12.02.2003 21:45
Fünf Stockwerke Leseturm
Depot-Chef Wolfgang Zinggl im derStandard.at-Interview über
Erwartungen an die Stadt Wien und den Mangel an Räumen der
Zivilgesellschaft
"Wir bemühen uns, mit dem Bund ins Gespräch zu kommen,
um noch vor dem 28. Februar eine Lösung zu finden", versprach Kulturstadtrat
Mailath-Pokorny am Dienstag bei einer Veranstaltung im Depot. Ob diese
Bemühungen erfolgreich sind, ist fraglich. Schließlich ist das nahezu
kaputtgesparte Depot bereits seit zwei Monaten auf die Solidarität anderer
angewiesen. Viel Hoffnung auf den Weiterbestand von "Kunst und Diskussion" lässt
auch das mehrmals wiederholte Statement des Kulturstadtrates, man könne nicht
überall dort einspringen, wo der Bund nachlässt, nicht aufkommen. – Mit Wolfgang
Zinggl sprach am vergangenen Freitag Anne Katrin Feßler über Erwartungen an die
Kulturpolitik, "Kulturdampfer", "Leseturm-Alternativen" und das Besondere am
Depot.
derStandard.at: Sollte die Schließung des Depot unvermeidlich
sein, von wem sind Sie am meisten enttäuscht?
Zinggl: Ich wäre
enttäuscht, wenn uns die Stadt Wien nicht rettet.
derStandard.at:
Was erwartet das Depot von der Stadt?
Zinggl: Dass sie die
Hälfte des notwendigen Budgets übernimmt und das sind 200.000 Euro. Der Stadtrat
müsste sagen, wir leisten unseren Anteil mit dieser Summe und ich hoffe, dass
der Bund spätestens im Juni auch diesen Anteil leistet. Aber die Stadt lässt uns
hängen.
derStandard.at: Was für Kommunikation besteht momentan
mit Bund und Stadt?
Zinggl: Beiden liegen unsere
Subventionsanträge vor. Der Bund weist auf die Beiratssitzung hin, die Stadt
Wien sagt gar nichts.
derStandard.at: Die Sprecherin des
Kulturstadtrats meinte letzte Woche, die Stadt Wien fühle sich nicht für die
Zukunft des Depots verantwortlich: "Es kann nicht sein, dass wir für
Subventionen einspringen, die ursprünglich vom Bund gekommen
sind".
Zinggl: Die Stadt Wien ist natürlich für eine Institution,
die zu einem Gutteil für das städtische Publikum gedacht ist, verantwortlich.
derStandard.at: Es handelt sich um Subventionsansuchen in der
Gesamthöhe von 400.000 Euro. Im letzten Jahr haben die Subventionen von Stadt
und Bund zusammen 135.000 Euro ausgemacht. Wieso braucht das Depot jetzt mehr
Geld?
Zinggl: 2002 hatten wir aufgrund der prekären Finanzlage
vier Schließmonate. Und dann war da viel unentgeltliche Arbeit, von
Vortragenden, über die Druckerei, bis zum Team. Auf Dauer geht das nicht. Wenn
wer glaubt, wir werden das heuer wieder mit 135.000 Euro machen, dann ist das
ein Irrtum.
derStandard.at: Was passiert nach einer positiven
Beitragsentscheidung?
Zinggl: Dann liegt die einen Monat lang am
Schreibtisch vom Staatssekretär, anschließend einen Monat am Schreibtisch vom
Ministerialrat. Und am Ende kriegen wir ein Fünftel von dem was beantragt wurde.
So ist das voriges Jahr gelaufen.
derStandard.at: Es gibt im
Moment schwarz-grüne Regierungsverhandlungen. Sollten die Grünen in die
Regierung kommen, steigen dann die Hoffnungen des Depot auf ausreichende
Subventionen?
Zinggl: Wenn die Grünen in die Regierung kommen und
das Kulturressort übernehmen, ist meine Hoffnung größer, dass das Depot
ordentlich weiterexistieren kann. Aber erstens einmal ist es bis dahin ein
breiter und langer Weg und zweitens ist es fraglich, ob in einer Regierung von
Grün und Schwarz, die Grünen überhaupt die Kulturagenden
übernehmen.
derStandard.at: Wann ist die letzte Deadline für eine
Entscheidung übers Zusperren oder weiteres Zuwarten?
Zinggl: Um
die Räumlichkeiten zu kündigen warten wir noch bis Ende Februar. Dann ist unsere
letzte Deadline.
Museumsquartier und "kleine flinke
Kulturboote"
derStandard.at: In Bezug auf die Rückkehr der
sogenannten Drittnutzer ins Museumsquartier signalisierte die
Errichtungsgesellschaft zumeist "grünes Licht". Es heißt aber auch, das Depot
hätte sich eine Rückkehr gar nicht leisten können.
Zinggl: Wenn
das Depot kein Geld hat, kann es nicht übersiedeln. Außerdem hat es nie einen
Vertrag gegeben, weil zu viele Dinge - wie etwa die Höhe der Betriebskosten oder
die Ablöse bei vorzeitiger Kündigung - unklar waren.
derStandard.at:
Morak hat im Mai 2000 bei einer Podiumsdiskussion gesagt, es fließe der
Großteil der öffentlichen Gelder in "die großen alten Kulturdampfer" des 19.
Jahrhunderts wie die Oper. – Seitdem sind fast drei Jahre schwarz-blaue
Kulturpolitik des Bundes vergangen? Hat sich etwas geändert?
Zinggl:
Ja. Zu den großen Dampfern haben sie noch einen dazugebaut: Das
Museumsquartier. Das ist ja ein großes Schlachtschiff, das vorher gar nicht in
den Gewässern war. Das saugt natürlich sehr viel Kapital ab. Und für die
kleinen, flinken Kulturboote ist kein Geld mehr da.
derStandard.at:
Das Museumsquartier: Ein Kulturdampfer des 20.
Jahrhunderts?
Zinggl: So wie es geführt wird, ist es ein Relikt
aus dem 19. Jahrhundert unter postmoderner Attitüde. Es ist ein klassisch
postmodernes Kulturgebilde - nicht vom Aussehen her, sondern von der Intention.
derStandard.at: Wann hat sich das Depot vom "Projekt" zur
"Institution" gewandelt?
Zinggl: Das war 1997. Stella Rollig hat
damals darum gebeten, dass dieses florierende Projekt vom Bund übernommen und
weitergeführt wird. Und der damalige Minister (Anm.: Scholten) hat gesagt, wir
schauen uns an, ob der nächste Bundeskurator /die nächste Bundeskuratorin, das
weiterführen will. Denn sobald ein Zweiter die Institution weiterführen möchte
und ein Großteil des ihm zur Verfügung stehenden Kapitals hineinsteckt, ist es
kein Einzelprojekt einer Kuratorin mehr.
derStandard.at: Ist das
Publikum ein Grund wieso eine Institution weitergeführt werden
sollte?
Zinggl: Es gibt ein Zielpublikum, und wenn das nicht
kommt, ist eine Institution gescheitert.
derStandard.at: Wie nah
ist das Depot seinem Zielpublikum?
Zinggl: Es kommt das
Zielpublikum, das wir uns wünschen. Wir haben eine Adressdatei von 7.000 Leuten,
die sich alle persönlich eingetragen haben. Also wenn wir kein Zielpublikum
haben, wer in Wien dann?
Räume der
Zivilgesellschaft
derStandard.at: Wohin verlagern sich die
Räume des öffentlichen Diskurses?
Zinggl: Räume des öffentlichen
Diskurses können meiner Meinung nach nicht genügend gefördert werden, wenn sie
alle voll sind. Es gibt so etwas wie eine Medienkonzentration und da ist es doch
gut, wenn die Leute die alten Formen des Diskurses wieder
aufgreifen.
derStandard.at: Sechs Jahre haben Sie das Depot
maßgeblich mitgeprägt, welche Highlights sind in Erinnerung
geblieben?
Zinggl: Das Depot hat keine Geschichte von Highlights,
obwohl es die natürlich auch gegeben hat. Wir haben ja keinen Spielplan wie das
Burgtheater, das zwei Premieren im Jahr hat, die besonders gut waren. Wesentlich
ist die Kontinuität mit der ganz bestimmte Themen verfolgt werden: Die
Kunsttheorie, Gender-Debatte, die Kulturpolitik, die Filmtheorie, um nur einige
Beispiele zu nennen. Aber wenn ich an "Was tun" [Anm.: Untertitel „Aktuelle
Beispiele zu Interventionskunst und Aktivismus“, Dez. 2000] denke: Das war jeden
Tag mit 200 BesucherInnen rammelvoll. Das war sicher einer der besten
Veranstaltungen.
derStandard.at: Was hat sich durch das Depot
maßgeblich verändert und was wird fehlen, wenn es das Depot nicht mehr geben
sollte?
Zinggl: Ich denke, wenn das Depot zusperren muss, geht ein
Raum der Zivilgesellschaft verloren. Eigentlich kannst du als BürgerIn zu ganz
bestimmten Themen überhaupt nicht mehr Stellung beziehen: Was bleibt? Der
Leserbrief in der Krone – von dem du nicht weißt, ob er abgedruckt wird. Den
Stammtisch gibt es nicht mehr – der ist ein Mythos. In der Universität gibt es
kaum öffentliche Foren. Das heißt, es braucht öffentliche Räume, wo die Leute zu
Themen mit gleich Interessierten sprechen und sich austauschen können. Das
gehört zur Entwicklung einer Kultur dazu. Und wenn das fehlt, haben wir nur mehr
Shows. Dann wird nur noch konsumiert. Und wenn das Depot weg ist, dann fehlt der
einzige Raum in Wien, in dem es das alles kontinuierlich
gibt.
derStandard.at: Ein letzter Rückblick: Eine Wiener
Stadtzeitung hat 1994 in ihrem Special "Best of Vienna" auch einmal das Depot
ausgezeichnet. Wissen Sie welcher "Best of Vienna"-Titel dem Depot damals
zugesprochen wurde?
Zinggl: Keine Ahnung. Irgendwas Lustiges mit
Volkshochschule?
derStandard.at: Nein. "Bester Leseturmersatz auf
65 m2"... - Und heute? Welcher "Best of"-Titel würde heute aufs Depot
passen?
Zinggl: Der gleiche!
derStandard.at: Mit
mehr Quadratmetern?
Zinggl: Ja, es sind fünf mal so viele
Quadratmeter. Wir haben also nicht nur einen Stock, sondern gleich fünf Stock
Leseturm. 65 m2 waren es damals, jetzt sind es 320 und wir könnten den ganzen
Leseturm locker füllen. - Wenn du mir heute nicht ein Depot gibst, sondern drei,
dann kann ich sie alle gleichzeitig bespielen und zwar so, dass sie alle voll
sind.
derStandard.at: Wie wären die drei "Depots" thematisch
voneinander abgegrenzt?
Zinggl: Einen zur Bildungspolitik, einen
zu Fragen der Wirtschaft und des Arbeitsrechts und einen zu kulturellen Dingen.
Die bespiele ich dir alle drei, das ist überhaupt kein Problem.