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07.04.2004 - Kultur&Medien / Ausstellung
Ausstellung Bregenz: Minimalist mit Schuldkomplex
Mit "300 Tonnen" bringt der spanische Biennale-2003-Vertreter, Santiago Sierra, das Kunsthaus Bregenz an die Grenze der Belastbarkeit.

D
as Betreten des Kunsthauses Bre genz ist bis Ende Mai mit Risiko verbunden. Im dritten Stock des Gebäudes hat der spanische Künstler Santiago Sierra 14 Kuben aus Betonziegeln mit jeweils einer Fläche von drei mal drei Metern und einer Höhe von 3,3 Meter aufstellen lassen. Jeder Ziegel wiegt 24 Kilogramm, 14.600 Stück wurden benötigt, um die statische Belastungsgrenze des Gebäudes von 300 Tonnen knapp zu erreichen. Acht Tonnen hat der Künstler für Besucher "reserviert". Die werden bereits beim Eingang mit der möglichen Gefahr ihres Vorhabens konfrontiert: Ein Drehkreuz mit digitaler Anzeige zählt die Eintretenden. Wenn die Zahl 100 aufleuchtet wird der Zutritt blockiert.

Die anderen müssen draußen warten, sind solange ausgegrenzt bis jemand das Gebäude verlässt. 15 Metallpfeiler stützen die Decke des Erdgeschoßes und weisen die Besucher erneut auf das verwegene Ausreizen der Statik hin. Auch die zwei Untergeschoße und das erste und zweite Stockwerk sind bis auf jeweils 15 Metallpfeiler zur Abstützung der Decken vollkommen leer. Selbst wenn man weiß, dass alles genauestens berechnet wurde, kann man sich - endlich im dritten Stockwerk angekommen - eines etwas mulmigen Gefühls kaum erwehren. 292 Tonnen Betonziegel, die in 13 LKW-Sattelzügen antransportiert wurden und mit denen vier Einfamilienhäuser gebaut werden könnten, sind nun in der obersten Etage des Kunsthauses aufgestapelt - an genau von Statikern vorgegebenen Stellen, damit das Gebäude die enorme Belastung aushält und nicht einstürzt.

Das mulmige Gefühl der Besucher ist durchaus beabsichtigt. Santiago Sierra, 1966 in Spanien geboren und seit 1995 in Mexiko City lebend, gehört zu den umstrittensten Künstlern der jüngeren Generation. Formal steht Sierra in der Tradition von Minimal-Art und Land-Art sowie der Performance-Art der 60er und 70er Jahre. Er selbst bezeichnet sich als "Minimalist mit einem Schuldkomplex". Seinen künstlerischen Ruf haben vor allem gesellschaftskritische Aktionen begründet, bei denen er Menschen auf provozierende Weise dazu brachte, sich wie Ware behandeln zu lassen. 1999 ließ Sierra in Havanna sechs arbeitslosen jungen Männern gegen Bezahlung von 30 Dollar eine Linie auf den Rücken tätowieren, um darauf aufmerksam zu machen, dass Menschen in der Dritten Welt ihre körperliche Unversehrtheit für nur wenig opfern. Um auf menschenunwürdige Arbeitsbedingungen hinzuweisen, denen illegale ausländische Arbeitskräfte in vielen Ländern ausgesetzt sind, ließ Sierra in der ACE Gallery in Los Angeles mexikanische Arbeiter tonnenschwere Betonblöcke mit Metallstangen von einem Raum in den anderen schaffen.

Bei der 50. Biennale in Venedig 2003 ließ Sierra den Haupteingang des spanischen Pavillons zumauern. Durch einen Hintereingang durften nur Menschen mit gültigem spanischen Pass in das leere Gebäude eintreten. Wer über keinen solchen Ausweis verfügte, wurde von dort postierten - und von Sierra bezahlten - Polizisten in Zivil zurückgewiesen. Der Künstler verwandelte den Pavillon in ein hermetisches Territorium. Ähnliches passiert jetzt in Bregenz. Das Kunsthaus wird zum hermetischen Territorium für jeweils 100 Personen, mit der statischen Belastbarkeit als Regulativ und der Ausgrenzung als Konsequenz.

Bis 23. Mai. Di.-So. 10-18h, Do. 10-21h.

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