DiePresse.com | Kultur | Kunst | Artikel DruckenArtikel drucken


Kunsthalle Wien: Die Gosse im Atelier

27.06.2010 | 18:28 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Kunst aus dem Spannungsfeld zwischen Sub- und Hochkultur: eine Ausstellung, die weniger wild als didaktisch artig von Basquiat ins Heute führt.

Fünfzig wäre Basquiat heuer geworden – hätte sich der junge wilde New Yorker Malerstar nicht 1988 mit einem „Speedball“, einer Mischung aus Kokain und Heroin, ins Nirwana befördert. Mit 28: ein Todesalter, das schon Egon Schiele vor einem schwachen Spätwerk bewahrte. Die Kunstgeschichte dankt tragische Enden wie diesem mit ewigen Weihen. Heute sind Basquiats Bilder zwischen Pop- und Street-Art gehütete Schätze vor allem privater Sammlungen, etwa der von Österreichs Stargaleristen Thaddaeus Ropac.

Überhaupt scheint das Jubiläum fest in österreichischer Hand: Die Fondation Beyeler in Basel zeigt gerade eine große Basquiat-Retrospektive, kuratiert vom Wiener Dieter Buchhart. Und die Wiener Kunsthalle hat rund um den Maler eine etwas brave, aber didaktisch bestens aufbereitete Ausstellung rund um die Wechselwirkung von „street and studio“, also von Straßenkunst und Künstleratelier, recherchiert.

Dabei entging man der Falle, waschechte Sprayer zu neuen Stars des Kunstbetriebs zu stilisieren; da hätte das Mädchen, das Mark Jenkins vor dem Eingang der Kunsthalle an die Wand gestellt hat, tatsächlich etwas zum Kotzen gehabt. Die Kuratoren Catherine Hug und Thomas Mießgang konzentrierten sich aber auf die Vermittler und Grenzgänger zwischen den Welten. Basquiat war hier sicher eine Vorreiterfigur, begann er doch als Sprayer „SAMO“ im New York der späten 70er einschlägige Kunstviertel zu markieren. Er endete vor großen Leinwänden bei Gemeinschaftsarbeiten u.a. mit Andy Warhol, wie die Ausstellung schön zeigt.

 

Die Bronx als Kunstprojekt

Ähnlich historische Figuren (1980er-Jahre) sind auch „Ramm:Ell:Zee“ und „Lady Pink“, die mit Jenny Holzer eine kongeniale Partnerschaft eingegangen ist. Alle haben sie ihren Auftritt im Street-Art-Kultfilm „Wild Style“ von Charlie Ahearn, der im bestens bestückten Darkroom-Filmeck der Ausstellung läuft.

Die Zeichen der Straße haben aber auch gestandene bildende Künstler immer schon fasziniert, etwa Minimal-Legende Sol Lewitt, der Mitte der 70er-Jahre 666 Fotos von „Tags“ (Sprayer-Arbeiten) in Manhattans Lower Eastside knipste. Sophie Calle ließ sich 1980 von „Einheimischen“ die Bronx zeigen, schrieb und fotografierte fleißig mit – ihre anschließende Ausstellung wurde dadurch geadelt, dass ein Sprayer einbrach und die Wände rund um Calles Dokumentationen „authentisch“ verzierte. Ein echter Glücksfall damals.

Heute könnte man eine solche Geste des Widerstands auch als Dekoration eines Luxus-Shops finden, die fortgeschrittene Popästhetik macht derlei zur Werbung für ein sofort konsumierbares Lebensgefühl. So wirkt das von Shaun Gladwell kunstvoll um 90 Grad gedrehte Video von Breakdancern wie ein Nike-Spot. Die Totenköpfe in Retro-Regenbogenfarben von Basim Magdy gingen als T-Shirt-Designs durch.

Nur wenige junge Künstler – in der Ausstellung dürfen das netterweise vor allem österreichische sein – schaffen es, mit ihrer Arbeit wider- und eigenständig zu bleiben: Christian Eisenberger etwa, der mit einer poetisch untermalten Miniwerkschau ein Obergeschoß-Eck vereinnahmt hat. Leopold Kessler, der sich mit Videokamera als Autowäscher und Toilettenmann durchgeschlagen hat. Oder Rita Vitorelli, die Stofffetzen, mit denen in Paris immer noch das Abwasser reguliert wird, wie Verpackungsobjekte von Christo ausstellt.

Bis 10.10., tägl. 10–19 Uhr, Do 10–21 Uhr.


© DiePresse.com