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14.05.2004 - Kultur&Medien / Ausstellung
Ulysses: Bloomsday im Augarten
Die 100. Wiederkehr des „Bloomsday“ nimmt das Atelier im Augarten zum Anlass für eine exquisite, internationale Group-Show rund um den James Joyce’schen „Ulysses“.

Birgit Jürgenssen war aufmerksam. Als sich am 16. Juni 1983 der „Bloomsday“ – also der Tag, an dem James Joyce’ Roman „Ulysses“ spielt – zum 79. Mal jährte, nahm sie dies zum Anlass, den Tag mittels eines kleinen Plakats in Erinnerung zu rufen. Ein Jahr zuvor war die legendäre Wollschläger-Übersetzung dieses Klassikers der Weltliteratur in Taschenbuchform erschienen. Sepiabraun-getönt und symmetrisch wie ein Rohrschach-Test zeigt Jürgenssens Zeichnung zwei Männer in Rückenansicht mit Schlapphut und Trenchcoat, mit eigenartig gespreizten Beinen blicken sie in die Landschaft. Unten eine Wasserlache, oben mit grüner Tinte der Vermerk: „Don’t forget June 16th, 1983. 79th Anniversary of Mr. Leopold Bloom’s Day“. Ein schönes, aber auch rätselhaftes Bild. Und eine veritable interpretatorische Herausforderung für alle Joycianer und gebildeten Zeitgenossen.

Nun, das Blatt bezieht sich auf folgende Stelle aus der „Ithaka“-Episode und spielt um zwei Uhr nachts, bevor sich die Wege der beiden Protagonisten Leopold Blum und Stephen Dedalus trennen: „Auf Stephens Anregung, auf Blooms Anstiften urinierten sie beide, erst Stephen, dann Bloom, im Halbdunkel dicht nebeneinander, wobei ihre Harnorgane vermittels manueller Abdeckung gegenseitig unsichtbar gemacht.“

Zugegeben: Das zu dechiffrieren, fällt ohne Anleitung schwer. Wie denn der fast tausend Seiten starke Roman in seiner sprachlichen Kunstfertigkeit und mit seiner revolutionären Erzählperspektive eines der großen Rätsel der Neuzeit darstellt. Das gibt noch viel Arbeit für die Literaturwissenschaft und hält unter Leseratten die Spannung aufrecht.
Einen unorthodoxen Zugang zu dem Jahrhundertbuch wählte das Atelier im Augarten. Anlässlich der bevorstehenden 100. Wiederkehr des Bloomsday widmet das Zentrum für zeitgenössische Kunst dem Roman unter dem kryptischen, selbstredend den „Ulysses“ zitierenden Titel „Die unausweichliche Modalität des Sichtbaren“ eine Ausstellung mit Beiträgen der zeitgenössischen bildenden Kunst.

Ausgangspunkt ist Joyces’ weit über die Literatur hinaus reichender Einfluss auf das moderne Kunstverständnis. Von Interesse waren für Kurator Thomas Trummer nicht „nachbildende Deutungen“, sondern „eine Art der individuellen Fortführung der Eigentümlichkeit dieser Erzählung mit anderen Mitteln“, also „Remake, Referenz, Resonanz, Reflexion“. Eine Anregung dazu gab früh Joseph Beuys: „Joseph Beuys verlängert im Auftrag von James Joyce den Ulysses um sechs weitere Kapitel“, schrieb dieser auf eines seiner Skizzenhefte. In der Ausstellung ist Beuys mit einigen humorvollen Zeichnungen vertreten. Für die Zeitschrift „Art-Rite“ paraphrasiert er Liebeserklärungen Leopold Blooms an seine Frau Molly als Doppellinie mit Hammelniere.

Über Molly. Jonathan Monk & Douglas Gordon wiederum lassen in einer 80-teiligen, anfangs nur verschwommene Bilder zeigenden, Diaprojektion ein Pin-Up-Girl sukzessive „scharf werden“ – eine ironische Hom­mage an Molly, die „rabenhaarige Schönheit“ mit „milchschwerem Busen“. Markus Schinwald bringt jenes Bild, unter dem Molly schläft, als goldgerahmte Klimt-Kopie, hinter der ein Lautsprecher versteckt ist, zum Klingen: „Love’s Old Sweet Song“ durchzieht wehmütig den Ausstellungsraum.

Für eine literarische Note sorgen Edith Clever und Hans Jürgen Syberberg: 180 Minuten liest die Clever in einer eindrucksvollen Performance den Monolog der Molly Bloom. Das Wiener Kunst-Lausbuben-Duo Deutschbauer/Spring schließlich kommentiert die Schere, die innerhalb der Kulturszene zwischen literarischem Sein und Schein klafft und stellt einen Ausschnitt aus seiner inzwischen ordentlich angewachsenen „Bibliothek ungelesener Bücher“ vor: Achtmal steht da, in violettem Karton eingeschlagen, die Taschenbuchausgabe des Ulysses – immerhin achtmal also hatten sich Befragte ehrlich darüber geäußert, dass sie den Ulysses nicht gelesen, angelesen oder aufgegeben hatten.
Weitere Beiträge sind von Cerith Wyn Evans,Isabell Heimerdinger, Koo jeong-a, Raymond Pettibon, Man Ray, Lawrence Weiner und Franz West zu sehen.

 

Tipp:

Atelier Augarten der Österreichischen Galerie Belvedere: „Ulysses. Die unausweichliche Modalität des Sichtbaren“, bis 15. August.
Geöffnet: Dienstag–Sonntag 10–18 Uhr Scherzergasse 1a, Wien 2.
http://www.atelier-augarten.at/

Österreichische Galerie Belvedere/Oberes Belvedere:
„Moritz von Schwind – Zauberflöte“, 21. Juli–19.September. „Walter Eckert“, 22. Juli–10. September.
Geöffnet: Dienstag–Sonntag, 10–18 Uhr
Prinz-Eugen-Strasse 27, Wien 3. http://www.belvedere.at/
Info: 01/79 557-0

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