25.08.2003 18:26
Geräuschkulissenschieber
"Sound
Systems" im Salzburger Kunstverein versucht Musik und Klang als
Gestaltungsmittel in der zeitgenössischen Kunst erfahrbar zu machen - Foto
Salzburg - Ohne Sound läuft nichts. Auch in der Kunst nicht und
in Salzburg schon lange nicht. Aber cool sollte der Sound auch noch sein. Obwohl
dort mit Stockhausens Hubschrauber jede Menge Dezibel hochkulturell durch den
Äther gedonnert wurden und Gelatin Protest- wie Jubelschreie provozierte, tut
sich dort in puncto cooler Kunstsounds nicht viel. In diese Lücke stieß nun der
Salzburger Kunstverein, der die mittlerweile heilige Ehe zwischen Kunst und in
diesem Fall Sounds (es könnte auch Kino oder Mode sein) eingeht.
Zwar
gab es 1998 eine große Festwochenschau zum Thema Crossings. Das Hybrid
orientierte sich aber eher an klassisch-historischen Beiträgen, denn so neu ist
die Beziehung der beiden Medien nicht. Die Salzburger Präsentation nimmt Abstand
von offensichtlichen und modischen Spielarten, welche der Clubkultur
hinterherhecheln. Crossings-Kurator Edek Bartz fährt in Kooperation mit
Kunstverein-Chefin Hildegund Amanshauser mit zeitgenössischen Schall-Kalibern
auf, und zwar internationalen - mit Hang zu Skandinavien und zum Baltikum, nach
dem Balkan die neue, noch wenig abgegraste Lieblingsspielwiese von
Ausstellungsmachern.
Also jetzt Sound Systems, wo der angesagte, der
Young British Art 1993 entsagt habende Mark Leckey den Einstieg noch sehr
plausibel macht: antiquierte Boxen als titelgebendes Skulptur-Arrangement,
woraus eben Alltagsgeräusche mit Clubsounds entfleuchen. Turner-Preisträger
2001, Martin Creed, strapaziert wieder seinen Minimalismus, der in den Sixties
zum Aufreger getaugt hätte.
Daneben ein kammermusikalisches Ensemble auf
Orientteppich, was in diesem Fall aber Konzeptkunst sein muss. Rodney Graham
nimmt ein vierminütiges Parzifal-Zwischenstück von Wagners Assistenten, trennt
einzelne Stimmen, die von vier Sekunden bis vier Minuten reichen, und generiert
damit ein wahrhaft kombinationsreiches Stück, das nach 39 Milliarden Jahren
beendet sein wird. Musik kann auch von Insekten entstehen (Henrik Hakansson),
eigene Bilder erzeugen, wie das witzige, unpathetische Dreiminutenvideo von Kai
Kaljo zeigt, oder auch von Behinderten produziert werden: Artur Zimjewski
arbeitete mit Gehörlosen. Verdienstvoll - die Videohalbwertszeit bewegt sich
allerdings bei 30 Sekunden.
Etwas überkandidelt, aber spannend gemacht:
die Videospiegelung von Rezipienten und Akteur, einmal live, einmal bei einer
Galerie-Aufführung eines Schostakowitsch-Streichquartetts in der Installation
des Dänen Joachim Koester. Erstaunlich - die jugendlichen Galeriebesucher
blicken nicht anders drein als distinguiert-gelangweilte Besucher
reproduzierender Künste. Dabei hellen sich alle tristen Riga-Großstadtgesichter
beim Kopfhörer-Sound von Mozarts Zauberflöte merklich auf. Für die Nachwelt aufs
Video Papagena gebannt von der Lettin Lena Pakalnina.
Nadine Robinson
stellt sich Sound-Malerei als Tafelbild Like Two vor: Die Soul-Endlosschleife,
die aus den flankierenden Boxen des mit assoziativen Silberlettern geteilten
weißen Tafelbildes tönt, wiederholt den Gemeinplatz, dass es eine dünne Linie
zwischen Liebe und Hass gibt. Genau. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2003)