Dabei scheinen die
Aufräumungsarbeiten noch nicht beendet. Denn es wird, gleich hinter
dem Eingang zu den Giardini, dem angestammten Kernland der Biennale
di Venezia, gesägt und gehämmert, gemeißelt und gestemmt. Ob die
Maurer nicht rechtzeitig fertig geworden sind mit der Arbeit an dem
massiven, stockwerkhohen Würfel aus Betonsteinen? Ob die Pläne
falsch waren, oder ob sie selbst einen Fehler gemacht haben?
Dogmatismus zu
Staub
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| Der Höhepunkt: Ein Berg als Österreichs
Pavillon |
Keiner weiß es. Jedenfalls
bauen die Maurer nicht auf - sie spitzen weg, sägen ab, werfen
hinunter, schleppen fort. Vor zwanzig Jahren haben Künstler wie Sol
LeWitt solch minimalistische „White Cubes” in Skulpturenparks oder
Museen aufgestellt. Nun beginnt Monica Bonvicini mit dem Abräumen:
Bewußt, Schicht für Schicht wird der Würfel geschleift. Und mit ihm
die Bastion einer Kunst, die er befestigte. Ob das im Hinblick auf
den Minimalismus gerecht ist oder nicht, spielt keine Rolle. Alles,
was nach Dogmatismus ausschaut, werde Staub, damit aus Staub Kunst
werde - und die Bewegungsfreiheit wachse.
Wer sich aber sorgt, in
Venedig werde nur zerstört und abgetragen, der eile zum anderen Ende
der Gärten. Dort wird auch er aufatmen, steht er doch mit einem Mal
vor einem veritablen Bergmassiv. Und plötzlich diese Untersicht.
Dorthin, wo man bislang den 1934 von Josef Hoffmann erbauten
österreichischen Pavillon vermutete, hat Hans Schabus einen Berg
gesetzt. Nur hier und da ragen noch Teile des Baus aus dem in
seidigem Dachpappengrau schimmernden Massiv. Die Alpen rücken nach
Italien vor. Was könnte das Land der Berge besser repräsentieren als
ein Berg, einer, der nicht einmal einschüchtert, wie er so daliegt,
einfältig und vielfältig zugleich, kantig, aber nett. Auch ist es
der erste Berg, der sich nur von innen besteigen läßt. „Das letzte
Land” nennt Hans Schabus sein Berg-Werk, das Natur nur spielt und
sich dem Drang des Tourismus sogleich fügt, ein feines
Kunst-Berg-Werk, das Bau und Höhle und Hülle und Haut zugleich ist.
Das ist der
Höhepunkt
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| Ein veritables Bergmassiv: Planskizze für
Österreichs Pavillon |
Das ist der Höhepunkt, so
oder so. Denn zwischen Kubus und Berg tun sich alle Nationen schwer,
gegenüber den Ausstellungen im Padiglione Italia und den Arsenalen
zu bestehen. Zwar schallt es einem beim Betreten des deutschen
Pavillons von herumtollenden Aufsichten ausgelassen entgegen: „Oh,
this is so contemporary, this is so contemporary...” Doch selbst
wenn man das Echo des Ohrwurms überall vernimmt: Tino Sehgal hat
sein Publikum schon in bessere Geschichten verstrickt. Was ein
Ereignis hätte sein können, das man nicht so leicht vergißt,
schrumpft zum Show-Effekt.
Das ändern auch Gespräche
über Ökonomie nicht, die nebenan zu führen sind. Zu unentschieden
wirkt überdies die Kombination mit der auf der Grenze zwischen
Malerei und Skulptur balancierenden Installation „Der Tisch, der
Ozean und das Beispiel” von Thomas Scheibitz, zu umstandslos wird
sie zur Kulisse des slapstickhaften Auftritts. Und für Scheibitz'
Gemälde, auch sie rätselhafte Grenzgänger zwischen Modell und
Autonomie, fehlt der Resonanzraum.
Frankreichs Pavillon als
Casino
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| Der Berg von innen |
Wo sich zwei ältere Gentlemen
für Britannien in sandfarbenen Anzügen in den Ornamenten ihrer
Bilder verlieren (man hätte sie viel lieber mal wieder singen
hören), wo Frankreichs Pavillon äußerlich zum „Casino” mutiert, das
Gehäuse von Annette Messager aber allzu poetisch belüftet wird, wo
endlose belgische Laborwindungen am Ende nur wieder beim Bier
ankommen und sich vieles im Harmlosen verirrt, da versucht
Altmeister Ed Ruscha im neoklassizistischen amerikanischen Pavillon
unter dem Titel „Course of Empire” dem Zusammenwirken von
Entwicklung, Erstarrung und Angst auf die Schliche zu kommen. Ruscha
bedient sich dazu einer Serie von Gemälden aus dem Jahr 1992, die er
fortschreibt: Leere Gebäudehüllen unter düsterem Himmel, auf denen
Worte wie „Tool&Die” prangen, expandieren und mutieren. Was eine
- freie - Handelsschule war, ist nun eingezäunt von Angst.
So feiert die 51. Biennale
viele Abschiede, überraschende und beklemmende, heitere und
befreiende - von der Dominanz der Länderpavillons, von der
chaotischen Überfülle vieler ihrer Vorgängerinnen, von der
Befürchtung, die Kunst der Gegenwart verliere sich in Event und
Spektakel, von der Illusion, Engagement und guter Wille seien in der
Kunst schon genug.
Im besten Sinne
übersichtlich
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| Italiens Pavillon |
Und sie räumt auf mit dem
Irrtum, bei einer solchen Großveranstaltung könnte es keine ebenso
präzisen Ausstellungen geben wie in einem Museum. Sah man bei der
vorigen Ausgabe die Kunst im Kuratoren-Dickicht verschwinden, so
wirkt die Biennale nun im besten Sinne übersichtlich und klar
gegliedert. Die Werke - ob es sich um Malerei, Skulptur,
Installation, Fotografie, Video oder Performance handelt - finden
die ihnen angemessenen Präsentationsweisen. Und: Diese Biennale läßt
die Kunst atmen und atmet Kunst - und man kann nicht behaupten, das
täte nicht wohl.
Die Biennale schafft Raum. Im
wahrsten Sinne des Wortes. Sie schaut zurück, wo es Wichtiges
festzuhalten gilt, und sie richtet den Blick nach vorn, um viele
Facetten unserer Welt einzufangen und unter die Lupe zu nehmen. So
kann die Kunst in erträumte Paradiese locken, um den Betrachter im
nächsten Moment in blutige Höllenbezirke zu stürzen. Daß dies auf
erstaunlichem Niveau geschieht, wohlgeordnet, aber nie domestiziert,
ist zuallererst das Verdienst der beiden Kuratorinnen Maria de
Corral und Rosa Martinez.
Reservoir der
Erfahrung
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| Ein Kronleuchter aus Tampons (Joana Vasconcelos,
Portugal) |
Mit der Schau „The Experience
of Art” macht Maria de Corral die Werke wieder erlebbar, bringt sie
selbst als Reservoir der Erfahrung zum Sprechen. Langsam und
artikuliert, aber alles andere als langweilig. Rosa Martinez knüpft
mit „Always a little further” in den Arsenalen daran an, wohl
wissend, daß Kunst die Welt nicht verbessern, uns aber lehren kann,
wie wir die Welt besser sehen, genauer erkunden, treffender
beschreiben können. Oder wie, was einen bedrückt, sich auf die
leichte Schulter nehmen läßt.
„Admit nothing, Blame
Everyone” hat Barbara Kruger auf die Fassade des italienischen
Pavillons geschrieben. Drinnen surrt, unter der Decke baumelnd, eine
Bohrmaschine - schwarz und bedrohlich. Gleich dahinter löst sich das
Bild der Welt in sanften, fast malerischen Pixeln auf. Die
Fotografie betreibt bei Thomas Ruff ihre eigene Aufhebung.
Dazwischen ruht - gipsweiß und fremd - das Innere eines
Treppenhauses, das Rachel Whiteread abgegossen hat. Beide Positionen
sind bekannt. Und doch finden sie am Beginn von Maria de Corrals
„Kunsterfahrungen” trefflich zusammen. Abschied auch hier: von der
Vertrautheit der äußeren Gestalt der Dinge, von einem leeren Innen,
das wir einmal selbst anfüllen konnten mit Leben. Melancholie liegt
über dem Saal. Das Wiedererkennen zerstäubt im feinen Nebel der
Pixel.
Gegen den Minimalismus
gefochten
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| Ausgezeichnet: Thomas Schüttes Skulptur in
Venedig |
Von Thomas Schütte, der in
den Figuren der Nachkriegsbildhauer das Ruinöse hervorkehrt (siehe
auch: Goldener
Löwe von Venedig für Thomas Schütte), über Francis Bacon, Philip
Guston, über Marlene Dumas führt eine Reihe bis zu Tapies. Daneben
wird abermals gegen den Minimalismus gefochten, ventiliert Miroslaw
Balka die Folgen buchstäblich, indem er aus einem Tunnel eine
windige Unterführung macht. Nicht weit davon gießt die Abendsonne
ihr letztes Gold aus über dem Palast - dem der Republik, im Herzen
Berlins (Tacita Dean). Nebenan schlafen derweil in China die
Arbeiterinnen in der Fabrik. Über allem aber donnert in bester
Technicolor-Qualität der Trailer zu einem Film hinweg, wie ihn
Hollywood noch nie gesehen, aber schon tausendmal gedreht hat:
Francesco Vezzolis „Caligula”, die schönste Travestie, seit es
Dolby-Surround-Sound gibt.
Fast nahtlos geht Rosa
Martinez in den Arsenalen „immer etwas weiter”. Auch hier schafft
der Abschied Raum, löst er so manchen Krampf: Es ist gutes
Porzellan, voll edler Dekors. Tassen und Teller, eine Kanne, hier
eine Vase, dort ein Glöckchen, ein Henkel, geformt wie ein halbes
Herz, ein anderer wie ein Ohr - so steht es, dem Gebrauch entrückt,
im Video „Be The First To See What You See As You See It” von Runa
Islam auf weißen Sockeln.
Auf dem Rücken eines
Nilpferds
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| Reges Interesse für Thomas Schüttes
Skulptur |
Zärtlich streicht eine Frau
über den Rand einer Tasse oder läutet ein Glöckchen - um es im
nächsten Moment einfach fallen zu lassen, die Tasse sanft über den
Rand des Tischs zu schieben. Krachend zerspringen sie auf dem Boden.
Liebevoll genau wird alles betrachtet und benutzt - bewußt und ohne
jeden Anflug von Aggression vom Sockel gestoßen. Abschied von den
Fetischen? Abschied von der Nutzlosigkeit der Kunst? Manchmal
ertrinkt die Welt der Ähnlichkeit an der Oberfläche der Bilder. An
der nächsten Ecke aber sitzt eine Frau auf dem Rücken eines
Hippopotamus und liest und pfeift und liest und pfeift.
Mit leichter Hand, fast
spielerisch gelingt es Rosa Martinez, die Raumfluchten der Arsenale
zu gliedern und zu rhythmisieren. Wie von selbst scheint man von
Bild zu Leinwand, von einer hellen in eine abgedunkelte Zone
hinüberzugleiten: Wenn die drei Russen von „Blue Noses” des Lebens
Allerlei, absurd zum Slapstick verkürzt, in ein Dutzend Kartons
projizieren, daß es nur so menschelt und kichert, darf man
schmunzeln; wenn neben Mona Hatoums meditativem Sandkreis Gregor
Schneider mit „Cube Venice 2005” das Modell einer Arbeit vorführt,
die mitten auf dem Markusplatz einen der Kaaba von Mekka ähnlichen
schwarzen Kubus vorsah und angeblich aus politischen Gründen
verboten wurde und im Katalog nicht dokumentiert werden durfte, so
muß man nachdenken, was daran stimmen könnte, was wir für möglich
oder unmöglich halten. Der Schrecken blutiger Beschneidungen bleibt
ebensowenig aus wie das Lächeln, wenn die Kuratorin uns zusammen mit
Pilar Albarracin augenzwinkernd mit „Viva Espana” entläßt.
Das ist unsere
Welt
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| Hoch hinaus mit China |
All das ist also unsere Welt.
Mit alldem schlagen wir uns herum, bei unseren kleinen Reisen um den
Planeten im Jahr 2005. Wir können mit Olaf Nicolai in den
Nachthimmel schauen und die „Tränen des Hl.Laurentius” suchen,
Louise Bourgeois' blankpolierte Raumknäuel bestaunen oder Mariko
Moris Raumschiff besteigen, um zu träumen. Wir treffen auf alte und
auf neue Rituale. Bis wir auch sie verabschieden.
Oder bis wir noch näher an
die Kunst und an das Leben in ihr heranrücken: was gelingen kann,
wenn man den litauischen Pavillon sucht, um Jonas Mekas dabei zu
belauschen, wie er in den Zeiten schierer Größe das Kleine und das
Persönliche zelebriert, wie er erklärt, weshalb man Wein zur
Produktion braucht und nicht weiß, wer man ist. „Man darf die Musen
nicht betrügen”, sagt er - und lächelt.