ute Woltron, blieb kaum eine Spur, der Extraterrestrische
verröchelte beim Eintritt in die irdische Biosphäre an seiner Eigenlast.
Graz ist ein sehr erdnahes Städtchen. Nicht zu groß, nicht zu klein. Alt
und schön gewachsen, die neuen Architekturen fast immer sorgfältig und gut
gemacht. Die Leute: Lustig, vital, freundlich.
Einen "Freundlichen
Außerirdischen" wollten sie denn auch in ihrer Mitte aufnehmen, ein Kunsthaus
der besonderen Art. Unternommen hatte man bereits mehrere Anläufe, die Zeit
wurde langsam knapp. 2003 stand im Zeichen der Kunst und der Kultur, der
Außerirdische sollte rechtzeitig in diesem festlichen Jahr landen, als einer der
Höhepunkte gewissermaßen. Die freundlichen Grazer begannen zu hudeln, der
Außerirdische zu trudeln, das Resultat steht nun bruchgelandet am Murufer, und
das ist nicht schön anzuschauen.
Das Kunsthaus Graz, entworfen von den
britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier, ausgeführt von einer
ganzen Planer-, Architekten- und Krisenmanagementriege, ist in jetzt quasi
fertig gestelltem Zustand nur noch die Ahnung der Idee, die einmal dahinter
steckte.
Diese Idee des Fließenden, Transluzenten, des Raumgewoges und
des Amorphen ging zugrunde, weil man die wichtigsten Faktoren jedes Transportes
durch den Raum in der Alien-Euphorie außer Acht ließ: die der Zeit, der Kosten
und nicht zuletzt der Möglichkeiten.
Als die beiden Architekten im April
2000 den Architekturwettbewerb Kunsthaus Graz mit ihrem spektakulären bläulichen
Blasengebilde gewannen, erklärte Colin Fournier dem STANDARD gegenüber noch
hoffnungsfroh: "Die Form und das Design des Objektes sind eigentlich simpel,
dafür haben wir alle Raffinesse in die Haut gelegt."
Bedauerlicherweise
erwiesen sich diese Raffinessen als optimistische Gedankenspielerei, aber als
nicht umsetzbar. Jedenfalls nicht bis 2003. Bei gleichzeitiger Beibehaltung
simpler Form und simplen Designs blieb dabei freilich recht wenig
übrig.
Material und Konstruktion dieses Gebäudes hätten eins sein sollen:
Die Hülle war als mehrschichtiges, in sich gekrümmtes Laminat geplant, als Haut,
die in bis zu 100 Quadratmeter große Stücke hätte gegossen werden sollen, ein
Material, aus dem normalerweise Segelyachten gebaut werden. Fournier damals: "In
dieses Material können auch innen und außen Displays eingegossen werden sowie
alle erforderlichen Leitungen." Transluzent hätte diese Haut sein sollen, oder
dann wieder blickdicht, jedenfalls veränderbar, auch in ihrer Farbe.
Nichts dergleichen hat die Landung des Hauses überlebt. Die Gnade des
Fernblicks vom anderen Murufer und des Herbstes, der die Blätter noch nicht
abgeworfen hat und damit sanft die Sockelzone verhüllt, lässt noch hoffen. Das
quallige Konstrukt fügt sich vom Schlossberg aus betrachtet recht interessant in
die umgebende alte Dachlandschaft ein. Doch jeder Schritt näher offenbart
größere Qual.
Die vormals so elegant geplante Haut wurde zur
Schuppenoberfläche fragmentiert. 1280 in sich gekrümmte Acrylglasscheiben, von
denen keine der anderen gleicht, bedecken den Leib. Keine Frage, hier wurde
aufwändigste technische Meisterarbeit geleistet, doch was bringt sie? Hinter
dieser Schicht schichtet es sich weiter, und zwar in Stahl und Folie und anderen
Materialien, sodass die Innenräume zu zappendusteren Höhlen
degradieren.
Der Alien wird in sich zum Troglodyt. Da nutzen auch die so
genannten "Nossels" nichts, diese fetten schneckenfühlerartigen Ausstülpungen in
der Dachhaut. Wozu die gut sind, kann heute eigentlich keiner mehr so recht
sagen, denn auch am wolkenlosen, strahlenden Herbsttag fällt kaum Licht in den
darunter liegenden Ausstellungsraum. Die angekündigten Nossel-Spielereien mit
allerlei Linsen, die das Licht bündeln und je nach Bedarf hätten disziplinieren
sollen, wurden aus Geldmangel nicht umgesetzt.
Doch schon bevor der
Besucher in dieses kleine Reich der Finsternis eindringt, springt ihn erst
einmal die formale Katastrophe des Sockelbereichs nachgerade mit Wut an. Was
oben blasenartig rundlich in Acryl quillt, ruht unten auf scharf facettiertem
Glas. Auf der dem Murufer abgewandten Seite wächst der Sockel erst in gebogenen
Stahlplatten empor, mündet in plane Glasscheiben, wächst zur Blase aus - der
gebaute Beweis dafür, dass die Not nicht immer zur Tugend wird. Irgendwie wirkt
das Ganze so, als ob Space-Barbie auf einem Sarkophag kalter deutscher
Bankarchitektur zu Grabe getragen würde.
Immerhin hat man sich bemüht,
die Blase auch im Foyer spürbar zu machen: Sie setzt sich über den Köpfen der
Besucher fort, eine lange Rolltreppe führt in ihr Inneres. An dieser Stelle hält
man erstmals inne und hofft angesichts der offen liegenden Acrylschuppen, dass
die Stadt Graz ein eigenes Kunsthaus-Budget für die laufenden Wartungsarbeiten
eingerichtet hat.
Denn wie diese Dinger innenflächig zu putzen sein
werden ist eine interessante Frage für sich. Und unter den Außenschuppen
befinden sich Hunderte Leuchtstoffröhren, die das Konstrukt abends zum Glühen
bringen sollen. Ihre Lebensdauer ist mit sieben Jahren begrenzt. Auswechseln
kann man sie nur, indem die Platten abmontiert werden - ein enormer Aufwand beim
Glühbirnenwechseln.
Von diesen düsteren Gedanken umwölkt gleitet man über
die Rolltreppe gemächlich in den ersten Ausstellungsraum, über den es wenig zu
sagen gibt. Die Blase ist hier nicht spürbar, die Innenwände wurden mit
dunkelgrauen, in Dreiecken aufgerasterten Stahlgewebepaneelen überzogen. Für
eine echte Innenhaut reichte einmal mehr das Geld nicht. Eine verloren wirkende,
ebenfalls dreieckige Fensteröffnung stellt den einzigen Bezug zur Grazer
Außenwelt dar. Sie zu schließen und das Ding in eine Black Bubble zu verwandeln
dürfte kein Problem darstellen.
Über den oben gelegenen Ausstellungsraum
gibt es letztlich ebenfalls wenig zu sagen. Ein bisschen rundlich, absolut
düster, alles grau in grau und stahlnetzbespannt. Bis auf die Nossels. Wo die
sich auszustülpen beginnen, endet die Bespannung. Hier liegen die Stahlrippen
kläglich offen. Was soll man sagen, das Geld hat nicht gereicht.
Dem
Besucher bleibt wenig mehr als die Flucht in den - nur von innen betrachtet -
einzig schönen Raum. Der heißt Chillout-Zone und befindet sich murseits als
schmale Glasnadel in die Blase eingeschoben über den Baumwipfeln. Der Blick ist
fantastisch, Graz eine Pracht. Hier kann verweilen, wer von Kunst und
Blaseninnerem genug hat. Kaffee gibt's keinen, die Bar ist anderswo. Und so
fesch der Raum mit Blick von innen ist: Von außen betrachtet ist die "Nadel" in
der Blase formal unverständlich, überflüssig, störend.
Peter Pakesch wird
als Intendant des Joanneum das neue Haus nun denn bespielen. Er habe Erfahrung
mit schwierigen Räumlichkeiten, meint er, und er freue sich auf die
Herausforderung. Die Grazer werden in ihrem Kunsthaus sicherlich manch schöne
Ausstellung betrachten dürfen, doch diese Möglichkeit hätten sie in anders
gestalteten Häusern mindestens ebenso gut gehabt. Wahrscheinlich sogar
besser.
Was die Baukosten anbelangt, so bewegte man sich trotz
konstruktiver Herausforderungen sonder Zahl im vorgegebenen Rahmen, nach
derzeitiger Sicht belaufen sie sich auf 37,5 Millionen Euro (netto und vor
Schlussrechnung).
Fazit: Das Experiment Kunsthaus wurde durchgeführt,
gelingen wollte es nicht. Konzept und tatsächliche Umsetzung klaffen zu weit
auseinander, das Visionäre in der Architektur blieb außerirdisch, es zerschellte
an den Grenzen irdischer Umsetzbarkeit. Darum wird Graz von Bilbao, dessen
Effekt man sich so erhoffte, wohl weit entfernt bleiben. (DER STANDARD,
Printausgabe, 20./21.9.2003)