Schweinerei im Schweinestall
Von Claudia Aigner
Rekrutieren die "Hell's Angels" und die Strafanstalt Stein
ihre Mitglieder jetzt schon im Schweinestall? Anders gesagt: Na servas,
jetzt schauen schon die Schweindln wie Häfnbrüder und Rockerbräute aus!
Wim Delvoye hat jedenfalls jede Menge Schweine dementsprechend tätowieren
lassen. (Soll heißen: Sie laufen nun im Bauernhofmilieu mit Totenschädeln
und anderen verdächtigen Motiven herum.) Seine Mama hat wohl
vergessen, ihm zu sagen: Mit dem Essen spielt man nicht (selbst wenn das
Essen vorher von einem Anästhesisten narkotisiert worden ist). Und
Schweine sind ja nichts anderes als "Lebendschnitzel" bzw. "Würstel in der
Warteschleife", die sich noch so lange gedulden müssen, bis sie alt genug
sind, um in Wursthäute gestopft zu werden. Bis 8. September geht Wim
Delvoye in der Galerie Krinzinger (Seilerstätte 16) seiner oralen
Fixierung nach. Hier findet man zwar nicht seine berüchtigten
tätowierten Hausschweine, die eigentlich Appetitzügler sind (wenn ein
Schwein quasi wie Pamela Andersons Tommy Lee aussieht, kann man es ja
schon aus ethischen Gründen nicht mehr runterschlucken), aber seine
angeblichen Marmorböden sind so fettig und speckig, dass man sie
theoretisch essen kann. Sie bestehen nämlich aus kunstvoll aufgelegten
Salami-, Mortadella- und Schinkenscheiben. Könnte als Bodenbelag in einem
Knusperhäuschen für Cholesterinabhängige durchgehen, wo die Knusperhexe
vielleicht ein Tierschützer und "eingefleischter" Vegetarier ist, der
unverbesserliche Fleischfresser anlockt und sie jedes Kotelett büßen
lässt. Auch wenn er ihre Überreste dann eh nicht als "Natur pur"-Schnitzel
auf den Markt werfen kann (wahrscheinlich haben sie sich zu Lebzeiten ja
nur von BigMäcs ernährt). Delvoye versteht sich darauf, auf manchmal
geradezu perverse Art zu verblüffen. Und er ist einer jener Männer, die
immer nur mit einem bestimmten Körperteil denken - dem Magen. In einer
zweideutig obszönen Serie gibt er dem Briefpapier verschiedener Hotels
einen dicken, lippenstiftträchtigen Schmatz (bzw. soll er diverse Damen
dazu angestiftet haben). Freilich hat er den falschen Mund geschminkt:
jenen, der sonst mit der "Serviette für rückwärtige Angelegenheiten" (dem
Klopapier) gesäubert wird. Also eh wieder eine Körperregion, die irgendwie
am Essen beteiligt ist (in diesem Fall halt am Essen "im Endstadium").
Auch bei seinen monumental ins Gebirge gehauenen Sprüchen geht es
immer ums Essen ("Mike, dinner is in the oven, Jill"). Es ist schon ganz
besonders gspaßig und paradox, wenn man einer Kurzmitteilung für das
Kurzzeitgedächtnis das Haltbarkeitsdatum vom Mount Rushmore gibt, der bei
entsprechender Lagerung (also nicht unbedingt direkt in der Flugbahn einer
Atomrakete) noch mindestens bis zum Jahr 4000 durchhält. Die Beweisfotos
sind natürlich Computermanipulationen. "Laura, please wait, out for lunch,
back soon": Wenn der Schreiber die Nachricht fertig gemeißelt hat, hat ihn
Laura sicher längst für tot (oder für Godot) erklären lassen. Da ist ja
eine SMS, die man mit dem Pony Express verschickt hat, bei ihrer Ankunft
aktueller.
Erschienen am: 18.08.2000 |
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