
Über den blanken Bauch ist ein kurzer Strick gebunden. Auf einer weiten Hochebene, vor schneebedeckten Berggipfeln, steht eine Reihe Männer, am Kopf pelzbesetzte Kappen mit Knauf, folkloristische Stiefel an den bloßen, in knappen Höschen steckenden Beinen, die muskulösen Arme in Bolero-artige pinke und blaue Jäckchen gezwängt. Fünf andere knien in ebenso grellfarbigen Fleischerkitteln davor und blicken in die Kamera: Ringer auf dem Fest des Hammelbrustknochens, steht darunter. Direkt daneben eine Art Dr. Vibes im grün-blauen Plastikumhang, der beschwörend ein Knochenkreuz gen Himmel streckt: Ekstatischer Mönch in der Wüste.
Im Internet erfährt man mehr über die Bikini-Ringer aus der Mongolei, die seit der Hunnenzeit ebenso wie die Bogenschießer und Reiter ihre Wettkämpfe abhalten. Der freakige Mönch hingegen ist inszeniert - ein Filmstill aus der monströs-fantastischen Kinorevue Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse. Ulrike Ottinger ist besser bekannt als Filmemacherin. Eine Karriere, die sie in den frühen 70ern, von der bildenden Kunst kommend, einschlug.
Ihre Filme erzählen mittels üppiger Bilder, verwoben mit antiken Mythologien und literarischen Figuren, phantastische Geschichten, die den Zuseher kopfüber taumelnd in skurrile, fremde Kostümwelten stürzen. Auch das Fremde und Unbekannte anderer Kulturen erscheint in Ottingers Fotografien, Inszenierungen, Reisefilmen mitunter als abgedrehte Fantasiewelt.
Für die Ausstellung Totem im Salzburger Kunstverein, die um Todes- und Auferstehungsfantasien kreist, hat die reisefreudige Künstlerin Standbilder aus frühen Filmen mit dokumentarischen Materialien aus verschiedensten sozialen und kulturellen Kontexten wild durchgemischt. Der wissenschaftliche oder ethnografische Zugang interessiert sie nicht. Es geht vielmehr um die Faszination der Andersartigkeit, eine Anerkennung verschiedenster Kulturen und Rituale.
Wenn sie den sonnengegerbten Helden texanischer Charreadas (den Rodeos ähnlich) Altarschreine mit glitterbeklebten Voodoo-Püppchen weiht, Säulen wie Totempfähle mit Federn behängt, Indianergottheiten in Form erzkatholischer Heiligenbilder inszeniert oder gar Zeus, der als Stier die Jungfrau Europa raubt, am Wigwam montiert, fallen Kulturgrenzen.
Ein
wohltuender Ausflug, denn früh genug kehrt man zurück in eine Stadt, wo
alles "ist wie es ist" und am Ende von Jedermanns Fest - so
vorhersehbar wie altbekannt - nur der Tod wartet und sonst gar nichts.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.8.2005)