Das Mumok verschreibt sich bis Februar ganz
der zeitgenössischen Kunst aus China seit 1980. Dabei zeigt sich
vorweg: Abstraktion ist kein Thema in der chinesischen Kunst, die
Wandlungen des Realismus und seiner Mutationen nach dem sozialistischen
Realismus bewegt die Szene. Wohl aber sind ab den 90er Jahren die
rasant wachsenden Megastädte Auslöser neuer Fragen, die auch hier
mittels neuer Medien vermittelt werden.
Die außen, im rechten Winkel vom Gebäude
herabmarschierenden Cyber-Menschen von Wang Jianweis übermitteln die
neue Botschaft des Realismus: die Unsicherheit, in der Anonymität als
Individuum unterzugehen. Der Beginn in der Eingangsebene mit den
mittlerweile weltbekannten "zynischen Realisten" Fang Lijun, Yue Minjun
und Zhang Xiaogang ist eine Variante von zahlreichen Ausstellungen
Chinas im Westen. Yue Minjun reagiert mittlerweile ironisch auf Francis
Bacon oder Vermeer van Delft - die goldenen Langnasen, mit denen Fang
Lijun die Europäer meint, sind zu einem Teppichobjekt angewachsen, die
Melancholie der grauen Opfervisionen von Zhang Xiaogang wiederum
verbindet Ost und West.
Feminismus
made in China
Darüber beginnt die Verschiebung des Realismus in den 90er Jahren
samt einer eigenen feministischen Bewegung – vor allem mit
Ersatzkörpern von Xiang Jing aus bemaltem Fiberglas.
Die Mediatisierung von Europa und Amerika trifft Traditionelles,
Kommunismus prallt auf Kapitalismus. Eine der zahlreichen Metaphern in
diesem Sinn ist das Auto – als "Collective Unconscious" von Yin Xiuzhen
zu einem Tunnel aus weißen Textilien erweitert. Aus dem Container von
Liu Jianhua quellen Tonnen von billiger Chinaware, der Konsumismus wird
auch in den Rollenklischees weiblicher Körper aus Keramik angeprangert.
Materialschlachten
und hybride Monster
Zu sehen sind Hybride Monster – wie etwa Chen Wenlings Schwein, aus
dem ein Baum wächst – sowie Videos, die die Bedrohung in den
Menschenmengen der Megastädte aufzeigen. In der Ebene acht ist unter
den jüngsten Vertretern dann auch eine Wiederkehr der Mythen zu
beobachten, sowie ein Verarbeiten von Fantasy und Science-Fiction.
"Unmask Group" bringt diese Themen in neuen Materialkombinationen; Liu
Ye drückt dies in der Malerei aus und Tang Maohong in Siebdruck und
Animationsfilmen.
Mit Miao Xiaochun ist der Fotografie in China ein Pendant zu Andreas
Gursky erwachsen, aber vielleicht ist es auch anders:
entindividualisierte Marionetten sind diese Künstler ganz sicher nicht.
China – Facing Reality
E. Köb, R. Fuchs, Fan Di‘an (Kuratoren)
Mumok
bis 10. Februar
Tel.: 01/525 00
Neue Welten.
Mittwoch, 24. Oktober 2007