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Der böse Wolf im lieben Museum: Dilemma Otto Muehl

05.06.2010 | 18:19 | von Almuth Spiegler (Die Presse)

Der Skandalkünstler Otto Muehl wird 85. Ein Jubiläum, das Wiener Kunstinstitutionen vom MAK bis zum Leopold Museum sehr unterschiedlich begehen: Wie geht man heute verantwortungsvoll mit Muehls Leben und Kunst um?

Muehl ist in vielen Bereichen gescheitert – und ich glaube, dass er das auch weiß.“ Ungewohnte Töne aus Otto Muehls nächster Umgebung. Daniele Roussel, seit 1976 Mitglied von Muehls Kommune und Leiterin seines Archivs, wirkte vorigen Dienstag im Wiener Museum für angewandte Kunst auf Versöhnungskurs. Anlass war die Erstpräsentation einer neuen Filmdokumentation über Leben und Werk des Wiener Aktionisten und gerichtlich verurteilten Kommunenführers. Kein großes Machwerk, weder im Negativen noch Positiven. Aber der Auftakt zu mehreren Veranstaltungen in Wien, die sich rund um den 85. Geburtstag des parkinsonkranken Künstlers am 16. Juni ranken.

Das MAK zeigt (neben der einmaligen Filmaufführung) das 1998 in der Secession von „Pornojäger“ Martin Huemer mit roter Farbe überschüttete Muehl-Bild „Apokalypse/Keinen Keks heute“. Erstmals seit damals wieder in Österreich – dazwischen liegen mehrere Prozesse, ein Ausstellungsverbot sowie dessen Aufhebung durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und eine Überarbeitung durch den Künstler. Jetzt prangt statt Briefbomber Franz Fuchs in der Mitte der mehrteiligen Tafel voll sexuell aktiver Kirchenvertreter und Politiker MAK-Direktor Peter Noever als Muehls Beispiel für die „Ausnahme des mutigen Österreichers“, so der Beitext.

Aktive Ex-Kommunarden. Peter Noever und Kuratorin Bettina M. Busse waren es auch, die 2004 mit ihrer in enger Zusammenarbeit mit Muehl entstandenen Retrospektive kritische Ex-Kommunarden aktivierten, die seither als Gruppe „re-port“ für eine differenzierte Sichtweise auf Muehls „Lebenswerk“ kämpfen. Im Leopold Museum wird jetzt die erste Muehl-Ausstellung stattfinden, die in offenem Dialog mit beiden „Fronten“ zustande kam. Was vor allem dem Engagement des Sammlersohnes Diethard Leopold zu verdanken ist – nicht umsonst kommt er nicht aus der polarisierten Kunstszene, sondern ist im Hauptberuf Psychotherapeut.

Mit Muehl hatte er bisher nur peripher zu tun – in seiner Studentenzeit, erzählt er, hatte eine Kollegin ziemlich unangenehme Erfahrungen mit Kommunenmitgliedern. Sie wurde auf dem Weg zur Kommune von ihnen vergewaltigt – was Leopold damals von einer näheren Beschäftigung mit der Kommune abhielt. Bis ihn im November Ex-Kommunarde Hans Schroeder-Rozelle von „re-port“ anrief, auf die geplante Muehl-Ausstellung im Museum des Vaters ansprach und auf seine Verantwortung als Therapeut pochte. Worauf sich Leopold junior der heiklen Angelegenheit annahm. Und sie öfters auch gerne wieder abgegeben hätte, wie er betont. Kam es schließlich nicht selten vor, dass in aufeinanderfolgenden Telefonaten die Ex-Kommunarden und Muehls Agentin Roussel genau Gegenteiliges forderten.

Prinzipiell, so Leopold, habe es von der Muehl-Seite aber keine Einmischung gegeben: „Man will eine Beruhigung der Lage“, meint Leopold. Auf der Museums-Homepage wird also ein Statement von ihm sowie ein Interview mit Schröder-Rozelle abrufbar sein. „Aber dass wir allen Besuchern der Eröffnung einen Folder in die Hand drücken, der sie aufklärt, was für ein Unmensch Muehl war, habe ich abgelehnt. Da hätten wir die Ausstellung gleich abblasen können.“

Im Vergleich zum MAK konnte Leopold aber von beiden Seiten relativ unabhängig agieren – er war schließlich von Leihgaben nicht abhängig, in der Privatsammlung Rudolf Leopolds, der sogenannten „Sammlung II“, befinden sich überraschende 240 Werke Muehls. In welcher Verbindung also steht gerade der Wien-um-1900-Experte Rudolf Leopold mit dem gleichaltrigen Skandalkünstler? Eine geheime Kommunenvergangenheit des Sammlers ist schwer vorstellbar – verheiratet, mehrere Kinder, bürgerlicher Beruf, in Muehls Diktion wäre Leopold ein „Wichtel“, ein Kleinbürger, schlechthin. Tatsächlich begann Leopold sich mit Muehl erst zu beschäftigen, als die Kommune bereits im Zerfall war, als Muehl im Gefängnis saß (1991–1997).

Leopold besuchte Muehl in der Zelle. Der Sammler interessierte sich jedenfalls nicht für die Verschmelzung von Kunst und Leben. Sondern allein für den Maler Muehl. Er fühlte sich vom neoexpressiven Stil und „ikonoklastischen Gestus“ (Leopold jun.) angezogen. Und witterte – wie schon bei den wenig gefragten Künstlern Schiele und Klimt in der Nachkriegszeit – seine große Sammlerchance: Muehl saß im Gefängnis und am Friedrichshof herrschte Orientierungslosigkeit. Also konnte Leopold im Burgenland groß einkaufen, besuchte Muehl sogar zwei Mal in der Zelle.

Daher liegt der Hauptschwerpunkt von Leopolds Muehl-Beständen auf der Kommunenzeit. Und genau das erwies sich jetzt als Schwierigkeit. Sind in diesen Bildern schließlich auch Missbrauchsopfer des damals gottgleich behandelten Kommunenführers abgebildet. Gemeinsam mit den Ex-Kommunarden und der heutigen Leitung des Friedrichshof-Archivs sei man aber alle Bilder durchgegangen, erklärt Diethard Leopold. Und hat danach etwa zehn Bilder wieder aus der Auswahl genommen.

So wird aus der Serie „Unfälle im Haushalt“, in der Muehl vorwiegend jugendliche Modelle in mehr oder weniger sexuellen Positionen gezeigt hat, nach Recherchen überhaupt nur noch ein Bild zu sehen sein. Eine Infotafel daneben erklärt auch den Grund dafür – „ohne Eiertanz“, so Leopold. Wie auch im Saaltext Muehls Biografie inklusive Verurteilung klar angesprochen wird.


Bilder aus verbrannten Tagebüchern. Ähnlich heikel wie die Bilder, auf denen Personen aus der Kommune deutlich zu erkennen sind, sind die sogenannten „Aschebilder“ Muehls: abstrakte Arbeiten, für die Asche verbrannter Tagebücher von Kommunarden verwendet wurden. Diese intimen Dokumente wurden ohne Zustimmung der Besitzer eingesammelt und verbrannt, als sich der Prozess gegen Muehl ankündigte. Kein Wunder, dass Betroffene diese Bilder nur schwer ertragen können, die immer wieder unkommentiert in Ausstellungen auftauchen, sogar im MAK oder im Mumok.

In der Leopold-Sammlung ist allerdings kein Aschebild vertreten – „da haben wir genau nachgeschaut“, so Diethard Leopold. „Ich war sogar in Versuchung, ein Bild chemisch untersuchen zu lassen.“ Das schwierige Kapitel Kommune kann bei Muehls Kunst nun einmal nicht ausgeklammert werden. Schließlich war es auch Muehls Ansage, Kunst und Leben zu verschmelzen. Trotzdem betont das Leopold Museum, eine reine Kunstausstellung machen zu wollen. Wie soll das funktionieren? „Künstler sagen vieles, was durch das Werk nicht eingelöst wird“, meint Diethard Leopold dazu. „Ich finde, dass es den Bildern fast guttut, sie nicht dauernd nur auf dieses Leben zu beziehen. Sondern sie als Bilder wie von jedem anderen Maler auch zu betrachten. Zumindest eine Ausstellung lang.“

Ob das funktioniert, wird die am Donnerstag eröffnende Ausstellung weisen. Leopold junior zumindest war „positiv überrascht von der Qualität, als ich die Bilder im Original gesehen habe. Wobei manche Ex-Kommunarden sagen, es sei überhaupt ein Wunder, dass Muehl etwas Gutes gemalt habe. Schließlich sei er ständig von Leuten umgeben gewesen, die schon beim kleinsten Furz von Otto in Ekstase geraten sind.“

Der Künstler als männliches Genie– dieses von Muehl in alle Richtungen strapazierte Klischee steht mit dem „Vincent Zyklus“ auch im Zentrum der Ausstellung: Muehl bezieht sich darin auf Stil und Biografie van Goghs. „Er war für ihn der Kleinfamilienmaler schlechthin. In den Bildern ist er sozusagen durch die Muehl-Therapie gegangen“, erklärt Leopold. „Jetzt schneidet er nicht mehr sich selbst das Ohr ab, sondern seinem Arzt Dr. Gachet.“

Was hält eigentlich Leopold, der Psychotherapeut, von Muehls AAO-Therapie? „Es ist eine Mischung aus Freud und Reich, in der ich auch viele Elemente der Gestalttherapie erkenne. Das Beste daran war aber sicher die Selbstdarstellung, wo sich die Mitglieder im Hauptraum versammelt haben. Wer wollte, ging in die Mitte und hat sich selbst expressiv ausgedrückt. Das war für etliche schon ein starkes therapeutisches Mittel“, schließt Leopold aus seiner Lektüre und den Gesprächen. „Nur wurde dieser Vorgang mit der Zeit formalisiert, es musste ein gewisser Ablauf sein – auf die Eltern schimpfen, auf die Mutter geil sein und den Vater töten. Wie authentisch ist das dann noch? Dazu kommt die Vermischung von Therapeut und Liebhaber. Da beginnt die Sache für mich unheimlich zu werden.“

Dieses Therapieproblem spricht Muehl im Film „Back to Fucking Cambridge“ auch direkt an: Muehl spielt darin Sigmund Freud, Maria Lassnig die legendäre Analysepatientin Anna O., die sich am Ende lauthals wünscht, von Freud vergewaltigt zu werden.

Bei einem der Kameraschwenks, so Leopold, sind übrigens zwei Bilder aus der problematischen Serie „Unfälle im Haushalt“ zu sehen. „Was würden Sie jetzt tun?“, fragt er. Den Film trotzdem zeigen? Zensurieren? Kommentieren? Leopold entschied sich fürs Zeigen: „Ich finde, irgendwo hat alles seine Grenze. Man muss sagen, auch wenn es bitter ist, das Leben war so. Die Leute sind da in etwas hineingeraten, und davon gibt es Dokumente. Und es war leider ein bekannter Künstler beteiligt. So ist es.“

Fehlendes Schuldbekenntnis. Die bisher fehlende Schuldeinsicht Muehls, so Leopold, sei das größte Problem für die Opfer: „Er hat sich meines Wissens weder öffentlich noch privat entschuldigt. Das ist ein misslicher Punkt, der fehlt. So bleibt es für die Missbrauchsopfer schwierig, alles zu verarbeiten.“ Ansonsten sei Muehl aus Leopolds Sicht hart genug bestraft worden: „Er kam als kranker Mann mit Parkinson und halbblind aus dem Gefängnis und lebt jetzt recht und schlecht in Portugal. Und sein Lebenswerk wurde nicht nur auf faire Weise zerzaust. Mehr kann man einen Menschen nicht bestrafen.“


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