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765--Die respektvolle
Erinnerungs-Documenta
Man trifft zwar nicht unbedingt nur positiv
Gestimmte, aber es ist auffallend dass man niemanden trifft, der über diese
documenta schimpft. Wenn Kritik geübt wird, dann wird die Kühle, die
Musealisierung und Auratisierung der Kunst bemerkt. Es fehlt an
Unkalkulierbaren, überraschenden Ereignissen - das hunderttägige Event erscheint
zu Beginn, wie es - vielleicht etwas verwohnter - am letzten Tag aussehen wird.
Die einsame Performance von John Bock am Preview-Tag (Abb. A) war eine ältere
Nummer und er hielt seinen „Milchtrichter“ zudem sehr kurz. Die Aktivität von
Thomas Hirschhorn in der Nordstadt steuert man in einem alten Mercedes-Diesel-
Fahrdienst (Abb. B) an, was schon mit die aufregendste Bewegungsgeschichte in
Kassel ist.
Auch hat man den Platz vor dem Fridericianum zusammen
mit der Innenstadt aufgegeben - die bleiben leer, wie sich die Ausstellung
überhaupt jedem signethaften Werk verschließt. Die Documenta ist wie das chilled
Nonlogo in Blau der Plattform 5 von Ecke Bonk. Ein paar Werke sind in der Aue
(Abb. C) platziert worden, was wie eine Referenz an die Höhepunkte
vorangegangener documenten erscheint . Solche Verweise klingen immer wieder
leise an. Langjährigen documenta-Besuchern erscheint das zunächst wie ein
Zufall, bevor sie das Gefühl beschleicht, dass vielleicht ein Prinzip
dahintersteht. Die documenta-Halle - wir erinnern an „100 Tage - 100 Gäste“ -
ist wieder ein workspace, wo Kelly und Oursler sich einrichteten, hat nun Tajou
(Abb. D) eine verkramte und verkabelte Video-Höhle gebaut, daneben ein
Werkstattbericht aus Afrika: Politisches Engagement in Texten, Hörspielen und
Videos.
Im Fridericianum sieht man Ecke Bonk (Abb.F) und
erinnert sich an Richard Hamilton, Isa Genzken hat ihr „Spiegel“-Archiv aus
glasgerahmten Magazin-Ausschnitten rundgehängt - ein Stockwerk höher als Gerhard
Richters Atlas vor fünf Jahren. Im völlig überfüllten Projektionsraum von Zarina
Bhimji ist es genauso eng wie damals in Grimonprezs
„D-I-A-L-H-I-S-T-O-R-Y“-Kämmerchen. Mit Hanne Darboven in der vor fünfzehn
Jahren architektonisch verschandelten Rotunde erweist Enwezor der documenta 5
von Harry Szeemann eine knochentrockene Referenz. Fiona Tans freischwebende
schwarzweiße Projektionswände (Abb. E) sind am gleichen Ort wie Stan Douglas‘
schwarz-weiße Jazz-Session 1987 oder die Tränen von Marie Jo Lafontaine 1982 und
Liisa Roberts Geviert aus Videowänden vom letzten Mal. On Kawaras
Audio-Aquariumskiste (Abb. G) steht am einstigen Ort des Godard-Video-Pavillons
von Dan Graham . Und die Einzelausstellung von Constant im Kulturbahnhof erfreut
in ihrem retrospektiven Charakter wie zuvor Pistoletto und Oiticica.
Der im Katalog formulierte Anspruch, jenseits der „Leitkulturen“ Kunst aus
der ganzen Welt Raum zu geben ist - unter Einkalkulierung des Verlustes von
Reibungsflächen - glatt aufgegangen. Soziologie und Ästhetik finden im
White-Grey-Cube passgenau Raum. Eine risikolose Präsentation, die auch dafür
sorgt, dass sich in der Preview-Mundpropaganda keine Stars entwickeln können.
Dazu passt auch, dass politisch korrekt gerechnet, jede Seite - kann man drehen
und wenden wie man will, klappt immer - unangreifbar zumindest knapp
befriedigend berücksichtigt ist.
Außerdem
sind aus den vergangenen 36 Stunden noch folgende bemerkenswerte Beobachtungen
mitzuteilen: Auf der angenehm gelungenen Verlobungsparty von C. und C.R. stand
während der15minütigen Anwesenheit von O.E. ein P.-Auto des 7. Reviers diskret
vor dem Haus. Weitere Familiennachrichten wären: Die schwangere Björk (Abb. H)
wurde in Begleitung von Matthew Barney gesichtet und erlauscht, dass das Paar
sich auf dem Weg nach Paris zur Wohnungssuche befindet. Und Tobias Berger (Abb.
I) gab einen Presse-Hangout im gerade von der Lolita-Bar übernommenen Hotel
Reiss anlässlich seiner im September startenden Vilnius-Triennale. Frau C. trug
ein weißes, ärmelloses Schnittkleid mit aufgestülptem Saum, Herr R. einen Anzug.
Björk kam im magentapinkfarbenen Kimonokleid, Tobias Berger erschien im Anzug
mit den grünweißen runden Aufklebern der Triennale an Revers und Brustknopf.
| cb, cb, gj, bk |
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