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766--Realitäten in Reihen und
Rahmen
Irgendwann lagen viele Fotos im Kuratorenbüro auf dem Boden
ausgebreitet, aus irgendeinem Grund sind sie zum Haufen zusammengeschoben
worden. Dann hat jemand sich seufzend der Sache angenommen und beim Sortieren
überlegt, wie man da je Ordnung reinbringen soll. Denn die Welt zeigt sich auf
dem ganzen Glanzpapier so unverständlich uneinheitlich. Und wie er dann alle
Motive wieder schön in die einzelnen Mappen gesteckt hatte, wußte er: Man muss
es doch ganz klassisch machen, wie schon Sander oder immer noch die Bechers und
beiläufig entstand auch Ordnung in der Ausstellung.
Punkt
eins: kann jeder sofort sehen: Candida Höfer (Abb. A), Touhami Ennadre (Bilder
vom 11. September) (Abb. B), Lisl Ponger (Abb. G) mit weltweit sortiertem
Exotischem oder Ryuji Miyamoto (Non-Abb. E) haben ihre Formate vereinheitlicht
und gleich gerahmt - helles Holz, weißer Rahmen, schwarzer Metallrand,
Passepartout, jedem Künstler sein Fenster zur Welt. Dann jeder Reihe ihre Wand.
Meist gereiht, in Ausnahmefällen gestapelt, manchmal um die Ecke gezogen,
verteilten die Kuratoren die vielen Aussichten über die Zimmer.
1.b: Das kennt man von zu Hause: Ein Fenster saugt den Blick an, der Rahmen
ist wie ein Trichter, auch ist es die Unterbrechung, die dem Raum eine Struktur
gibt und sein Gewicht justiert. Viele Fenster, ein Band aus Glas und Holz gar,
sind dynamisch weil sie eine Richtung und eine Bewegung fordern und gleichzeitig
sitzt so ein zusammengebundenes Fenster-Element flacher auf der Mauer, dekoriert
die Wand und führt den Blick an sich vorbei. Vereinheitlicht und in angenehmer
Proportion geleiten die Fotoreihen durch die Documenta 11. Wie Stuckleisten oder
Ornamentfriese aus bunten Kacheln ergeben sie ein optisches Gerüst an dem man
von Raum zu Raum gleitet. So werden Slums, Katastrophen, Armut,
Rodin-Skulpturen, Menschenmassen, Containerkutter aufs Format gebracht und
in Anführungsstrichen der Kunstausstellung implantiert. Das geht auch mit
bewegten Bildern. Im Zentralgang der ehemaligen Brauerei hängen Videomonitore.
Eine anleitende Serie von Eskimos für Eskimos - die dreizehnteilige Seifenoper
von Iglooik Isuma Producitions (Abb. C) zeigt das Leben der Ureinwohner in der
guten alten Zeit (circa 1945). Fischfang, Hausbau, Seehundjagd das ist
raffiniert pseudoreal und gleichzeitig über jede Fragwürdigkeit erhaben.
Die Documenta hat ansonsten die vielfomulierten Vorbehalte der
Medientheoretiker gegen das betrügerische Wirken der Bilderwelten abgehakt. Hier
moderiert der Realismus die Kunst an. William Egglestons bunte Fundstücke aus
der amerikanischen Provinzstadt (Abb. D) und die klug kombinierten
Suburb-Baustellen von David Goldblatt (Abb. F) rahmen als Fotos im Kulturbahnhof
Isa Genzkens New Buildings for Berlin und Bodys Isek Kingelez fröhliches
Papp-Metropolis. Mona Hatoums drahtvergittertes elektrifiziertes Interieur hat
man Santu Mofokengs Mauerfotos (Gefängnishöfe) (Abb. J) beiseite gestellt. Die
etwas provisorische Holzarchitektur von Manfred Pernice umgibt eine bis zur
Decke ausgedehnte schwarzweiße Realismus-Tapete mit Aufnahmen zum Thema Erdbeben
von Ryuji Miyamoto (Non-Abb. E). Das betont auch, wie selten man in den Hallen
und Kammern dieser Documenta ein echtes Gegenüber der Arbeiten wagt.
Wenn, dann gelingt ausnahmsweise Drastisches: Da begegnet ein Foto,
Jeff Walls „Der unsichtbare Mann“ (Abb. K), frontal ganz anderen Fotos, einer
Schwarzweißserie von David Goldblatt. Walls Riesenkasten dehnt sich auf einem
freistehenden Raumteiler massig aus. Die Aufnahme zeigt Hunderte von Glühbirnen
unter der niedrigen Decke einer heruntergekommenen Wohnhöhle; wie immer von
hinten beleuchtet, ist das Bild dadurch übersät mit leuchtenden Pusteln,
strahlend infizieren sie mit ihrer Schönheit den Raum, der von Goldblatts Stills
aus dem Alltag in Südafrika abgeschlossen wird. Ihre trockene Klugheit macht sie
immun. Uneitel stellen sie sich den Blicken, ihre Attraktivität steht hinter dem
Motiv zurück.
Das unterscheidet sie von den bekannten
Aufnahmen Bernd und Hilla Bechers (Abb. L), die im Kulturbahnhof
ausstellen. Diese konstruieren erstmal die eigene Bedeutung,
indem sie den künstlerischen Aufwand ausstellen. Aussterbendes Fachwerk,
verfallene Industrie: Akribisch, einheitlich, umfassend abgelichtet werden die
endlosen Serien in wandfüllender Hängung zur Illustration des unermüdlichen
Konzepts. Die vereinzelte Abbildung im Katalogbuch kann man mit aufmerksamer
Neugier studieren, gern blättert man weiter. Die Bildermauer breitet sich
aus, wie ein Pensum. Individuelles wird nur im Zusammenhang und Vergleich
sichtbar. Mit gutem Grund fotografiert das Ehepaar unbelebte Architektur, die
sie zu Großmustern montieren. Die Verdenkmalung im monotonen Foto-Mosaik lässt
sich nur eingeschränkt zum Standard erheben dem Gedränge auf indischen Straßen,
Vorgartenskulpturen, Gefängnisarchitekturen, Armensiedlungen traut man den
Einzelauftritt auf dieser Documenta dennoch an keiner Stelle zu. Zwei Serien
gibt es sogar auf Video: Jef Geys (Abb. H) lässt sein gesamtes Foto-Oeuvre an
der Kamera vorbeiziehen. Fiona Tan kopiert die standardisierte Feldforschung
August Sanders und kombiniert die schwarzweißen Aufnahmen von Berlinern an ihrem
Arbeitsplatz mit Zwischentiteln: deutschen Berufsbezeichnungen und
handgekrakelten englischen Übersetzungen.
Die
zwingendste Fotoreihe ist gar keine. Es sind Zeitungsausschnitte aus dem
Nachrichtenmagazin Spiegel von Isa Genzken seit Jahren gesammelt und hinter
Din-A-4-großes Glas gerahmt. Die grauen Rechtecke auf dem unprätentiösen, weißen
Hintergrund-Papier sind zwar unterschiedliche groß bleiben aber etwa im gleichen
Format denn sie alle illustrierten das Zeitgeschehen im Layout der Magazinseite
(Abb. I). Ein ununterbrochen meterlanges glitzerndes Band zieht sich durch zwei
Räume des Fridericianums. Eine Sammlung, die kein individuelle begründeter Atlas
des Weltgeschehens sein will, sondern in staubiger Stringenz
Wirklichkeitswerdung kommentiert. Das gerahmte Altpapier erstaunt, Schritt für
Schritt, den Kopf zu den brusthoch montierten Bildern gebeugt flanieren die
Besucher vorbei an brennenden Rindern, Brustkrebsvorsorge, Autounfällen,
Affenfamilie, Demonstrationen und einstürzender Bohrinsel. Die Scheiben sind
eine auseinandergepflückte Collage der Erinnerung. Sie bilden Vergangenes nicht
nur ab, sind selbst Überbleibsel des Geschehens, ein zwittriges Ding aus
Ereignis und historischem Beweisstück.
| Catrin Backhaus |
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