|
|
763--Ausflug in Paradies
Das Schlußbild ist
radikal: Ein junger Dicker steigt einen freistehenden kleinen Treppenklotz
zwischen Bahngleisen hinauf und schwingt aggressiv ein nacktes, abgebrochenes
Schaufensterpuppenbein. Dazu wummert irgendeine chinesische Popmusik. Dann zieht
er noch sein Hemd aus, verbeugt sich wild auf dem winzigen Podest, sein
schwabbeliger Bauch schimmert weiß vor der Kulisse aus Masten, Schienen und
grauem Himmel.
Ein vergleichsweise bombastisches Finale des
schwarzweißen Spielfilms „An Estranged Paradise“ von Yang Fudong. Bis dahin
herrschte kostbar aufgeladene Ruhe. Zhuszi und seine Freundin Linshan leben an
einem Ort, dessen Name übersetzt Paradies bedeutet. Er leidet zuweilen, an
Unruhe vielleicht, die Eltern kommen zu Besuch, kurz vor Schluss wird auch
geheiratet - insofern ergibt sich das Muster einer Filmerzählung. Gleichzeitig
wirkt jede Szene, jedes Bild wie eine abgeschlossen dahinschwebende
Zeitseifenblase. Der Bootsausflug der Familie wird von der dahingezwitschernen
Erzählung der künftigen Schwiegertochter liebevoll kommentiert, die Kamera ruht
derweil auf den Rudernden. Der Ausflug wird zum Spaziergang, auf einer
Steinbrücke bleiben alle stehen und stellen sich zum Gruppenportrait auf. Da
blicken sie aufmerksam abwartend in die Linse - aber niemand fotografiert, die
Pose galt dem Kameramann und so sehen sich Zuschauer und Schauspieler kurz
direkt an. Ein Fotomoment, in dem die Filmkamera zu lange auf einen kurzen Blitz
zu warten scheint. Wie später, wenn dem Angler die Aale vom Rad gekippt sind und
er fasziniert den umherschlängelnden Fischen zuschaut, oder im Park, als Braut
und Bräutigam umeinanderposieren wie Vögel oder Seriendarsteller.
Chinesisch angehauchte Melodien füllen den kleinen schwarzen Raum, in dem
„An Estranged Paradise“ als Video-Dauerschleife gezeigt wird. Manchmal mischen
sich auch die Geräusche der Parks, Landstraßen, Krankenhäuser und Flure in die
Bilder. Genauso gleichmäßig und prezios wie die sparsamen Dialoge, die zumeist
doch eher verhallende Monologe bleiben. Der gleichmäßig getönte Film ist wie
eine verdichtete Substanz, aus der sich eine Novelle kondensieren ließe oder
unzählige Einzelbilder vom Glück.
| Catrin Backhaus |
Falls Sie benachrichtigt werden wollen, wenn auf dieser Seite
Kommentare
erscheinen, tragen Sie bitte hier Ihre Email-Adresse ein:
Möchten Sie diese Blitz Review kommentieren?
Zurück zum Inhaltsverzeichnis