VON WALTER FINK
Der letzte Tag des Jahres, der Tag der alljährlichen Bilanz. Der
Tag mit dem Blick zurück, der Tag auch, an dem man nach vorne sieht,
an dem man auch Wünsche äußern darf. Selbst wenn man weiß, daß sie
ohnehin kaum in Erfüllung gehen werden. Die erste Frage: War es ein
gutes, ein für die Kultur dieses Landes gutes Jahr? Die zweite: War
es ein spannendes in der Kulturpolitik dieses Landes? Das eine
wahrscheinlich ja, das andere wahrscheinlich nein. Ganz einfach,
weil sich in der Kunst so manches, in der Politik ziemlich wenig
getan hat. Entgegen manch jammerhafter Äußerungen einzelner
Künstler, die wohl mehr den eigenen Zustand als die Situation
schildern, gab es beispielsweise in der Bildenden doch viel
Erfreuliches zu vermerken. So zum Beispiel die nun öffentliche
Präsenz des "Crash-Porsche" von Gottfried Bechtold im Skulpturenpark
Dornbirn, den Ankauf seiner Signatur durch das Kunsthaus Bregenz,
die Ausstellung und die Aktionen von Tone Fink im Kunsthaus, die
Präsentation der "B-Pictures" von Peter Weibel bei der
Berufsvereinigung. Die einen besinnen sich verstärkt des regionalen
Geschehens, ohne damit die Internationalität zu vernachlässigen, die
anderen gehen den umgekehrten Weg, ohne daß man sich dabei auf die
Füße treten würde.
Stabilisiert hat sich ganz offensichtlich auch das Landestheater,
das noch vor einigen Jahren mit finanziellen Nöten zu kämpfen hatte.
Inzwischen schreibt man schwarze Zahlen, kann auf Besucherzuwächse
verweisen. Ein Maß an Unsicherheit ist wohl auch dadurch gewichen,
daß der Vertrag von Harald Petermichl ohne weiteres Aufsehen
verlängert wurde, die Anfangsphase vom Umbau eines privaten in ein
öffentliches Theater damit in ein normales Stadium getreten ist. Als
Erfolg für Vorarlberg kann man - neben der persönlichen Leistung -
wohl auch verbuchen, daß Christoph Eberle, der Leiter des
Landesorchesters, eine ehrenvolle Berufung nach Salzburg erhalten
hat. Erfreulich auch, daß diesem Orchester durch das exquisite Buch
von Aldo Kremmel eine würdige, fast historische Aufarbeitung zuteil
geworden ist. Besonders wichtig sicher auch, daß der Umbau der
Festspiele nach der Ära von Alfred Wopmann mit der Berufung von
David Pountney zum neuen Intendanten glücklich gelungen zu sein
scheint. Das, was von ihm bisher als sein Programm vorgelegt wurde,
läßt jedenfalls diesen Schluß zu. Andere personelle "Umbauten"
stehen in den größeren Kultureinrichtungen des Landes derzeit nicht
an.
Man könnte also zufrieden sein, ohne Zorn zurückblicken,
vielleicht sogar guten Mutes in die Zukunft. Wenn da nicht die
Kulturpolitik wäre, die derzeit mehr zum Einschlafen denn zur
Auseinandersetzung neigt. Nicht zuletzt hat sich das in der letzten
Sitzung des Vorarlberger Landtags gezeigt, in der sich die
politischen Fraktionen geradezu zurückhalten mußten, um sich ob der
wunderbaren Übereinstimmung nicht liebevoll zu umarmen. Das kann
nicht der Sinn der Sache sein. Denn so großartig ist, bei aller
Wertschätzung vor allem der finanziellen Gegebenheiten, die
Kulturpolitik in Vorarlberg nun auch wieder nicht, daß es da nicht
manches gäbe, über das zu diskutieren wäre.
Als jüngstes Beispiel sei lediglich die neue Besetzung der
Kunstkommissionen angeführt, bei der man über einzelne Namen
durchaus streiten könnte. Da sind Personen nominiert, die in anderen
Interessensfeldern stehen, damit nahezu zwangsläufig in
Interessenskonflikt geraten müssen. Wäre man bösartig, nein nicht
einmal bösartig, nur etwas kritisch - und das dürften
Oppositionsparteien doch sein, das dürften sogar Mitglieder der
Regierungsfraktion, die etwa im Kulturausschuß sitzen, sein Ö, dann
müßte man die Frage stellen, ob sich die Regierung mit solchen
Nominierungen die Ruhe in Medien und Institutionen erhalten will.
Eines scheint offensichtlich: Mit diesen Kommissionen will man sich
nicht kritische Geister halten, sondern die Ruhe für sich selbst
bewahren. Das aber sollte eine aufmerksame Kulturpolitik nicht so
leicht geschehen lassen. Schon gar nicht in einem neuen Jahr.
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Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener der
Redaktion übereinstimmen. Auf Wunsch des Autors erscheint sie in der
alten Rechtschreibung.