Wiener Albertina zeigt in rund 180 Arbeiten Max Weiler als Zeichner
Bewegte Farbinseln
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Ein Selbstporträt Max Weilers aus dem Jahr 1990. Foto: Yvonne Weiler/Albertina
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Max Weilers "Rasenstück" von 1982 in grüner Wachskreide und Farbstift
auf Japanpapier könnte neben dem berühmten Aquarell Albrecht Dürers mit
gleichem Sujet in der Albertina den Wandel des künstlerischen Blicks auf
die Natur gut erläutern. Zwar sind beide Wiesen-Ausschnitte, doch aus
der Naturstudie wird ein Naturphänomen, eine Auseinandersetzung mit
Form, weniger der äußeren als einer inneren Welt.
Schaffens-Querschnitt
In einem dreijährigen Forschungsprojekt hat Regina Doppelbauer knapp
4000 Blätter des Künstlers erfasst, davon sind nur 180 für die
Ausstellung "Max Weiler. Der Zeichner" ausgewählt worden. Ein
repräsentativer Querschnitt, der chronologisch die Genese des
eigenwillig sich entfaltenden grafischen Werks neben der Malerei
aufzeigt. Ab 2013 werden alle Blätter online abrufbar sein.
Weiler (1910 bis 2001) wurde von jedem Direktor der Nachkriegszeit
angekauft – dadurch hat die Albertina einen Grundbestand aus sieben
Jahrzehnten Schaffenszeit. Nun treffen große Papiere und Friese auf ganz
kleine Studien, auch das letzte Wachskreidenblatt aus der
Privatstiftung, wenige Tage vor seinem Tod entstanden, zeigt seine
typischen kleinen Farbinseln. So spannend die kleinen Aquarelle aus der
Frühzeit sind, als Weiler im katholischen "Bund Neuland" mit anderen
Künstlern nach 1930 von einer asketischen Reform des Lebens träumte,
wirklich charakteristisch für sein Werk sind sie noch nicht.
Das frühe Selbstbildnis in Kohle (1930) zeigt wie die "Natur" als
personifizierte Mutter einen Suchenden, Studierenden; allerdings ist die
spirituelle Erfassung von Wolken und Wäldern auch für den Neuaufbruch
nach 1950 wichtig geblieben.
Zerlegung der Formen
Nach der Kriegszeit löste sich Weiler durch eine Orientierung
Richtung Frankreich von den Neuländern, blieb noch im "Naturhaften" mit
Figuren, Pflanzen und Bergen. Erst in den 60er Jahren kommt es zu einer
immer stärkeren Hinwendung zu Formzerlegung und Strukturen, weg von der
Linie zum Strich mit Brüchen, abstrakten Auflösungen. Lange hielt die
Forschung dabei die Natur als erste Anregungsquelle, die eigentliche
"Natur" entdeckte Weiler aber in seinen Probierblättern, seinen
Schmierblättern und Paletten. Zwar hat er darüber verrätselt in seinen
Tagebüchern, den "Tag- und Nachtheften", geschrieben, aber erst in den
letzten Jahren haben Edelbert Köb und Margret Boehm die Beschreibung
"Bilder aus dem Unbewussten" und "wie einen Natur" auf diese
Palettenpapiere bezogen. Großer Unterschied zu den zeitgleichen
Informellen oder den abstrakten Expressionisten ist Weilers
seismografischer Umgang mit Blatt und Leinwand, sein nahezu
geografisches Bauen nach unbewussten Resultaten auf den Probierblättern.
Diese Neuorientierungen ab 1960/70 haben oft poetische Titel wie
"Strichwesen" oder "Nachtberg" und sie sind zwar als "Brocken" oder
"Windbäume" im Tiroler Gebirge lesbar, aber dabei immer reine
Formengewitter aus der Naturanalyse. Weilers selbstreflexive
Vorgangsweise schaut eher bis zu den Tuschetechniken Chinas als die
körperliche Erregung der Expressiven zuzulassen. Selbst in gerissenen
Blättercollagen dominieren die reine Form und die Tonlage des
Farbflecks. Elementare Ereignisse wie Gewitter kommen als gegenläufige
Strichknäuel daher, Hänge falten sich wie Explosionen aus der Tiefe.
Alles bleibt wie sich ablösende Kontinente in Bewegung.
Ausstellung
Max Weiler. Der Zeichner
Regina Doppelbauer, Edelbert Köb (Kuratoren)
Albertina Propter
Homines Halle
bis 16. Oktober
Printausgabe vom Freitag, 10. Juni 2011
Online seit: Donnerstag, 09. Juni 2011 16:57:00