Galerie Hilger: Arbeiten von Richard Lindner
Hojotoho! Heiaha! Heiaha!
Von Claudia Aigner
Du gehst zu Frauen? Vergiss das Brecheisen nicht! Natürlich
nur, wenn es Richard Lindner (1901 bis 1978) gewesen ist, der die Damen
eingekleidet, sprich: ziemlich einbruchssicher gepanzert hat. Denn der
Kleidergeschmack von Richard Lindner (bis 2. März in der Galerie Hilger,
Dorotheergasse 5) sitzt perfekt wie die Eiserne Jungfrau. Andere mögen
ja eine kleine Vorliebe für ein Strapserl da und ein Korsetterl dort
haben, Lindner praktiziert aber gleich einen ausgewachsenen
"Walkürenfetischismus". (Ohne jetzt ein frühkindliches Trauma unterstellen
zu wollen, etwa dass ihn seine Mutter mit dem Schlachtruf "Hojotoho!
Hojotoho! Heiaha! Heiaha!" in den Schlaf gebrüllt hätte, obwohl Lindner
trotzdem eine sehr inspirierende Kindheit gehabt haben dürfte, da seine
Mutter Korsetts verkaufte.) Lindners Damen, deren Pracht der Pop-Maestro
mit dekorativen Miedern zelebriert, sehen aus wie
Geschlechterkampfmaschinen in voller Rüstung (mit strategisch
positionierten Gucklöchern), Amazonen im sexualkapitalistischen Staat
Pornotopia oder wie wehrhafte Kriegerinnen der Sondereinheit "Libido".
Mitunter tragen diese ziemlich steifen Erotik-Walküren eine ausgefeilte
Fantasieuniform mit Schutzhelm, passend für Superheldinnen des Sexus oder
für Mitglieder der mobilen Östrogen-Truppe. Wuchtige, "bissfeste"
Fruchtbarkeitsgöttinnen, die mit ihrem prägnanten, monumentalen Sexappeal
immer im Dienst sind und Sporen, Stiefel und dergleichen als Insignien
ihrer erotischen Allmacht tragen. Und wenn sie einmal leichter gerüstet
sind (mit Minikleid zum Beispiel), dann haben sie wenigstens Handschuhe
an. Trotzdem haben ihre Monturen etwas von Keuschheitsgürteln (ungeachtet
dessen, dass die entscheidenden Weichteile ja eh in die Freiheit entlassen
werden). "Miss American Indian": Fast schon eine Ikone. Quasi eine
amazonenhafte Aussöhnung zwischen den Ureinwohnern und den Stars &
Stripes oder, wenn man so will, zwischen dem großen Manitu und der
Freiheitsstatue. Eine barbusige Frau Häuptling mit Federschmuck auf dem
Kopf. Man hat nicht selten das Gefühl, dass nicht die imposante
Weiblichkeit mit einer Korsage umherwandelt, sondern dass man hier
vielmehr ein Korsett sieht, das mit einer Frau spazieren geht, oder dass
man einen Straps dabei beobachtet, wie er einen Hintern ausführt. Eines
muss man dem Lindner lassen: Er ist ein Meister der erotischen Blickkultur
und Blickregie. Besonders penibel arbeitet er Verschlüsse, Schnallen und
sonstige Befestigungsmechanismen heraus. Perfektionist ist er sowieso. Die
plakativen, bunten Welten seiner Lithografien und Aquarelle sind präzise
und streng komponiert. Seine "Konstruktionszeichnungen" sind geradezu
architektonische Aufrisse. Das hat ihn aber nicht daran gehindert, für
seine herzhaft unterhaltsame Lithografiemappe "Fun City" skurrile
männliche und weibliche New Yorker Typen zu kreieren (Männer gibt es bei
ihm ja auch). Noch ein Letztes: Man schaut ja auch mit den
Verdauungsenzymen. Wohl deshalb hat sich Lindner einen riesigen nackten
Lebkuchenvamp gebacken, mit dessen Überangebot der Lebkuchenmann aus dem
Märchen überfordert wäre: "Der blaue Busenengel." Die Frau ist essbar,
aber es ist so viel von ihr da, dass einen durchschnittlichen Männermagen
der Mut verlässt.
Erschienen am: 12.02.2002 |
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