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Kunstberichte
"Große Geister" von Thomas Schütte am Wiener Graben

Spöttische Krieger

Keine Skulpturen nach antikem Ideal: Die Michelin-Sternenkrieger beleben bis November die Einkaufsstraße. Foto: apa/Stephan Wyckoff

Keine Skulpturen nach antikem Ideal: Die Michelin-Sternenkrieger beleben bis November die Einkaufsstraße. Foto: apa/Stephan Wyckoff

Von Manisha Jothady

Aufzählung Der Graben in der Wiener Innenstadt ist seit dem Vorjahr ein Ort für Kunst im öffentlichen Raum. Letztes Jahr nahm hier Cosima von Bonins "Tagedieb" auf einem Hochstuhl Platz – ein Pinocchio mit überlanger Lügen nase, von deren Ende eine Spinne baumelte. All das ganz in Weiß. Vergleichsweise finster muten daher die vier schwarzen, zweieinhalb Meter hohen Gestalten an, die hier nun die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich ziehen. Dem Kosmos des Deutschen Künstlers Thomas Schütte sind sie entsprungen.

Riesige Golems, die der Welt der Winzlinge einen Besuch abstatten. "Große Geister" hat sie der dreimalige documenta-Teilnehmer und Gewinner des Goldenen Löwen der Biennale Venedig 2005 getauft. Bekannt wurde der 1954 in Oldenburg geborene Thomas Schütte, der an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Gerhard Richter studierte, mit fiktiven Architekturmodellen. Heute umfasst sein Werk Malereien, Aquarelle, Zeichnungen, Fotografien, Radierungen, Skulpturen und Installationen, die bei Auktionen Höchstpreise erzielen.

Harmlos oder monströs

Seine Ausstellungen gleichen nicht selten Bühnen eines absurden Welttheaters. Die Arbeiten selbst pendeln oft zwischen Harmlosigkeit und Monstrosität, so auch "Große Geister". Wie Hybride aus Sternenkämpfern und Michelin-Männchen sehen sie aus. Trotz der pechschwarzen Oberflächen und kampflustigen Posen hat man es hier aber mit recht tollpatschigen und damit nahezu niedlichen Gesellen zu tun. Überlebensgroß, mit klobig-wulstigen Gliedmaßen und einer rudimentären Physiognomie ausgestattet, wirken sie zudem eher verformt als geformt. Gerade so, als hätte Schütte den Gestaltungsprozess mittendrin gestoppt, um den Eindruck von Teigigem, Matschigem zu erzeugen. Dem antiken Kunstideal, dem Streben nach Vollkommenheit und Harmonie, wirkt der Künstler hier überdeutlich entgegen.

Die plastischen Vormodelle zu "Große Geister" fertigte er aus spiralförmig gedrehten Wachsschnüren, die er in flüssiges Wachs tauchte. Anhand dieses flexiblen Materials konnte Schütte die Posen und Gesten der Bronzefiguren erproben. Die handwerkliche Zuwendung zu den Dingen, wie sie in vielen seiner Werke zum Ausdruck kommt, dringt auch bei den schwarzen Gestrandeten am Graben durch. Dessen ungeachtet fällt seine akribische Auseinandersetzung mit Monumentalität und Denkmal ausgesprochen spöttisch aus. Anders als die klassische Skulptur in ihrer idealtypischen Überhöhung, verläuft das Pathos der "Großen Geister" ins Leere. Und obwohl en groupe, erscheinen sie seltsam isoliert. So steht das Figurenensemble sinnbildlich auch für die Entfremdung im modernen Alltag.

Dass Schüttes "Große Geister" nun in Wien gastieren, ist Erwin Wurm zu danken, der dieses KÖR-Projekt kuratiert hat – auch er ein Meister der Verformungen.

Aufzählung Installation

Thomas Schütte: Große Geister
Am Graben Höhe 21
Bis 2. November

 

Printausgabe vom Freitag, 20. Mai 2011
Online seit: Donnerstag, 19. Mai 2011 18:12:00

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