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10.11.2001 - Ausstellung
Exzessiver Rückzug in den Körper
Elke Krystufek, derzeit wohl Österreichs gefragteste Künstlerin ihrer Generation, im Gespräch über Kunstmarkt, Blut, Tabu.
VON ALMUTH SPIEGLER


"Mein Alltag besteht sehr viel aus Nachdenken und Momenten, in denen ich nichts Konkretes tue." Kerzengerade, beherrscht sitzt Krystufek auf dem Fauteuil, blickt wie teilnahmslos durch einen hindurch. "Ich glaube, daß ich mich da sehr stark von meinen Kollegen unterscheide. Es gibt nicht mehr viele, die sich selbst so viel Ruhe bei der Arbeit lassen. Wenn ich arbeite, dann meist sehr konzentriert." So öffentlich die Künstlerin ihren Körper macht, so verschlossen gibt sie sich im Gespräch.

"Am Anfang habe ich mich eigentlich mit allem beschäftigt, außer mit Malerei. Ich habe Skulpturen aus Ton, Videos, Photos, Installationen gemacht, die vor allem mit Abgrenzung zu tun hatten." Ihr liebstes Material, ihr eigener Körper, begann sie um 1993 zu beschäftigen.

"Ich kann mich nicht auf ein Medium festlegen, befasse mich aber in den letzten Jahren vermehrt mit Malerei. Hinter den meisten meiner Arbeiten steht ein malerischer Gedanke, ein sehr ästhetischer, auch bei meinen Videos." Ihre Ästhetik schwankt zwischen gekonnter Inszenierung und Realismus: das Geschlecht, die Sexualität, ihr nackter Körper, nicht wie üblich vorteilhaft in Szene gesetzt. Lange Zeit litt Krystufek an Bulimie, die sie oft thematisiert und vor kurzem bewältigt hat. Stammt alles aus ihrem privaten Leben? "Ich habe meine Bulimie nie als so privat empfunden. Sie entstand nur im Austausch mit der Öffentlichkeit, als Reaktion auf Personen, die mir in falscher Weise zu nahe getreten sind."

Bei der heurigen Art Basel sah man von ihr eine Installation mit Videos über Menstruation. "Provokation entsteht automatisch, weil ich mich mit Inhalten befasse, die Reibungspunkte sind. Auch in der aufgeklärten Gesellschaft ist Menstruation immer noch ein schwieriges Thema. Es ist bei einer solchen Arbeit auch ein Unterschied, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Das Erleben ist anders, wenn man einmal im Monat damit konfrontiert ist. Wobei ich mir auch gedacht habe, daß es bei Nitsch so etwas geben muß wie einen Menstruationsneid."

Sex sells - das stimmt längst auch für den Kunstmarkt. Haben junge Künstlerinnen derzeit deshalb so schnell Erfolg? "In Basel ist mir aufgefallen, daß Künstler, die man zum ersten Mal sieht, zwei Monate später in allen internationalen Gruppenausstellungen sind. Es hat sich ein System entwickelt, das stark von den Kuratoren gestützt wird, die ihre Ideen illustrieren wollen - und den Künstlern nicht immer so gut tun."

"Malerei ist so haltbar"

Ohne Kunstbetrieb, so Krystufek, würde ihre eigene Arbeit nicht funktionieren: "Sie bezieht sich oft stark auf Werke anderer Künstler, weil ich mir auch ständig Dinge anschaue." Beeinflußt sei sie am meisten von Cindy Sherman. Beschäftigt sie sich auch mit den "Alten Meistern"? "Sicher. Besonders gefällt mir zur Zeit Bronzino, weil der auch viele Porträts gemalt hat - und Botticelli. In den Uffizien habe ich mir besonders die Augen angesehen. Bei meinen eigenen Porträts schielen die Augen sehr oft, sind ungleich groß, nicht auf einer Ebene. Es fällt mir sehr schwer, Augen darzustellen. Das beschäftigt mich auch, weil ich selbst so stark kurzsichtig bin. Wenn ich Brillen tragen müßte, wäre meine Arbeit in der Form nicht möglich: Der Augenkontakt funktioniert nicht, wenn noch so eine Glasscheibe dazwischen ist."

Funktioniert Malerei denn noch, heute, wo Videos viele Ausstellungen dominieren? "Ich glaube schon, weil sie so haltbar ist - und schwer nachzuahmen. Auch meine Malerei, die ja sehr expressiv ist, ist relativ schwer zu fälschen."

An die Relevanz der Schönheit der Künstlerin glaubt Krystufek nicht: "Es sind eher die frühen Performance-Künstlerinnen, die meist sehr schöne Frauen waren: Valie Export, Hannah Wilke, Carolee Schneemann - die wahrscheinlich auch deswegen so stark mit ihrem Körper gearbeitet haben, weil schöne Frauen eben sehr oft als Projektionsfläche fungieren." Ihr gehe es jedenfalls nicht nur um den Körper selbst, "sondern auch darum, wie er als Bild funktioniert".

Dieses Thema werde aus ihrer Arbeit "nicht so schnell verschwinden": "Es interessiert mich, wie die Dinge längerfristig funktionieren. Was passiert, wenn man sich viele Jahre lang so exzessiv dem Thema Selbstporträt widmet? Theoretisch könnte es ja bis zu meinem Tod so weitergehen."



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