Wie ein letzter Hauch entweichen dem bunten Farbgespinst drei Formen in Grün und Blau. Von einem Blatt Papier auf das nächste, fast leere. Wie ein Diptychon, ein zweigeteiltes Altarbild. So sieht sie aus, die allerletzte Zeichnung Max Weilers, am 21. Jänner 2001 mit zittriger Hand hingeworfen. Eine Woche später stirbt er, im stolzen Alter von 90Jahren in Wien. Nicht nur Kunsthistoriker lieben derlei ikonische Werke. Und Abenteuergeschichten: „Niemand wusste, was in diesen großen Rollen war, die in Max Weilers Atelier in einer Ecke standen. Bis Edelbert Köb meinte: ,Schauen wir doch einfach nach!‘“, erzählt Witwe Yvonne. Und prompt war er posthum entdeckt, Weilers monumentaler Zeichnung-Zyklus, der jetzt – erstmals – derart umfassend in der Albertina ausgestellt wird. Wie auch seine allerletzte Zeichnung.
Wie kleine Köder ziehen derlei Anekdoten und das Zauberwörtchen „erstmalig“ in die unwirtlichen Tiefen eigentlich hermetischer Kunstausstellungen wie der 180Werke reichen Retrospektive des grafischen Werks von Österreichs populärstem Maler. Aber jeder kleine Trick ist erlaubt, um die breite Öffentlichkeit zu erreichen, die sich Weiler für seine großformatigen Kohlezeichnungen gewünscht hat. Ungefähr die Größe eines Menschen haben diese Leinwände, zwischen eineinhalb und zwei Meter hoch. Groß genug jedenfalls, um die himmlischen Sturzbäche des „Schweren Gewitters“ am eigenen Leib verspüren zu können oder sich im Dschungel des „Mannigfaltigen Naturgebildes“ optisch zu verirren.
Was heißt Fälschung bei Weiler?
Wobei man letzteres Erlebnis in der Albertina bereits einmal schon genießen durfte, vor vier Jahren, in der erstaunlichen Gegenüberstellung mit den geologischen Befunden des Dänen Per Kirkeby, eine Generation jünger als Weiler. Seit diesem ersten Vorgeschmack ist enorm viel geschehen, seither ist Weilers grafisches Werk in der Albertina penibel aufgearbeitet worden. Die Heldin dieser Sisyphusarbeit heißt Regina Doppelbauer, sie sichtete fast 3500Zeichnungen auf Papier und Leinwand und erstellte ein Verzeichnis, das bis 2013 auch online abrufbar sein wird. Ein gerade für den fälschungsanfälligen Weiler-Markt nicht unwesentliches Instrument. Wobei man den Fälschungsbegriff bei Weiler allerdings neu überlegen sollte. Gibt doch diese Ausstellung wie schon die im Essl-Museum voriges Jahr den immer wieder als eigenständige Werke verscherbelten „Schmierblättern“ aus dem Atelier des Malers eine neue Bedeutung, ein wesentliches Gewicht (von dem die Gauner natürlich nicht den blassesten Schimmer hatten): Weiler ließ sich nämlich seit Anfang der 1960er-Jahre am liebsten von sich selbst inspirieren – von seinem Unbewussten, könnte man es auch poetischer nennen. Er nahm die Blätter, auf denen er zuvor mit groben Pinselschlägen die Farben ausprobiert hatte, suchte in dem Gekleckse einen Ausschnitt, der ihm spannend erschien, markierte ihn mit Bleistift und kopierte ihn vergrößert auf Leinwand – und schon war ein neues Motiv „wie eine Landschaft“, so ein Serientitel, entstanden.
Eine schöne Geschichte. Wieder. Die aktuelle Retrospektive lehrt jetzt, dass Weiler diese Methode einige Jahre später, 1965, auch für seine Zeichnungen angewandt hat. Kuratorin Doppelbauer hat unter den 3500 Arbeiten tatsächlich welche gefunden, die mit markierten Ausschnitten auf Probierblättern korrespondieren. Ein weiterer anschaulicher Beweis auch dafür, wie Weiler versuchte, die Grenzen zwischen Malerei und Zeichnung verschwimmen zu lassen, setzte er so doch gefundenes Farbmaterial in subtile Schwarz-Weiß-Schattierungen um. Alles sehr diszipliniert und überlegt bei Weiler. Auch das Unbewusste ist unter Kontrolle des künstlerischen Auges. Versuchten andere Künstler in dieser Zeit die Farbe, das Blut, den Schleim der Konsumgesellschaft frei fließen zu lassen oder ihr Bewusstsein, ihre gelernten Traditionen, wie die Surrealisten es vorzeigten, mithilfe verbotener Substanzen auszuschalten, benutzte Weiler die Whiskeyflaschen in seinem Atelier höchstens dazu, die Pinsel auszuwaschen.
Gegensatz zum aktionistischen Exzess
Zwar übte sich der 1910 geborene Tiroler im erstaunlich experimentellen Frühwerk, das die Ausstellung in schöner Breite zeigt, ebenfalls in der Enthemmung des Strichs, in gestischen Explosionen. Aber: „Ich bin kein Pinselschwinger“, stellte er stilsicher fest. Und konzentrierte sich auf die Eigenheit, die sein Spätwerk, das typische Weiler-Werk, ausmachen sollte: einen disziplinierten Naturmystizismus, der europäische mit asiatischen, altchinesischen Mal- und Zeichenmethoden verschmilzt. Niemand fasst es besser zusammen als der Vielschreibende: „Meine Form: das Schwebende, Luftige, das nicht Fleischige, Steinerne, das nicht vom Menschen Handelnde, nicht Wuchtige, Schwere, Blutige. Das Pflanzliche.“
Weiler ist der Gegensatz an sich zu Österreichs Aktionistischem, dem vom Exzess geprägten Kunstklischee. Er bildet den konservativen, den stillen, aber auch den autarken Pol dazu. Zumindest im Binnenland Österreich. Seine Stellung in der internationalen Kunstgeschichte, die kann nicht hierzulande, nicht im Kreise seiner „Familie“, seiner unermüdlichen Witwe, seiner Kuratoren wie Edelbert Köb, seiner Institutionen wie der seit den 50er-Jahren sammelnden Albertina bestimmt werden. Aber es wäre Zeit.
Bis 16.Oktober, Propter-Homines-Halle Albertina, tgl. 10–18h, Mi 10–21h
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