21.01.2003 19:26
Punkte und Striche im Stand der Ruhe
Im Haus Wittgenstein stellt die Münchner Künstlerin Lilo Rinkens ihre
Erkundungen zur Eigenart von Punkt und Strich aus
Die Münchner Künstlerin Lilo Rinkens zeigt, dass Ruhe
ziemlich brisant, Unbuntes recht sinnlich sein kann.
Wien - Was, wenn ein Punkt plötzlich keinen Augenblick mehr festlegt, keinen Ort
markiert, keinen weiteren Umstand mehr hervorhebt? Was, wenn ein Punkt mit einem
Mal ganz bei sich bleibt, gelassen, unaufgeregt? Was, wenn in ihm nichts mehr
kulminiert? Ganz einfach weil er sich nicht mehr engagiert, nicht länger mehr
dafür herhalten will, dass ein jeder Dahergelaufene in und durch und mit ihm das
Zentrum erkennt, ihm Hoffnungen anlastet? Was, wenn ein Punkt sein Schicksal
akzeptiert, sich fügt, und fortan kein Zeichen mehr setzt?
Ein Punkt
nimmt Auszeit. Und weil er nicht kindisch ist, macht er das gleich im Zentrum.
Lässt sich nieder, wo ihn ohnehin alle vermuten. Um endlich anonym zu sein,
endlich unbunt, ohne Ausstrahlung, ohne Hof. Dass er trotzdem Wirbel macht,
stört ihn längst nicht mehr. Die Eigenart zu stechen hat er eben. Sie ist ihm
egal geworden. Darum soll sich fortan das normale Leben kümmern. Er
nicht.
Bei Linien gleichen Entschusses verhält sich das anders. Die
brauchen Felder, um zu sich zu kommen. Bisweilen auch Gemeinschaft. Wenn sie vom
Zeichner genug haben, satt sind, von aufgezwungenen Emotionen und anderem
Missbrauch, laufen sie sepiafarben an, zerfransen gerade so sehr, dass es sie
entspannt, man ihnen daraus aber keine Absicht zum Vorwurf machen kann - und
bluten aus. Glücklich, nicht länger mehr zwischen A und B vermitteln zu müssen,
fortan nicht mehr zu scheiden oder Abstammungen entlangzulaufen, vergehen sie im
Untergrund.
Schließlich haben sie einiges durchgemacht: Wörter gebildet,
die Welt zu beschreiben. Und die Liebe. Und sonstige Idealvorstellungen. Und
Kunststücke mussten sie machen. Unmöglichste Verkrümmungen aufführen, die nötige
Disziplin aufbringen, eine Schraffur zu geben oder eine Nase oder sonst
was.
Auch Lilo Rinkens hat den Punkten und Strichen einiges abverlangt.
Hat sie verwendet, einem müden Schriftsteller in Übersee zu antworten. So, dass
bestenfalls er verstehen konnte, was den Zeilen vorsteht. Man kennt den
Austausch als Kelly-Briefe. Wolf Wondratschek hat den konventionell
lesbaren Anteil daran verfasst.
Emilio Vedova und Lothar Fischer haben
Lilo Rinkens - sie lebt in München - unterrichtet. Im Haus Wittgenstein zeigt
sie jetzt im Rahmen des Kulturprogramms des Managementberatungsunternehmens Booz
Allen Hamilton ihre Ganzen Stücke aus Punkten und Linien auf neutralen
Flächen. Untersuchungen sind das, Erkundungen in der Unendlichkeit zwischen der
Null und der Eins. Wie weit lässt sich Handschrift reduzieren? Wie lange bleibt
eine Eigenart nachvollziehbar? Besteht Charakter, ehe sie untergeht in der
banalen Opposition von Schwarz und Weiß? Wie reduziert lässt sich Sinnlichkeit
vermitteln, ehe die Annäherung an die Emotion in den bloßen Effekt
kippt?
Oder: Wie wenig geradlinig darf ein Strich sein, um das "Viele" -
Kunst - darin unterzubringen? Wie wenig gekrümmt muss er sein, um nicht durch
Engagement den Dilettanten zu verraten?
(Markus Mittringer/DER STANDARD,
Printausgabe, 22.01.2003)