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Kunstberichte
Augarten Contemporary: Die Schau "tanzimat" widmet sich Türkischem

Gezügelter Orientalismus

Von Herrschern durch die Weltgeschichte transportiert: Die Pferde von San Marco, hier freilich in Kopie. Foto: Lisa Rastl

Von Herrschern durch die Weltgeschichte transportiert: Die Pferde von San Marco, hier freilich in Kopie. Foto: Lisa Rastl

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Die Pferde von San Marco in Venedig sind zu Besuch in Wien – zumindest in Form einer bemalten Kunstharzkopie. Dank Originalgröße ist das Abbild der Vierer-Gruppe aus der Zeit Neros der Star der Ausstellung "tanzimat" im Augarten Contemporary.

2005 kamen die Hüllen aus Polyurethan auf der Istanbul-Biennale dem alten Hippodrom nahe – dorthin hatte Konstantin der Große die Originale gebracht. 1204 von den Venezianern geraubt, verschleppte sie Napoleon als Kriegsbeute 1797 nach Paris. 1814 hatte der Wiener Kongress ihre Rückführung nach Venedig veranlasst; die Originale stehen jetzt im dortigen Museum, sichtbar am Dach sind Kopien.

Dass zumindest Abbilder weiterhin in der Welt unterwegs sind, war eine Idee des türkischen Konzeptkünstlers Hüseyin Alptekin (1957–2007). Er wollte die Reise der prestigeträchtigen Tiere in der demokratisierten Kunstwelt fortgesetzt wissen. Wie sind nun die Machtstrukturen?, lautet die Frage dahinter.

Dazu passt der Ausstellungstitel im Augarten. Denn das türkische Wort "tanzimat" bedeutet Neuordnung, aber auch Anordnung; die Tanzimat-Zeit 1839 bis 1876 widmete sich Reformen im osmanischen Reich. Die Künstlerin Gülsün Karamustafa spricht nun in der Ausstellung spätere Reformen an, die auf Kemal Atatürk zurückgehen – die Schulpflicht-Verordnung und den Wechsel von der arabischen zur lateinischen Schrift. Die Schulreform war mit der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky verbunden, die 1938 vor dem NS-Regime in die Türkei geflohen war. Einer ihrer Grundrisse für einfache Schulgebäude dient nun Karamustafa, die schon 2009 als Artist in Residence im Augarten weilte, für die Konstruktion eines Gerüsts. Darauf zeigen alte Fotos den positiven Impetus von reformerischem Eifer, aber auch das Normieren und Disziplinieren als Nachteil der Entwicklung.

"Heiteres" Türkenstechen

Im Kontrast dazu stehen Arbeiten der Künstlerin Esra Ersen: Sie hat Kölner Gymnasiasten gebeten, Klischeebilder von Türken aus Ton zu formen. Als Ausgangspunkt dient ihr eine Radierung von 1814 über das "Türkenstechen" in der Winterreitschule in Wien – damals ein "Spiel", für das die Leichen von Türken herhalten mussten. Weniger makabre Trophäen thematisiert Franz Kapfer: Er setzt sich mit Beutegut aus türkischen Beständen auseinander, das einst auch die Dächer der Hofburg bekrönte.

Weitere Wien-Bezüge schaffen Carola Dertnig und Kamen Stoyanov. Dertnig untersucht die Geschichte der Zacherlfabrik, die als orientalische Architektur in der Nußwaldgasse nach 1873 gebaut wurde, um Mottenpulver herzustellen. Die persönlichen Erinnerungen Anna Zacherls kommen in Form von Tagebuchnotizen zu Wort.

Stoyanov wiederum befasst sich mit einer Istanbuler Kirche: Sie wurde in Wien in gusseisernen Einzelformen hergestellt, um sie später mit dem Orient-Express transportieren zu können. So wanderten eben nicht nur Pferde – sondern ganze Gebäude.

Aufzählung Ausstellung

tanzimat
Eva Maria Stadler (Kuratorin)
Augarten Contemporary
1020 Wien, Scherzergasse 1a
Bis 16. Mai

Printausgabe vom Mittwoch, 03. März 2010
Online seit: Dienstag, 02. März 2010 17:44:13

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