"Ihr werdet schon sehen, wer übrigbleibt." Kombiniert mit
der Photographie der beiden sich zuprostenden, grell geschminkten Männer
in üppigen Ballroben, bekommt der Titel der Arbeit - ein Zitat von Helmut
Kohl - einen sarkastischen Beigeschmack. Abbild der
Champagner-Anstoß-Gesellschaft, gebrochen durch das dargestellte
Selbstbewußtsein der Schwulen-Szene?
Mit Arbeiten von Matthias Herrmann beginnt "Abbild", die
große Ausstellung des Steirischen Herbsts im Grazer Landesmuseum Joanneum.
Ausgewählt hat die Arbeiten von über 50 Künstlern aus der ganzen Welt
Peter Pakesch. Er machte sich auf die Spur der Darstellung des Menschen in
Malerei, Photographie, Plastik, Video in der heutigen Kunstproduktion.
Klassische Ansätze wie Gerhard Richters photorealistische
Porträts, Cindy Shermans Selbstverwandlungen oder Paul McCarthys boshaftes
Spiel mit tradierten Sehgewohnheiten stehen für den Beginn der seit den
80er Jahren wieder flächendeckend auftretenden Auseinandersetzung mit
menschlicher Figur und Porträt. Vorbei zu sein scheint die Rivalität von
Photographie und Malerei. Wichtig ist heute nicht mehr die Wahl des
Mediums, sondern der subjektive Umgang mit Identitäten.
In den Photographien von Thomas Struth, der japanische,
chinesische und mitteleuropäische Familien abbildete, lassen sich die
kulturellen Unterschiede in der Selbstdarstellung verfolgen. Besonders
stark ist diese Differenz in der Gegenüberstellung der Arbeiten des
österreichischen Duos Muntean/
Rosenblum mit denen des chinesischen
Malers Xie Nanxing zu sehen: Oberflächliche Szenen aus der MTV-Kultur
stehen hier Bildern der Auflehnung der chinesischen Jugend gegen das
System und ihrer Suche nach Identität gegenüber.
Eine Aneignung fremder Traditionen versucht Yasumasa
Morimura. Der japanische Multimedia-Künstler setzte sein Porträt in Frida
Kahlos Selbstbildnisse. Ein Verwirrspiel der Kulturen und Geschlechter.
Irritierend auch die Bilder von Chuck Close: Aus der Nähe ein abstraktes
Rasterfeld, enthüllt sich erst aus der Entfernung ein menschliches
Gesicht. Fazit der spannenden, schön gehängten Ausstellung: Das Festhalten
des menschlichen Abbilds scheint in Zeiten von Gentechnik und angesichts
der täglichen, vergänglichen Bilder-Flut wichtiger denn je.
Bis 16. Dezember, Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Do. 10
bis 21 Uhr.
© Die Presse | Wien