Salzburger Nachrichten am 25. Februar 2006 - Bereich: Kultur
Die Ratte und das Unbekannte

Ratten werden als treue Haustiere geliebt oder als schmutzige Kanalbewohner verabscheut. Hubert Scheibl hat das umstrittene Säugetier ins Bild geholt. GUDRUN WEINZIERL

Gudrun Weinzierl Salzburg (SN). Zwei Ausstellungen sind ab heute, Samstag, in Salzburg dem Künstler Hubert Scheibl gewidmet: Im Museum der Moderne Salzburg Rupertinum geben über 100 Fotografien, Zeichnungen und Collagen Einblick in ein weitgehend unbekanntes Werk des Österreichers. Wilde Gestik und ein Zusammenspiel von Fotoausschnitten, übermalt oder grafisch bearbeitet, kennzeichnen die im Rupertinum präsentierten Arbeiten, die Scheibl seit Jahren parallel zu seinen Ölbildern - oft auch auf Reisen - geschaffen und bisher nicht gezeigt hat.

In der Galerie Ropac sind neue großformatige Gemälde zu sehen, die an befremdliche Landschaften erinnern. Anders als früher mit den fast einfarbigen und in mehreren Farben geschichteten Bildern, die er oftmals zu Diptychen verband, scheint Scheibl nun dem Chaos Raum zu geben.

Plötzlich wird auch das Gegenständliche ins Bild geholt: Eine große schwarze Ratte ist auf einem Bild. "Sie ist nicht nur vordergründig symbolisch als besonders anpassungs- und überlebensfähig zu sehen", erläutert Hubert Scheibl im SN-Gespräch. "Ich kombiniere Dinge, die in unserem Verständnis nicht zusammenpassen, die in einer nicht auflösbaren Korrespondenz zueinander stehen. Vieles von dem, was in der Welt ist, wissen wir nicht zu dechiffrieren. Eine Vielzahl von Modulen, die man tauschen kann, ergibt eine Vielzahl von Ergebnissen, von Weiterentwicklungen. Die Ratte als landläufig primitives Tier verkörpert für mich diesen Link ins Unbekannte."

In unbekannte Gefilde des Weltraums und der Science Fiction entführt Hubert Scheibl mit einer Serie von teils riesigen Bildern. Diese sind wie ironische Sprünge in Landschaften mit tief liegendem Horizont, wolkigem Himmel, strahlenden Oberflächen oder einer galaktischen Schlacht. Ihre Titel - wie "Ich habe Angst, Dave", "Dave, mein Gedächtnis schwindet, ich spüre es" oder "Das ist eine schöne Zeichnung, Dave" - machen den Bezug zu Stanley Kubricks Film "2001: Odyssee im Weltraum" deutlich. Darin wird ein sprechender, mit menschlichen Zügen versehener Computer zum Hauptakteur der Weltraummission.

Einem Computer Angst zugestehen Scheibl sieht diesen Film als Teil unseres kollektiven Bewusstseins: Fiktion werde irgendwann mit real Erlebtem gleichgesetzt. "Wir gestehen dem Computer Angst zu, das ist ein interessanter Aspekt dafür, was wir für möglich halten. Der Umgang mit der Freiheit unseres Geistes ist eine hohe Kür", sagt Scheibl. "Ich mag die romantisierende, idealisierende Art der Malerei und des Umgangs mit ihr nicht, wie mich Natur und Natürliches nicht interessieren, sondern deren Transformation. Unser Verständnis von Natürlichkeit hat eine künstliche Seite."

Hubert Scheibl gilt als einer der abstrakten Maler jener Generation, die in den 80er Jahren zum einen mit dem Begriff "Neue Malerei", zum anderen mit dem Attribut "Neue Wilde" bedacht wurde. Er selbst fühlt sich mit diesen Zuordnungen nicht wohl. Es entspringe wohl der Bequemlichkeit, die Arbeit eines Künstlers in einen großen Zusammenhang einzuordnen, sagt Scheibl. "Aber in Wahrheit ist jede Äußerung eines Künstlers als Einzelschicksal zu bewerten."

Künstler zu sein ist für ihn auch eine "Verzerrung, die die Gefahr des Abdriftens beinhaltet." Seine Bilder zielen auf einen nichtsprachlichen Teil unserer Wahrnehmung. "Die Realität ist eine komplexe, verwirrende Angelegenheit", sagt Scheibl. "Unser emotionales Ich hortet Derivate des eigenen wie des fremden Lebens. Man ist ein sich gegenseitig spiegelndes Gehirn, in dem auch ein Raster von Verwechslungen angelegt ist. Es werden Kollektives wie Individuelles, Faktisches wie Visionäres usw. aus einem riesigen Haufen hervorgeholt und zusammengesetzt.""un-tiefen" bis 1. Mai im Museum der Moderne, Rupertinum. "Committed to memory" bis 2. April in der Galerie Ropac.