Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Galerien live

Essen ist Macht

(cai) Da gibt es doch dieses Sprichwort: "Reden ist Silber, Essen ist Gold." Als ich unlängst mit dem komplexen Œuvre von Dominik Steiger konfrontiert war, musst’ ich sofort dran denken. Nein, Steiger hat sich nicht auf die oralsadistische Einverleibung von Obststillleben spezialisiert. (Außerdem ist ein Oralsadist eher einer, der um fünf Uhr Früh unter der Dusche Gregorianische Choräle singt – jedenfalls die Nachbarn sehen das so.) Aber die Indizien für eine gewisse orale Fixierung sind einfach erdrückend.

Die vielen leergetrunkenen Flaschen zum Beispiel (diese Schnullersurrogate), die er mit banalpsychologischen oder krypto-esoterischen Fantasien befüllt. Etwa mit einem Gruppenfoto mit bärtigem Kerl, über dessen Identität er spekuliert: "Freud?" (Ach, Sie hätten vielmehr auf Santa getippt?) Ein Mineralwasserflascherl trägt die Aufschrift "Beuys" (nach dem Joseph) und erreicht in puncto Rätselhaftigkeit ja eh Beuys-Niveau. Drin sind Steinderln. Wie im Magen des beuysen, äh: bösen Wolfs. (Sie erinnern sich: die Wackersteine – "Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum?") Oder ist das Ganze bloß eine Warnung davor, dass besagtes Mineralgetränk Nierensteine fördert? Wenn Steiger auf Blättern aus der Bibel ein konvulsivisches Gekritzel platziert, ist das aber wohl kein Spasmogramm einer Kolik.

Wort, Bild, Abfall – alles kombiniert er unbekümmert. Kultiviert den Dilettantismus. Ein Film aus dem Jahr 1965 ist geradezu ein Manifest. Da lässt er nicht die Sau raus (die wäre ja erwachsen), sondern – das Ferkel? Na ja: den inneren Peter Pan! Hat einen Rückfall in die infantile "Unschuld". Bläst Luftballone auf und versucht, eine Puppe zwangszuernähren. Hoch und Tief, Witz und Peinlichkeit sind in Steigers Werk so ungeniert (und charmant) miteinander vermischt, dass das schon ein Qualitätsmerkmal ist.

Galerie Hohenlohe
(Bäckerstraße 3)
Dominik Steiger
Bis 10. Mai
Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr
Sa. 11 bis 15 Uhr

-----

Frosch mit Bierbauch

(cai) Muster sind meist ziemlich fad. Eine Ausnahme ist höchstens das Schottenkaro, das wir erwartungsvoll anstarren, denn irgendwann muss doch eine Böe das Geheimnis lüften, ob die Schotten unterm züchtig ornamentierten Rock dieselbe Unterwäsche anhaben wie Paris Hilton, also: keine. Michael Kidner gibt auch sein Bestes, um uns nicht zu langweilen. Erzählt etwa auf drei Blättern, auf denen nichts als Geometrie zu sehen ist, ein ganzes Beziehungsdrama. Eine Art Aschenputtelgeschichte: Eine verwordakelte Rundform "heiratet" ein Quadrat und wird ein makelloser Kreis. Dem Quadrat allerdings bekommt die Ehe nicht so gut. Das lässt sich total gehen, bis es ein verlottertes unregelmäßiges Vieleck ist. Cinderella kriegt zwar den Prinzen, der verwandelt sich jedoch quasi in einen Frosch mit Bierbauch. Die andern Muster (ab 1966 entstanden) sind mir ja ein bissl zu brav und zu intellektuell. Apropos "Kopf": Den kann man theoretisch bei der dekorativ in den Raum hineingeschnörkelten Konstruktion durchstecken (beim "weiblichen" Spalt) und dabei womöglich ein mystisches Wiedergeburtserlebnis haben. Geil.

Galerie Hubert Winter
(Breite Gasse 17)
Michael Kidner
Bis 10. Mai
Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr
Sa. 11 bis 14 Uhr

-----

Willige Kirschen

(cai) Sogar tote Fische haben hier eine erotische Ausstrahlung. Das liegt an der schon aufdringlich appetitlichen, beinah wollüstigen Malweise. Die süffigen Bilder von Bianca Regl sind eben kompromisslos oberflächlich. Rote Früchte glänzen kokett unter der Gelatine, die Farbe rinnt. Im Löffel: kulinarische Spiegelungen. Und geschminkte Lippen führen genüsslich eine orale Praktik vor: Essen. Alles löst sich betörend ins Skizzenhafte auf. Hart an der Grenze zum Kitsch.

Galerie Feichtner
(Seilerstätte 19)
Bianca Regl
Bis 21. Mai
Di. bis Fr. 10 bis 18 Uhr
Sa. 10 bis 16 Uhr

Mittwoch, 07. Mai 2008

Kommentar senden:
Name:
 
Mail:
 
Überschrift:
Text (max. 1500 Zeichen):
Postadresse:*


* Kommentare werden nicht automatisch veröffentlicht. Die Redaktion behält sich vor Kommentare abzulehnen. Wenn Sie eine Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als Leserbrief in der Druckausgabe wünschen, dann bitten wir Sie auch um die Angabe einer nachprüfbaren Postanschrift im Feld Postadresse. Diese Adresse wird online nicht veröffentlicht.

Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at