Gedanken zu einer emanzipatorischen Netzkultur in Österreich

Von Armin Medosch


Das Netz ist ein Nichts. Dieser bewusst polemisch gewählte Titel soll uns daran erinnern, dass sowohl technische als auch institutionelle Strukturen niemals Selbstzweck sein dürfen. Viel wurde darüber gesagt und geschrieben, dass das Internet Leben und Arbeit, Kultur, Kommunikation, Wirtschaft und Politik grundlegend verändern werde. In gewisser Weise tut es das auch, aber nur deshalb, weil Menschen über das Netz aktiv werden, weil sie Inhalte bereit- und soziale Vernetzungen herstellen.

Das veränderbare Netz

Nicht das Internet verändert die Welt, sondern die Art seiner Nutzung. Auch die technische Basis selbst ist nichts Vorgegebenes, sondern unterliegt dem Wandel, verändert sich mit dem, was wir daraus machen. Deshalb sollte immer im Vordergrund stehen, die soziale Basis zu stärken, welche diese Innovationen bewerkstelligen kann, sei es medial, künstlerisch, technologisch oder sozio-politisch.

Wider die Expertokratie

Daraus folgt, dass es nicht nur gilt, sich darum zu sorgen, dass eine Elite von technologisch versierten Kulturschaffenden (oder kulturell versierten Technologen) die entsprechende Unterstützung in Form einer geeigneten Förderpolitik findet, sondern dass die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Entwicklung einer freien und partizipativen Netzkultur förderlich sind und, im Feedback-Loop, dass die Hervorbringungen einer progressiven Netzkultur auch in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen auf fruchtbaren Boden fallen können.

Bedrohliche Einschränkungen

Die Bedingungen stehen dafür leider nicht sehr gut. Eine zivile und kulturelle Netznutzung kann es nur dann geben, wenn das Internet frei von Überwachungsangst genutzt werden kann, wenn sich freie Rede und kulturelle Kommunikation ohne politische Einschränkung von Meinungsfreiheit entfalten können.

Freie und offene Struktur

Zugleich gilt es, das Internet seiner Struktur nach frei und offen zu halten. Nicht nur der drohende Überwachungsstaat, auch wirtschaftliche Interessen versuchen Nutzer in geschützten Konsumgärten zu halten. Auch bedingt durch technologische Veränderungen, wie etwa Kabelmodems, gibt es die Tendenz zu neuen Türwächtern, welche die UserInnen lieber in umzäunten Gefilden als in der freien, unendlichen und angeblich so gefährlichen Informationswelt "da draußen" sehen.

Vernetzte Politik

Österreich, als kleines Land im Zentrum Europas, hat insofern eine besondere Chance, als es, vergleichbar mit den am besten verkabelten Ländern der Welt, Norwegen und Finnland, und vielleicht in Zusammenarbeit mit diesen und anderen, eine liberale, progressivere und "vernetztere" Politik betreiben kann, als mehr an transatlantische und multinationale Interessen gebundene Flächen-Staaten.

Brückenfunktion Österreichs in neuem Licht

Die Position Österreichs in der Nachkriegszeit in Europa und in der Welt war es, eine Schnittstelle zu sein. Mit dem Internet könnte, bei weiser Politik, diese Schnittstellenfunktion eine ganz andere Dimension erfahren. Ein Land, das sich als Kulturnation sieht, kann gerade durch Vernetzung eine Position - auch in wirtschaftlicher Hinsicht - erreichen, die in keinem Verhältnis zu Bevölkerungszahl und Geografie steht.

Investition ins Humankapital

Dazu bedarf es aber auch gerade der Mobilisierung jenes Kapitals, von dem im Zusammenhang der "Wissensgesellschaft" so oft die Rede ist: die Ressource einer im Management-Slang "Human-Kapital" genannten Bevölkerung, die gut ausgebildet und kulturell vielfältig ist und genügend Unternehmensgeist und Selbstvertrauen besitzt. Und hier landen wir wieder beim Cultural Backbone.

Plädoyer für Individualismus

Niemand möchte ein "öffentlich-rechtliches Internet", eine subventionierte Oase der bildungsbeflissenen Alternativkultur. Der tatsächliche Backbone - das Rückgrat der Kultur - sind die Individuen, Gruppen, "Communities", die ihre Anliegen formulieren und verbreiten, die Projekte, Objekte und Softwares entwickeln. Die Förderung dieser "Kreation" sollte im Mittelpunkt stehen, und es sollte auch möglich sein, dass diese Kreativen sich nicht nur untereinander vernetzen, sondern dass es auch eine Vernetzung zwischen ihnen und Bereichen in Wissenschaft und Wirtschaft gibt, sei es in Form einer erweiterten Interdisziplinarität oder insofern, als sich eine neue Landschaft vernetzter Kleinbetriebe entwickelt, die sich als kleine aber dennoch globale Player ihre Nischen im Netz erobern.

Umdenken!

Ich plädiere also dafür, nicht bloß neue Maßnahmen in der Kunstpolitik zu ergreifen, sondern grundlegend umzudenken: Der Staat, der in Österreich immer noch in vielen Bereichen viel zu dominant ist, soll ein leichtes regulatorisches Rahmenwerk schaffen, in dem private Initiativen, ob künstlerisch oder technologisch, gedeihen können. Dazu ist es nötig, dass die Politik in Österreich die Chancen und Gefahren der Informationsgesellschaft begreift und sich mehr als bisher ins Zeug legt. Man sollte nach Modellen der "best practice" Ausschau halten, ob sie von Silicon Valley, Skandinavien oder aus den Niederlanden kommen. Aber auch die geschätzte Künstlergemeinde hat vor der eigenen Tür zu kehren.

Ein "Cultural Backbone" wäre zwar auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Doch dieses "Rückgrat" sollte nicht nur technologisch, sondern ebenso gesellschaftlich definiert sein. Die Forderung nach mehr und vielleicht besser organisierten Subventionen klingt wie ein Echo vergangener Kunstförderdiskussionen. Davon heißt es wegzukommen und neue Räume zu eröffnen, in denen neue hybride Formen der "cross-fertilisation" (gegenseitigen Befruchtung verschiedener Bereiche) zum Tragen kommen. Das ist keine Pauschalverurteilung. Diese Formen gibt es bereits, aber zu wenig. Auch das sind neue Modelle, die es, im Sinne von "best practice" zu studieren und auszubauen gilt...

Link: Telepolis - Magazin der Netzkultur

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