MUMOK: John-Baldessari-Retrospektive
Brandopfer der heiligen Kuh Malerei
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Humor eines Neuerers: Baldessaris "Kissing Series". Artist and Marian Goodman Galery, New York
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Die bisher größte Retrospektive über John Baldessari, einen der
Gründer der konzeptuellen Kunst, teilen sich das MUMOK und das
Kunsthaus Graz. Teil I "A Different Kind of Order" zeigt Arbeiten von
1962 bis 1984 im Wiener Museum.
Gleich in der Lounge gibt das Filmporträt des Künstlers "This is not
that" von Jan Schmidt-Garre 90 Minuten Einblick in das "Labor", von dem
aus der 74-Jährige seine Ideen delegiert, unterrichtet und teilweise
mit seinen Schülern filmische Werke produziert.
Der zweimalige Documeta-Beiträger gilt als Bahnbrecher der
Konzeptkunst, wird aber von strengen Kollegen wie Joseph Kosuth wegen
seiner die Kunst und die Gesellschaft ständig hinterfragenden Rolle
sehr kritisiert; für ihn ist jedoch eine zweite Ebene der Korrektur und
Ergänzung im Werkprozess von großer Bedeutung. Die Schau beginnt mit
den Malereien, die als zerstört galten: durch private Sammler sind die
teilweise übermalten Plakate voll Witz, mit Repliken auf Magritte, zum
Glück erhalten. "Signs" und "Fragments" zeigen seine Auseinandersetzung
mit Jasper Johns, die kritische Reaktion auf den abstrakten
Expressionismus und einige Collagen sowie ein bemaltes
Aluminiumfragment einer ehemals vielteiligen Installation.
Das Ende seiner Malerei schrieb er ins Bild: "was dann?", fragt er 1967
sich und die Betrachterinnen und Betrachter und ließ danach durch
Hobbymaler bestimmte Situationen mit Zeigegestus fotorealistisch malen
und darunter von Schriftmalern die Künstlernamen setzen ("Commissioned
Painting"). Einige wenige Schriftbilder wie "A two dimensional surface"
stammen noch von ihm; die meisten weitergehenden Fragen an das
Tafelbild verzichten auf die eigene Autorschaft, was bleibt ist die
Idee – neben Magritte ist dabei natürlich Duchamp entscheidend.
Feuertod der Bilder
1970 ging er mit seinen Bildern ins Krematorium und verbrannte sie
alle, um sich nur mehr der Konzeptkunst mit Hilfe anderer Medien oder
Autoren zu widmen. Das "Cremation Project" ist mit Fotografie, einer
Aluminiumtafel mit den Eckdaten seiner Malphase 1953–1966 und einer
Urne in Form eines Buches vorhanden. Die säkularisierte Wiedergeburt
ist auch ein humorvoller Blick auf alle, die das Erhabene zu sehr in
ihr Werk integrieren. Doch auch Baldessari kümmert sich weiter um Bild,
Raum, Farbe – jedoch von der Leinwand weg in Film, Foto und Theorie.
Früh hat der Künstler auch mit reduzierten Aktionen vor der Filmkamera
seine Bezüge von Bild, Sprache und Raum weiter verfolgt. Die Geste und
das Sprechen kommen zusammen, aber auch dabei die Ironie: Sol LeWitts
Regeln der Konzeptkunst werden von ihm gesungen, auch die neuen Medien
nicht einfach kritiklos und technikgläubig übernommen. Ein ganzer Raum
zeigt seine sensiblen Bezüge zu Film und Filmstills, zu Storyboards. Ab
und zu klammert er das Wesentliche einer Szene aus oder schneidet
Sichtkreise aus, verfolgt Sprechgesten in Form einer ganzen Filmrolle.
Die Doppelbedeutungen von Wörtern und Sprachphilosophie bis zurück zu
Wittgenstein sind nicht wegzudenken aus seinem Werk.
Was zuerst wegen der komplexen Bezüge so schwer zugänglich erscheint,
lässt sich im Laufe des Rundgangs durch die Ausstellung wiederkehrend
und voller Humor als Aufhebung aller konventioneller Botschaften der
Kunsttheorie gut verstehen – vor allem in den Fototextbildern. Das
Denken muss auf eine zirkuläre (statt lineare) Struktur eingestellt
werden, alles hängt dann mit allem zusammen, und der Witz ist ohnehin
durchgehend vorhanden: das Kunstmachen wird hier auf intelligente Art
und Weise zur Kunst erhoben.
Künstler für Künstler
Je länger die Collagen, Filme, Fotos, Objekte und Raumarbeiten auf
einen einwirken, desto sympathischer wird dieser Künstler, der in den
USA und in Europa besonders für seinesgleichen von hoher Bedeutung ist:
ein Künstler für Künstlerinnen und Künstler, der neben Sprache, Bild,
Fotografie und neuen Medien auch das Rauchen in Serien befragt: Rauch
soll etwa die Formen von Wolken nachahmen. Nicht nur aus Gesten der
Raucher erschließen sich ganze neue Sprachen.
Kurator Rainer Fuchs hat mit Claudia Dohr auch eine besonders gelungene
Aufbauarbeit geleistet – nicht umsonst wurde er von Baldessari im
Denken als "Doppelgänger" bezeichnet. Der Katalog von Wien (bei Walther
König in Köln) wird mit dem aus Graz im Schuber angeboten, er enthält
neben Texten auch Interviews.
Samstag, 07. Mai 2005