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Kunstberichte

Ausstellung

Künstler-Blick auf Sklaverei

Ein Sklave von Carlo Carlone. Foto: Belvedere Wien

Ein Sklave von Carlo Carlone. Foto: Belvedere Wien

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Ein brisantes Thema wird mit der Intervention des 1971 geborenen Künstlers Franz Kapfer im geschichts trächtigen Marmorsaal des Oberen Belvedere angesprochen: Die Altlast der Türkenkriege in Wien von 1529 und 1683. Direktorin Agnes Husslein will durch künstlerische Kommentare das barocke Erbe im Zeitgenössischen verorten.

Diesmal geht es um eine kunstpolitische Reflexion auf die Symbolsprache im Schloss. Ein Lattengerüst im Zentrum, beschwert durch Sandsäcke, zeichnet die Umrisse eines Militärzelts aus der Zeit der Türkenkriege nach. Einer kunsthistorischen These zufolge beschreibt auch die Form des Daches über den Eingängen diese Zeltform und macht das ganze Schloss zum Siegeslager des erfolgreichen Feldherrn Prinz Eugen.

Darüber hinaus lenkt Kapfer mit vier Spiegeln in den Ecken des Marmorsaals die Blicke auf das Deckenfresko Carlo Carlones und Gaetano Fantis. Im Zenit ist der Prinz in einer Apotheose unter den Göttern auf einer Wolke zu finden. Seinem Aufstieg steht der Fall der Besiegten gegenüber – kahlköpfige Türken mit Schnurrbart fallen vom Himmel herab oder werden von Engeln gestoßen. Darunter sitzen gefesselte, fast nackte Türkensklaven. Begleitet wird der Hinweis auf Sieger und Besiegte von Kriegstrophäen: die Standarten mit aufgebundenen Pferdeschwänzen, auch ein Wimpel mit Halbmond und Stern. Die Aufmerksamkeit, die den gemalten Türkensklaven nun zukommt, kann auch daran erinnern, dass diese nach den schweren Kriegsschäden von 1945 mehr als ein Werk von Restauratoren zu sehen sind.

Kapfer irrt nicht darin, dass selbst unsere heutige Sicht immer noch durch die römisch-katholische Symbolsprache von der "Errettung des Christentums" geprägt ist. Er analysiert daneben genauso die panische Angst unserer Ahnen.

Nach der gewonnenen Entsatzschlacht um Wien 1683 stand das enorme Leid der Zivilbevölkerung fest: Es wurden mehr als 30.000 Menschen verschleppt, davon fast 15.000 junge Mädchen, auch adelige Frauen werden als Kriegsbeute der Türken erwähnt.

Diese andere Seite des Krieges, nämlich Sklaverei und Frauenraub, die in den barocken Fresken geschönt oder ausgelassen wird, ist nun durch Kapfers "Bildbeschwörung" dezidiert angesprochen – wie auch eine Revision von lang gehegten Vorurteilen.

Kleine Eingriffe eines Konzeptkünstlers, der gern angriffig und provokant agiert.

Aufzählung Ausstellung

Intervention: Franz

Kapfer. Wunderwürdiges Kriegs- und Siegs-Lager Eva Maria Stadler und Michael Krapf (Kuratoren) Oberes Belvedere Bis 1. März

Printausgabe vom Freitag, 24. Oktober 2008

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