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Winter 2000/2001 Wien
Gelegentlich sitzen Politiker, PR-Strategen der
großen Parteien und Beamte des Innenministeriums zusammen, um zu
beratschlagen, wie künftig einem weiteren Sinken der Wahlbeteiligung
entgegengewirkt werden könnte und wie sich – generell – etwas mehr
Identifikation der Bürger – und vor allem der Jugend – mit der
Demokratie erreichen ließe. Bei solchen Treffen werden regelmäßig
irgendwelche Broschüren ersonnen, die die Vorzüge des politischen
Systems darstellen sollen und die man dann in Schulen und bei
Behörden verteilt; vielleicht wird auch eine Tagung an einer
Evangelischen Akademie oder bei einer der parteinahen Stiftungen
angeregt, oder man gibt zumindest eine Expertise bei einem
Politologie-Institut in Auftrag. Vor einigen Monaten fand wieder
eine dieser Sitzungen statt, und erstmals nahmen daran auch zwei
Künstler teil, Otto Mittmannsgruber und Martin Strauß. Später wusste
niemand mehr genau, wer sie eigentlich eingeladen hatte; jeder
wollte plötzlich die Idee dazu gehabt haben, nachdem zuerst noch
einige der Beamten ihre Vorschläge zu blockieren versucht hatten.
Die beiden Künstler, die sich bereits seit einigen Jahren
intensiv mit Strategien der Werbung beschäftigen, erarbeiteten ein
verblüffend einfaches und zwingendes Konzept: Damit Demokratie
attraktiver, flotter und interessanter erscheint als bisher und im
besten Fall sogar kultig wird, ja zu einem Statussymbol für Teenies,
der primären Zielgruppe, muss sie konsequent als Markenprodukt
lanciert werden. Denn nur Marken werden heutzutage ernst genommen,
und was erst einmal als Marke funktioniert, ist nicht mehr eigens
legitimationsbedürftig. Wozu Anzeigen schalten, in denen der Geist
der Demokratie umständlich erklärt und dafür argumentiert wird, wenn
es reicht, das Wort »Demokratie« zu drucken und mit dem Zeichen für
eine registrierte Marke, also einem in einen Kreis gestellten »R« zu
versehen? Dies ist für die heutige Jugend völlig ausreichend, damit
aus einem Begriff, der an langweilige Schulstunden erinnert, ein
kesses Label wird, von dem man vermuten kann, dass es wertvoll und
nur entsprechend teuer zu kaufen ist. Sätze wie »Demokratie finde
ich geil« oder »Ich will mehr Demokratie« hörte man tatsächlich auf
den meisten Schulhöfen, bereits kurz nachdem die erste dieser
Kampagnen im Wochenmagazin »Profil« gedruckt war. Bei
Rundfunksendern wie »Hitradio« oder »Radio Antenne« liefen erste
Spots, die »Demokratie« rhythmisch skandierten und die zu
überspielen zur Zeit kaum ein Junge versäumt, der seiner Freundin
eine Kassette mit Lieblingsstücken zusammenstellt. Angeblich ist
mittlerweile sogar schon die Gründung eines Fan-Clubs »Demokratie®«
in Vorbereitung, der sich zum Ziel setzen will, ein großes
Alternativ-Event zur Berliner Love-Parade zu initiieren. Wie
chic es innerhalb kürzester Zeit geworden ist, sich zu »Demokratie«
zu bekennen und mit ihrem Label zu schmücken, belegt aber am
eindrucksvollsten die Tatsache, dass zahlreiche Firmen darum
wetteiferten, bei Plakat-Aktionen ihr Logo zusammen mit dem Wort
»Demokratie« zu platzieren. Gerne verzichteten sie darauf, ihre
eigenen Produkte auf Plakaten zu inszenieren, und versprachen sich
einen optimalen Image-Gewinn, wenn sie nur irgendwie als Sponsor für
Demokratie-Plakate in Erscheinung treten konnten. Rund 800 solcher
Plakate, bei denen jeweils zwei Plakat-Bogen der jeweiligen
Unternehmen zwischen die Demokratie-Bogen geklebt wurden, hängte man
im Dezember 2000 allein in Wien aus, und seitdem hat sich der Traum
manches Markenmanagers erfüllt: Im Volksmund haben sich Wendungen
wie »Fanta-Demokratie«, »DM-Demokratie«, »Kurier-Demokratie« oder
»TFM-Demokratie« festgesetzt. Es ist den Unternehmen also gelungen,
mit dem neuen Kultbegriff assoziiert zu werden; die nächsten
Werbekampagnen sind daher schon in Planung. Und der Staat verdient
daran, denn er hat mittlerweile ein so hochklassiges Produkt
anzubieten, dass er dafür nicht nur keine eigene Werbung mehr machen
muss, sondern dass ihn jeder bezahlt, der sich ein bisschen etwas
von der Aura, ja vom Mythos der Demokratie borgen will. Die beiden
Künstler, die die Idee mit der Demokratie als Marke hatten, Otto
Mittmannsgruber und Martin Strauß, sind folgerichtig bereits für die
höchsten Orden vorgeschlagen, die das Land zu vergeben hat, und als
nächstes sollen sie aus Brüssel den Auftrag erhalten, den Euro
populärer zu machen. P.S. Wer Erfolg hat, hat natürlich auch
Neider. So tauchen immer wieder Gerüchte auf, denen zufolge alles
ganz anders gewesen sein soll. Angeblich haben die beiden Künstler
gar nicht in staatlichem Auftrag gehandelt, weil es dem Staat
nämlich egal ist, was die Bürger von der Demokratie denken. Und
angeblich war es auch nicht so einfach, Firmen zu finden, die die
Demokratie-Plakate mitzufinanzieren bereit waren. Nur ungern wollten
die meisten mit einem so schwammig-linken Begriff in Verbindung
gebracht werden. Doch, wie gesagt, dies sind nur Gerüchte.
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