08.09.2001 16:49:00 MEZ
Sensationeller Fund in der Albertina
Monika Faber stieß auf den ersten großen Zyklus mit Wien-Aufnahmen. Er datiert aus dem Jahr 1850

Manchmal hilft selbst akribisches Inventarisieren nichts: Die Sachen verschwinden einfach. Wie die Sammlung von Paul Poiret, die der Pariser Couturier 1912 der Österreichischen Staatsgalerie geschenkt hatte. Die Mappe mit 52 Blättern, darunter 14 Zeichnungen von Egon Schiele im Wert mehrerer Hundert Millionen Schilling, entmaterialisierte sich vermutlich schon vor Jahrzehnten. Was komischerweise niemanden groß bekümmerte: Man vertuschte den Fall.

Manchmal passiert aber auch genau das Umgekehrte: Es taucht etwas auf, von dem man jahrzehntelang gar keine Ahnung hatte, dass man es besitzt. Obwohl es akribisch inventarisiert war. Aber eben falsch. In unserem Fall geht es um Fotos. Um den ihres Wissens nach "ersten große Zyklus von Wien-Fotografien", wie Monika Faber erklärt.

Und sie muss es wissen. Die Kunsthistorikerin und Archäologin, 1954 in Wien geboren, beschäftigt sich schließlich schon seit gut 25 Jahren mit dem Medium Fotografie. Im Oktober 1999, nach zwei Jahrzehnten als Kuratorin am Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, wechselte sie in die Albertina: Der frisch bestellte Direktor Klaus Albrecht Schröder übertrug ihr die reizvolle Aufgabe, eine Fotosammlung aufzubauen, die, obwohl sie offiziell nur als "Abteilung" geführt werden darf, so etwas Ähnliches wie das österreichische Fotomuseum schlechthin sein wird.

Denn sie vereint die Bestände der kaiserlichen Bibliothek, die 1919 in die Albertina kamen, mit zwei sehr respektablen Sammlungen, die Schröder als ständige Leihgaben für sein Haus erhalten konnte: das Langenwiesche-Archiv der Stiftung Ludwig, das rund 10.000 Bildvorlagen aus den Jahren 1907 bis 1960 umfasst, und die Sammlung der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, die gar aus 40.000 Bildern, 15.000 Apparaten und 25.000 Publikationen besteht. Ab 1888 aufgebaut von Josef Eder, der auf Bestände der Technischen Universität und der 1861 gegründeten Photographischen Gesellschaft in Wien zurückgreifen konnte, geriet sie nach dessen Pensionierung 1923 mehr oder weniger in Vergessenheit.

Monika Faber ist es nun vorbehalten, diesen Bilderschatz zu heben. Beziehungsweise zuerst einmal vom Staub zu befreien. Im Akademiehof, wo man bis zur Wiedereröffnung der Albertina im Sommer 2003 Unterschlupf gefunden hat, arbeitet sich das sechsköpfige Team langsam durch den Berg an Schachteln: Foto um Foto wird restauriert und katalogisiert.

Aber eigentlich wollten wir von einem sensationellen Fund berichten. Eines Tages im Frühjahr 2001 streifte Monika Faber durch den gewaltigen Tiefspeicher der Nationalbibliothek, in dem derzeit noch die Preziosen der Albertina lagern, und ihr fielen als "Druckgraphik" inventarisierte Bände auf, deren Rücken darauf hindeuteten, eigentlich Fotoalben zu sein. Die resolute Abteilungsleiterin zog sie aus dem Regal: Es waren tatsächlich Fotoalben.

Daraufhin setzte eine Art Goldgräberstimmung ein - und man wurde wirklich fündig: Man entdeckte unter anderem ein dreibändiges Portfolio mit dem Titel Album der k.u.k. Hof-und Staatsdruckerey für die Weltausstellung 1851, das Kaiser Franz Joseph zum Geschenk gemacht worden war. In den Mappen eins und zwei präsentierte die Manufaktur sämtliche Drucktechniken, die es beherrschte (von der Lithographie bis zur Radierung), sowie alle nur erdenklichen Schrifttypen und -sätze. Denn die Staatsdruckerei hatte, wie Faber berichtet, einen exzellenten Ruf, sie druckte die Gesetze genauso für den Zaren wie für den Kaiser von China. Und in Band drei befanden sich zum großen Erstaunen 27 Kalotypien, hergestellt nach dem Verfahren von William Henry Fox Talbot, dem Gegenspieler Daguerres. Sie stammen aus dem Herbst 1850, der Fotograf war Paul Pretsch. Warum die Staatsdruckerei auch mit der Originalfotografie zu glänzen versuchte, ist leicht zu erklären: "Weil man in ihr eine neue Drucktechnik sah", wie Monika Faber erklärt. Nicht ganz unlogisch übrigens: Vom Papiernegativ wurden schließlich eins zu eins die Positive abgezogen. Wie viele, ist nicht überliefert. Einzelne Blätter sind zwar bekannt, aber der komplette Satz mit einem Wert von vielleicht fünf Millionen Schilling dürfte, weil das Archiv der Staatsdruckerei im Zweiten Weltkrieg völlig ausbrannte, einzigartig sein: "Wir hatten ein Riesenglück", sagt Faber.

Über die Entstehung der Fotos weiß man praktisch nichts, viel hingegen über die Folgen: Die Abzüge wurden auf der Weltausstellung, der ersten ihrer Art, mit einem Preis bedacht, den entgegenzunehmen Pretsch wagte, worauf er sich den Zorn des Staatsdruckereidirektors zuzog, der die Auszeichnung für seinen Betrieb reklamierte. Der Streit führte dazu, dass Pretsch den Dienst quittierte, nach England ging und eine Technik erfand, Fotografien wirklich zu drucken.

Von den 27 durchnummerierten Aufnahmen im Format von 26 mal 34 Zentimeter scheinen sechs nicht gerade überwältigend: Sie bilden ein Gemälde und ein paar Skulpturen ab. Die anderen 21 aber, erstaunlich gut erhalten, sind hoch interessant: Sie zeigen Wien. Zum Beispiel das Obere Belvedere. Oder Schönbrunn (mit Ziehbrunnen davor), die Gloriette aus verschiedenen Positionen und die römische Ruine. Pretsch hielt aber nicht nur die imperialen Bauten fest: Er fotografierte auch den Hinterhof einer Seilerei im Bezirk Neubau. Eine Serie aus drei Teilen zeigt den Blick vom Balkon des Schlosses Schönbrunn auf die noch unbebaute Schmelz. Und vier Aufnahmen, in der Nähe des heutigen Hundertwasser-Kunsthauses entstanden, liefern, lose aneinander gereiht, ein Panorama der Stadt vom Stephansdom bis zur Franzensbrücke über den Donaukanal.

Diese Wien-Dokumente sind natürlich nicht die einzigen aus der Frühzeit der Fotografie, die sich in der Albertina befinden. Eine Mäzenin, deren Anonymität gewahrt bleiben soll, erwarb Ende 1999 für die Graphische Sammlung um 800.000 Schilling - der Schätzpreis liegt rund doppelt so hoch - sogar die älteste erhaltene Ablichtung der Stadt: Sie datiert aus dem April 1840 und zeigt, auf eine versilberte Kupferplatte gebannt, eine Mauer der Hofburg samt dem ursprünglichen, nicht mehr existenten Burgtheater am Michaelerplatz.

Der Fotograf war Andreas von Ettinghausen, ein Physiker und Chemiker, der von Fürst Metternich im Jahr zuvor nach Paris entsandt worden war, um am 19. August der Präsentation des neuen

Verfahrens beizuwohnen, dem bereits der Ruf vorausgeeilt war, die Welt auf den Kopf zu stellen. Bei dieser Produktvorführung in der Akademie der Wissenschaften hatte Ettinghausen nicht nur eine Kamera erworben, sondern auch Louis Jacques Mandé Daguerre kennen gelernt, der ihn persönlich mit der Technik der Fotografie vertraut machte.

Bereits nach wenigen Aufnahmen erkannte Ettinghausen, dass der Schwachpunkt des Apparats die nur nach Erfahrung zugeschliffene Optik mit Belichtungszeiten von einer halben Stunde war. Noch aus Paris regte er daher den Mathematiker Joseph Petzval in Wien an, ein Objektiv zu errechnen. Dieses wurde in der Folge von Peter Wilhelm Friedrich Voigtländer geschliffen - und war 18-mal so lichtstark wie jenes von Daguerre: Die Belichtungszeit sank auf 75 Sekunden. Die ersten Versuche mit dem neuen Objektiv wurden im Mai 1840 unternommen, also wenige Tage nach der Ablichtung der Hofburg, der, wie man erkennen kann, noch die Schärfe fehlt. Ab dem Jänner 1841 war das Objektiv im Handel erhältlich und wurde zigtausendfach verkauft. Doch dann kam es zu einem Streit - das gehört wohl so dazu - zwischen Petzval und Voigtländer, worauf der Optikermeister auswanderte. Er ließ sich, wie wir wissen, in Braunschweig nieder.

Kein Streit hingegen ist von der Entstehung des zwölfteiligen Wien-Zyklus aus 1860 überliefert. Sehr wohl aber von den Strapazen, die Leopold Weiß auf sich nahm, um die Stadt, die im Begriff war, durch die Demontage der Basteien ihr Aussehen radikal zu verändern, auf Glasplatten mit dem respektablen Format von rund 80 Zentimeter im Quadrat zu bannen: Der Fotograf der Staatsdruckerei schaffte nicht nur die Kamera, zerlegt in Einzelteile, sondern auch die Dunkelkammer auf den Turm des Stephansdomes. Denn die Negative mussten vor Ort beschichtet und entwickelt werden.

Auch dieser Rundblick (vom ehemaligen Franzenstor im Uhrzeigersinn bis zum Burgtor) wurde kürzlich in der Albertina wiederentdeckt. Wenn Monika Faber die riesige Mappe aufschlägt, beginnen ihre Augen noch ein wenig mehr zu glänzen. Sie wolle zwar keinen Rückzug in die Vergangenheit, sagt sie, aber diese Schätze müssten ganz einfach gehoben werden: "Das ist eine Verpflichtung."

(Thomas Trenkler)
(DER STANDARD, Printausgabe/Album, 8./9.9.2001)


Quelle: © derStandard.at