Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Neuer Blick auf globale Strukturen

Das Mumok zeigt in der gelungenen Ausstellung "China - Facing Reality" zeitgenössische Kunst aus China
Illustration
- Yue Minjun gehört als „zynischer Realist“ zu den Shooting-Stars unter den chinesischen Malern. Hier ist sein Ölbild „Untitled“ aus 2007 abgebildet.  Foto: Yue Minjun

Yue Minjun gehört als „zynischer Realist“ zu den Shooting-Stars unter den chinesischen Malern. Hier ist sein Ölbild „Untitled“ aus 2007 abgebildet. Foto: Yue Minjun

Von von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Das Mumok verschreibt sich bis Februar ganz der zeitgenössischen Kunst aus China seit 1980. Dabei zeigt sich vorweg: Abstraktion ist kein Thema in der chinesischen Kunst, die Wandlungen des Realismus und seiner Mutationen nach dem sozialistischen Realismus bewegt die Szene. Wohl aber sind ab den 90er Jahren die rasant wachsenden Megastädte Auslöser neuer Fragen, die auch hier mittels neuer Medien vermittelt werden.

Die außen, im rechten Winkel vom Gebäude herabmarschierenden Cyber-Menschen von Wang Jianweis übermitteln die neue Botschaft des Realismus: die Unsicherheit, in der Anonymität als Individuum unterzugehen. Der Beginn in der Eingangsebene mit den mittlerweile weltbekannten "zynischen Realisten" Fang Lijun, Yue Minjun und Zhang Xiaogang ist eine Variante von zahlreichen Ausstellungen Chinas im Westen. Yue Minjun reagiert mittlerweile ironisch auf Francis Bacon oder Vermeer van Delft - die goldenen Langnasen, mit denen Fang Lijun die Europäer meint, sind zu einem Teppichobjekt angewachsen, die Melancholie der grauen Opfervisionen von Zhang Xiaogang wiederum verbindet Ost und West.

Feminismus

made in China

Darüber beginnt die Verschiebung des Realismus in den 90er Jahren samt einer eigenen feministischen Bewegung – vor allem mit Ersatzkörpern von Xiang Jing aus bemaltem Fiberglas.

Die Mediatisierung von Europa und Amerika trifft Traditionelles, Kommunismus prallt auf Kapitalismus. Eine der zahlreichen Metaphern in diesem Sinn ist das Auto – als "Collective Unconscious" von Yin Xiuzhen zu einem Tunnel aus weißen Textilien erweitert. Aus dem Container von Liu Jianhua quellen Tonnen von billiger Chinaware, der Konsumismus wird auch in den Rollenklischees weiblicher Körper aus Keramik angeprangert.

Materialschlachten

und hybride Monster

Zu sehen sind Hybride Monster – wie etwa Chen Wenlings Schwein, aus dem ein Baum wächst – sowie Videos, die die Bedrohung in den Menschenmengen der Megastädte aufzeigen. In der Ebene acht ist unter den jüngsten Vertretern dann auch eine Wiederkehr der Mythen zu beobachten, sowie ein Verarbeiten von Fantasy und Science-Fiction. "Unmask Group" bringt diese Themen in neuen Materialkombinationen; Liu Ye drückt dies in der Malerei aus und Tang Maohong in Siebdruck und Animationsfilmen.

Mit Miao Xiaochun ist der Fotografie in China ein Pendant zu Andreas Gursky erwachsen, aber vielleicht ist es auch anders: entindividualisierte Marionetten sind diese Künstler ganz sicher nicht.

China – Facing Reality

E. Köb, R. Fuchs, Fan Di‘an (Kuratoren)

Mumok

bis 10. Februar

Tel.: 01/525 00

Neue Welten.

Mittwoch, 24. Oktober 2007


Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at