Salzburger Nachrichten am 24. Februar 2006 - Bereich: Kultur
Triumph der "Brücke"

Erst Protestkunst, nun Staatskunst: Der 100. Geburtstag der Künstler- gruppe "Die Brücke" wird in München mit einer Sonderausstellung gefeiert.

HEDWIG KAINBERGERmünchen (SN). Nach den großen Ausstellungen zum 100-Jahre-Jubiläum der Künstlergruppe "Die Brücke" - vor allem in Berlin und Madrid - wurde am Donnerstag in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung die letzte Station eröffnet.

Die Gruppe wurde im Juni 1905 von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl gebildet, 1906 schlossen sich Emil Nolde und Max Pechstein an, 1910 folgte Otto Mueller. Sie alle hatten den Anspruch, Kunst könne das Leben, den Menschen, ja die Welt verbessern. Das Grauen des Ersten Weltkriegs führte dies ad absurdum. Wenig später erklärten die Nationalsozialisten ihre Werke für "entartet", Tausende Bilder wurden ab 1937 zerstört oder konfisziert und ins Ausland verkauft. Das damals am meisten beraubte Museum war die Nationalgalerie in Berlin, die nach dem Zweiten Weltkrieg diese Lücke mit Rückkäufen zum Teil wieder schließen konnte. Deren Leihgaben stehen im Zentrum der Münchner Ausstellung.

Heute gilt die Kunst der "Brücke" eigentlich als "deutsche Staatskunst". Doch tatsächlich war diese Kunst im Widerstand gegen die damalige Staatskunst entstanden. "Eine von den Bestrebungen der Brücke ist, alle revolutionären und gärenden Elemente an sich zu ziehen - das besagt der Name ,Brücke‘", schrieb Emil Nolde.

Demgemäß beginnt die Münchner Ausstellung mit einem bronzenen Reiterstandbild Kaiser Wilhelms II. und mit Bildern des Wilhelminischen Berlins. Es war eine Zeit des militärischen Prunks, der eleganten Salons, des ungebändigten Glaubens an Fortschritt, der Sehnsucht nach Deutschland als Großmacht, der Kolonialpolitik. Dem setzten die "Brücke"-Künstler vieles entgegen: Sie suchten das Ursprüngliche, Unverfälschte, Paradiesische. Sie stellten das pulsierende Leben in Varietés und Vorstädten dar. Sie arbeiteten in der Natur. Sie bildeten exotische Motive ab, die aus den Kolonien nach Deutschland kamen. Sie lösten sich aus den Korsetten der biederen Bürgerlichkeit und sehnten sich nach Lebensfreiheit und Selbstbestimmung. All dies ist in den Bildern der Münchner Ausstellung zu entdecken.

Die "Brücke"-Künstler wagten einen neuen Blick. Das Gesehene sollte vom Auge in die Hand fließen, nach dem Motto: "Ich sehe und zeichne in einem." Erst mussten ihre Freundinnen als Aktmodelle regungslos bleiben, später ging es darum, Bewegungen festzuhalten, wie dies in mehreren der "Viertelstundenakte" in der Ausstellung zu beobachten ist. Überraschend wirken diese spontanen, rasanten Striche, wenn sie zu Stilelementen werden und in Holzschnitten festgehalten sind und wenn daraus die Anfänge der Abstraktion ersichtlich werden.

Malend protestierten die "Brücke"-Mitglieder gegen Salonkunst und akademische Kunst. Ihre Bilder sollten sich aus dem Unkönnen, dem Unwissen und dem Unperfekten speisen. Sie sollte kraftvoll und direkt sein. Information: www.hypo-kunsthalle.de