Birgit Jürgenssen war aufmerksam. Als sich am 16. Juni 1983 der
„Bloomsday“ – also der Tag, an dem James Joyce’ Roman „Ulysses“ spielt –
zum 79. Mal jährte, nahm sie dies zum Anlass, den Tag mittels eines
kleinen Plakats in Erinnerung zu rufen. Ein Jahr zuvor war die legendäre
Wollschläger-Übersetzung dieses Klassikers der Weltliteratur in
Taschenbuchform erschienen. Sepiabraun-getönt und symmetrisch wie ein
Rohrschach-Test zeigt Jürgenssens Zeichnung zwei Männer in Rückenansicht
mit Schlapphut und Trenchcoat, mit eigenartig gespreizten Beinen blicken
sie in die Landschaft. Unten eine Wasserlache, oben mit grüner Tinte der
Vermerk: „Don’t forget June 16th, 1983. 79th Anniversary of Mr. Leopold
Bloom’s Day“. Ein schönes, aber auch rätselhaftes Bild. Und eine veritable
interpretatorische Herausforderung für alle Joycianer und gebildeten
Zeitgenossen.
Nun, das Blatt bezieht sich auf folgende Stelle aus
der „Ithaka“-Episode und spielt um zwei Uhr nachts, bevor sich die Wege
der beiden Protagonisten Leopold Blum und Stephen Dedalus trennen: „Auf
Stephens Anregung, auf Blooms Anstiften urinierten sie beide, erst
Stephen, dann Bloom, im Halbdunkel dicht nebeneinander, wobei ihre
Harnorgane vermittels manueller Abdeckung gegenseitig unsichtbar
gemacht.“
Zugegeben: Das zu dechiffrieren, fällt ohne Anleitung
schwer. Wie denn der fast tausend Seiten starke Roman in seiner
sprachlichen Kunstfertigkeit und mit seiner revolutionären
Erzählperspektive eines der großen Rätsel der Neuzeit darstellt. Das gibt
noch viel Arbeit für die Literaturwissenschaft und hält unter Leseratten
die Spannung aufrecht.
Einen unorthodoxen Zugang zu dem Jahrhundertbuch
wählte das Atelier im Augarten. Anlässlich der bevorstehenden 100.
Wiederkehr des Bloomsday widmet das Zentrum für zeitgenössische Kunst dem
Roman unter dem kryptischen, selbstredend den „Ulysses“ zitierenden Titel
„Die unausweichliche Modalität des Sichtbaren“ eine Ausstellung mit
Beiträgen der zeitgenössischen bildenden Kunst.
Ausgangspunkt ist
Joyces’ weit über die Literatur hinaus reichender Einfluss auf das moderne
Kunstverständnis. Von Interesse waren für Kurator Thomas Trummer nicht
„nachbildende Deutungen“, sondern „eine Art der individuellen Fortführung
der Eigentümlichkeit dieser Erzählung mit anderen Mitteln“, also „Remake,
Referenz, Resonanz, Reflexion“. Eine Anregung dazu gab früh Joseph Beuys:
„Joseph Beuys verlängert im Auftrag von James Joyce den Ulysses um sechs
weitere Kapitel“, schrieb dieser auf eines seiner Skizzenhefte. In der
Ausstellung ist Beuys mit einigen humorvollen Zeichnungen vertreten. Für
die Zeitschrift „Art-Rite“ paraphrasiert er Liebeserklärungen Leopold
Blooms an seine Frau Molly als Doppellinie mit Hammelniere.
Über Molly. Jonathan Monk & Douglas Gordon
wiederum lassen in einer 80-teiligen, anfangs nur verschwommene Bilder
zeigenden, Diaprojektion ein Pin-Up-Girl sukzessive „scharf werden“ – eine
ironische Hommage an Molly, die „rabenhaarige Schönheit“ mit
„milchschwerem Busen“. Markus Schinwald bringt jenes Bild, unter dem Molly
schläft, als goldgerahmte Klimt-Kopie, hinter der ein Lautsprecher
versteckt ist, zum Klingen: „Love’s Old Sweet Song“ durchzieht wehmütig
den Ausstellungsraum.
Für eine literarische Note sorgen Edith
Clever und Hans Jürgen Syberberg: 180 Minuten liest die Clever in einer
eindrucksvollen Performance den Monolog der Molly Bloom. Das Wiener
Kunst-Lausbuben-Duo Deutschbauer/Spring schließlich kommentiert die
Schere, die innerhalb der Kulturszene zwischen literarischem Sein und
Schein klafft und stellt einen Ausschnitt aus seiner inzwischen ordentlich
angewachsenen „Bibliothek ungelesener Bücher“ vor: Achtmal steht da, in
violettem Karton eingeschlagen, die Taschenbuchausgabe des Ulysses –
immerhin achtmal also hatten sich Befragte ehrlich darüber geäußert, dass
sie den Ulysses nicht gelesen, angelesen oder aufgegeben hatten.
Weitere Beiträge sind von Cerith Wyn Evans,Isabell Heimerdinger, Koo
jeong-a, Raymond Pettibon, Man Ray, Lawrence Weiner und Franz West zu
sehen.
Tipp:
Atelier Augarten der Österreichischen Galerie Belvedere: „Ulysses. Die
unausweichliche Modalität des Sichtbaren“, bis 15. August.
Geöffnet:
Dienstag–Sonntag 10–18 Uhr Scherzergasse 1a, Wien 2.
http://www.atelier-augarten.at/
Österreichische Galerie Belvedere/Oberes Belvedere:
„Moritz von
Schwind – Zauberflöte“, 21. Juli–19.September. „Walter Eckert“, 22.
Juli–10. September.
Geöffnet: Dienstag–Sonntag, 10–18 Uhr
Prinz-Eugen-Strasse 27, Wien 3. http://www.belvedere.at/
Info: 01/79
557-0