"Mein Alltag besteht sehr viel aus Nachdenken und
Momenten, in denen ich nichts Konkretes tue." Kerzengerade, beherrscht
sitzt Krystufek auf dem Fauteuil, blickt wie teilnahmslos durch einen
hindurch. "Ich glaube, daß ich mich da sehr stark von meinen Kollegen
unterscheide. Es gibt nicht mehr viele, die sich selbst so viel Ruhe bei
der Arbeit lassen. Wenn ich arbeite, dann meist sehr konzentriert." So
öffentlich die Künstlerin ihren Körper macht, so verschlossen gibt sie
sich im Gespräch.
"Am Anfang habe ich mich eigentlich mit allem
beschäftigt, außer mit Malerei. Ich habe Skulpturen aus Ton, Videos,
Photos, Installationen gemacht, die vor allem mit Abgrenzung zu tun
hatten." Ihr liebstes Material, ihr eigener Körper, begann sie um 1993 zu
beschäftigen.
"Ich kann mich nicht auf ein Medium festlegen, befasse
mich aber in den letzten Jahren vermehrt mit Malerei. Hinter den meisten
meiner Arbeiten steht ein malerischer Gedanke, ein sehr ästhetischer, auch
bei meinen Videos." Ihre Ästhetik schwankt zwischen gekonnter Inszenierung
und Realismus: das Geschlecht, die Sexualität, ihr nackter Körper, nicht
wie üblich vorteilhaft in Szene gesetzt. Lange Zeit litt Krystufek an
Bulimie, die sie oft thematisiert und vor kurzem bewältigt hat. Stammt
alles aus ihrem privaten Leben? "Ich habe meine Bulimie nie als so privat
empfunden. Sie entstand nur im Austausch mit der Öffentlichkeit, als
Reaktion auf Personen, die mir in falscher Weise zu nahe getreten sind."
Bei der heurigen Art Basel sah man von ihr eine
Installation mit Videos über Menstruation. "Provokation entsteht
automatisch, weil ich mich mit Inhalten befasse, die Reibungspunkte sind.
Auch in der aufgeklärten Gesellschaft ist Menstruation immer noch ein
schwieriges Thema. Es ist bei einer solchen Arbeit auch ein Unterschied,
ob man ein Mann oder eine Frau ist. Das Erleben ist anders, wenn man
einmal im Monat damit konfrontiert ist. Wobei ich mir auch gedacht habe,
daß es bei Nitsch so etwas geben muß wie einen Menstruationsneid."
Sex sells - das stimmt längst auch für den
Kunstmarkt. Haben junge Künstlerinnen derzeit deshalb so schnell Erfolg?
"In Basel ist mir aufgefallen, daß Künstler, die man zum ersten Mal sieht,
zwei Monate später in allen internationalen Gruppenausstellungen sind. Es
hat sich ein System entwickelt, das stark von den Kuratoren gestützt wird,
die ihre Ideen illustrieren wollen - und den Künstlern nicht immer so gut
tun."
"Malerei ist so haltbar"
Ohne Kunstbetrieb, so Krystufek, würde ihre eigene Arbeit
nicht funktionieren: "Sie bezieht sich oft stark auf Werke anderer
Künstler, weil ich mir auch ständig Dinge anschaue." Beeinflußt sei sie am
meisten von Cindy Sherman. Beschäftigt sie sich auch mit den "Alten
Meistern"? "Sicher. Besonders gefällt mir zur Zeit Bronzino, weil der auch
viele Porträts gemalt hat - und Botticelli. In den Uffizien habe ich mir
besonders die Augen angesehen. Bei meinen eigenen Porträts schielen die
Augen sehr oft, sind ungleich groß, nicht auf einer Ebene. Es fällt mir
sehr schwer, Augen darzustellen. Das beschäftigt mich auch, weil ich
selbst so stark kurzsichtig bin. Wenn ich Brillen tragen müßte, wäre meine
Arbeit in der Form nicht möglich: Der Augenkontakt funktioniert nicht,
wenn noch so eine Glasscheibe dazwischen ist."
Funktioniert Malerei denn noch, heute, wo Videos viele
Ausstellungen dominieren? "Ich glaube schon, weil sie so haltbar
ist - und schwer nachzuahmen. Auch meine Malerei, die ja sehr expressiv
ist, ist relativ schwer zu fälschen."
An die Relevanz der Schönheit der Künstlerin glaubt
Krystufek nicht: "Es sind eher die frühen Performance-Künstlerinnen, die
meist sehr schöne Frauen waren: Valie Export, Hannah Wilke, Carolee
Schneemann - die wahrscheinlich auch deswegen so stark mit ihrem Körper
gearbeitet haben, weil schöne Frauen eben sehr oft als Projektionsfläche
fungieren." Ihr gehe es jedenfalls nicht nur um den Körper selbst,
"sondern auch darum, wie er als Bild funktioniert".
Dieses Thema werde aus ihrer Arbeit "nicht so schnell
verschwinden": "Es interessiert mich, wie die Dinge längerfristig
funktionieren. Was passiert, wenn man sich viele Jahre lang so exzessiv
dem Thema Selbstporträt widmet? Theoretisch könnte es ja bis zu meinem Tod
so weitergehen."
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