Der bekannteste Unbekannte, ein Grenzgänger zwischen den Künsten, wird heuer den "steirischen herbst" eröffnen: Gerhard Rühm, Lautpoet, Musiker, Maler, nebenberuflich auch Archivar der Wiener Gruppe, wird in einer Ausstellung und im Theater umfassend geehrt. - Aus gegebenem Anlass: ein Porträt.
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Pro: Gerhard Rühm, dem heuer der steirische herbst einen Schwerpunkt widmet, ist wohl sehr fein, differenziert, aus bestem Hause und verfügt als emeritierter Professor der Hamburger Kunstakademie notwendigerweise über den besten Leumund.
Kontra: Da schreibt er, und das schon 1954, Chansons wie dieses: "o come/ again/ and piss/ on me/ my dear/ my dear/ my dear." Und das singt er dann auch, sich selbst mit wenigen, fremden Klavierakkorden begleitend, in leicht "entrischem" Tonfall. Und alles sehr freundlich, auch das hier: "liebling du hast mich heute ausgelacht/ liebling drum hab ich dich jetzt umgebracht".
Gerhard Rühm ist der große Künstler der Brüche, der Abstürze, die er in todernster und sehr aggressiver Ironie ausstellt. Das Verdrängte in Schlagermelodien der 50er-Jahre, wo - ganz ohne Pisse - bei Capri die Sonne im Meer versinkt, kann er bewusst machen, und er kann auch durch Kontraste zwischen Form - etwa das idyllische Reimschema - und deren Füllung (ausgelacht/umgebracht) die Widersprüche offen legen. Leider wird Gerhard Rühm immer auf die Wiener Gruppe reduziert, die er in seiner konstruktiven Anthologie 1967 geschlossen präsentierte und seither - auch als Herausgeber des Werkes von Konrad Bayer - begleitend immer wieder kommentiert hat. Doch verschwindet er oft hinter der "Gruppe", er ist bekannt und in seiner Eigenständigkeit doch immer noch zu unbekannt. Deshalb soll hier nicht weiter die übliche Schiene gefahren werden. Oder nur insofern, als die Eigenständigkeit von Gerhard Rühm in diesem Kreis betont wird:
Was er damals als Musiker, als bildender Künstler (montierend, collagierend) und als Dichter einbrachte, das trieb der Wortkomponist in den letzten Jahrzehnten von Köln aus im WDR-Hörspielstudio weiter: Montagen aus dem Sprachabfall - "es gibt eine musikalische Umweltverschmutzung in Supermärkten", notierte Rühm - stellte er, einer der Hauptexponenten des "Neuen Hörspiels", 1983 zu Wald. Ein deutsches Requiem zusammen. Besser: Er komponierte es, wie auch John Cage im Kölner Studio Wortcollagen komponierte. Ein Rückblick: Gerhard Rühm, der Sohn eines Wiener Philharmonikers, hatte Komposition studiert, zuletzt in Privatstunden bei J. M. Hauer, an dessen Zwölftontechnik der junge Rühm das "Meditative" schätzte. Eben dies lässt sich aber auch über viele Texte Gerhard Rühms sagen: Er ist der strengste Reduktionist, er schafft - wie schon Kurt Schwitters in seiner Ursonate - aus Vokalen in wenigen Buchstabenkombinationen Räume von Stille. In einem frühen atemgedicht etwa, das nur aus den Anweisungen "Einatmen" und "Ausatmen" besteht, oder in einem streng metronomisch gegliederten Sprechgesang, mit der dynamisch anschwellenden Vokalreihe a-a-u-e-e-o-i.
Und zwischendurch hat Rühm auch neue Theaterformen entwickelt, zwar nicht abendfüllende, weil er die üblichen Theaterinhalte einfach kurz fassen kann. So seine "Ehetragikomödie" der ring: "vorhang auf./ auf dem boden der bühne liegt ein ehering./ vorhang zu." - Hoffentlich wird die heurige Uraufführung eines Rühm-Stücks - goldene hochzeit - durch das Kabinetttheater ein wenig ausgedehnter.
"Ich fordere die restlose Zusammenfassung aller künstlerischen Kräfte zur
Erlangung des Gesamtkunstwerks", hatte das Idol Kurt Schwitters proklamiert.
Gerhard Rühm setzt es um, aber nicht wie Wagner - "baybaybayreuth", heißt es in
einem Gedicht -, sondern in Reduktionen und in collagierenden Bildern. Und dann
noch solche Ohrwürmer, nicht loszuwerden zwischen Wien und Graz: "aufhoedn/
aufhoedn/ schrein di leid/ a meada rennd duach win/ bedaualich/ bedaualich/ dass
i dea meada bin".
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 9. 2001)
Quelle: © derStandard.at