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Die Terroristin der Kunstwelt

Niki de Saint Phalle, die "Mutter" der monströsen bunten "Nanas", ist tot. Die Amerikanerin mit französischen Wurzeln wurde 71 Jahre alt.

SAN DIEGO. Ihre schrillen, oft mehrere Meter großen und einige Tonnen schweren "Muttergotthei-
ten" kennt jeder: Sie schmücken Plätze von Tokio, Paris genauso wie New York, stehen in allen wichtigen Museen. Zwei dieser bunt bemalten Plastikmatronen waren auch in der Ausstellung "Heimat" in der Kunsthalle Tirol im alten Haller Salzlager zu sehen.
Tarot-Garten
Ihre "Nanas" wollte die Pop-Artistin als Ausdruck einer ganzheitlichen Lebens- und Kunstauffassung verstanden wissen, die sie in ihrem 1998 eröffneten Tarot-Garten in der Toskana Gestalt werden ließ. Durch die eigenhändige Realisierung dieser das Weibliche schrill karikierenden Metaphern für das Matriarchat setzte Niki de Saint Phalle ihre Gesundheit aufs Spiel, indem sie jahrelang gefährliche Dämpfe einatmete, was ihre Lunge unheilbar schädigte und woran sie nun auch starb.
Doch die 1930 in Neuilly-sur-Seine geborene Niki de Saint Phalle, die als Dreijährige nach New York übersiedelte und zuerst als Model jobbte, bevor sie die Kunst für sich entdeckte, hinterlässt ein weit komplexeres Werk, als es ihre "Nanas" vermuten lassen. Ihr Lehrer wurde der Schweizer Bildhauer Jean Tinguely, mit dem sie bis zu seinem Tod 1991 eine ebenso stürmische private wie fruchtbare künstlerische Beziehung verband.
Tinguely war ein Macho vom Feinsten. Er war der Erschaffer poetisch beweglicher, oft aus technischen Fundstücken zusammengesetzter Kunstmaschinen, denen Saint Phalle ihre statisch plakativen, kraftvoll in sich ruhenden, von kräftigen Farben dominierten weiblichen Gebirge gegenübersetzte.
Doch begonnen hat Niki de Saint Phalle als Malerin, inspiriert von der naiven Kunst eines Rousseau und Dubuffet. International Aufsehen erregte sie erstmals 1961 mit einer Ausstellung ihrer "Schießbilder" in Paris, wo zwei Wochen lang jeder Besucher die Gelegenheit hatte, auf die weißen Leinwände, unter denen die Künstlerin Farben deponiert hatte, zu schießen. Niki de Saint Phalle nannte sich damals selbst eine "Terroristin der Kunst", auf der Suche nach einem neuen Frauenbild, mit dem sie das alte zu vergessen versuchte. "Ich schoss gegen Daddy, gegen alle Männer", so die Künstlerin 1996 in einem von Peter Schamoni gedrehten filmischen Porträt Niki de Saint Phalles.
Private Mythologie
Ausdruck einer sehr privaten, surreal vieldeutigen Mythologie sind Saint Phalles opulente, oft aus Versatzstücken des Realen gepuzzelte Materialbilder. Sie sind Ausdruck unverarbeiteter kindlicher Verletzungen, Obsessionen und Frustrationen als Frau in einer rational dominierten Männerwelt. In dieser hat sie allerdings alles erreicht, was es als Künstler zu erreichen gibt.
2002-05-22 16:13:24