Das Netz ist ein Nichts. Dieser bewusst
polemisch gewählte Titel soll uns daran erinnern, dass sowohl technische
als auch institutionelle Strukturen niemals Selbstzweck sein dürfen. Viel
wurde darüber gesagt und geschrieben, dass das Internet Leben und Arbeit,
Kultur, Kommunikation, Wirtschaft und Politik grundlegend verändern werde.
In gewisser Weise tut es das auch, aber nur deshalb, weil Menschen über
das Netz aktiv werden, weil sie Inhalte bereit- und soziale Vernetzungen
herstellen.
Das veränderbare Netz
Nicht das Internet verändert die Welt, sondern die Art seiner Nutzung.
Auch die technische Basis selbst ist nichts Vorgegebenes, sondern
unterliegt dem Wandel, verändert sich mit dem, was wir daraus machen.
Deshalb sollte immer im Vordergrund stehen, die soziale Basis zu stärken,
welche diese Innovationen bewerkstelligen kann, sei es medial,
künstlerisch, technologisch oder sozio-politisch.
Wider die Expertokratie
Daraus folgt, dass es nicht nur gilt, sich darum zu sorgen, dass eine
Elite von technologisch versierten Kulturschaffenden (oder kulturell
versierten Technologen) die entsprechende Unterstützung in Form einer
geeigneten Förderpolitik findet, sondern dass die gesamtgesellschaftlichen
Rahmenbedingungen der Entwicklung einer freien und partizipativen
Netzkultur förderlich sind und, im Feedback-Loop, dass die
Hervorbringungen einer progressiven Netzkultur auch in einem größeren
gesellschaftlichen Rahmen auf fruchtbaren Boden fallen können.
Bedrohliche Einschränkungen
Die Bedingungen stehen dafür leider nicht sehr gut. Eine zivile und
kulturelle Netznutzung kann es nur dann geben, wenn das Internet frei von
Überwachungsangst genutzt werden kann, wenn sich freie Rede und kulturelle
Kommunikation ohne politische Einschränkung von Meinungsfreiheit entfalten
können.
Freie und offene Struktur
Zugleich gilt es, das Internet seiner Struktur nach frei und offen zu
halten. Nicht nur der drohende Überwachungsstaat, auch wirtschaftliche
Interessen versuchen Nutzer in geschützten Konsumgärten zu halten. Auch
bedingt durch technologische Veränderungen, wie etwa Kabelmodems, gibt es
die Tendenz zu neuen Türwächtern, welche die UserInnen lieber in umzäunten
Gefilden als in der freien, unendlichen und angeblich so gefährlichen
Informationswelt "da draußen" sehen.
Vernetzte Politik
Österreich, als kleines Land im Zentrum Europas, hat insofern eine
besondere Chance, als es, vergleichbar mit den am besten verkabelten
Ländern der Welt, Norwegen und Finnland, und vielleicht in Zusammenarbeit
mit diesen und anderen, eine liberale, progressivere und "vernetztere"
Politik betreiben kann, als mehr an transatlantische und multinationale
Interessen gebundene Flächen-Staaten.
Brückenfunktion Österreichs in neuem Licht
Die Position Österreichs in der Nachkriegszeit in Europa und in der
Welt war es, eine Schnittstelle zu sein. Mit dem Internet könnte, bei
weiser Politik, diese Schnittstellenfunktion eine ganz andere Dimension
erfahren. Ein Land, das sich als Kulturnation sieht, kann gerade durch
Vernetzung eine Position - auch in wirtschaftlicher Hinsicht - erreichen,
die in keinem Verhältnis zu Bevölkerungszahl und Geografie steht.
Investition ins Humankapital
Dazu bedarf es aber auch gerade der Mobilisierung jenes Kapitals, von
dem im Zusammenhang der "Wissensgesellschaft" so oft die Rede ist: die
Ressource einer im Management-Slang "Human-Kapital" genannten Bevölkerung,
die gut ausgebildet und kulturell vielfältig ist und genügend
Unternehmensgeist und Selbstvertrauen besitzt. Und hier landen wir wieder
beim Cultural Backbone.
Plädoyer für Individualismus
Niemand möchte ein "öffentlich-rechtliches Internet", eine
subventionierte Oase der bildungsbeflissenen Alternativkultur. Der
tatsächliche Backbone - das Rückgrat der Kultur - sind die Individuen,
Gruppen, "Communities", die ihre Anliegen formulieren und verbreiten, die
Projekte, Objekte und Softwares entwickeln. Die Förderung dieser
"Kreation" sollte im Mittelpunkt stehen, und es sollte auch möglich sein,
dass diese Kreativen sich nicht nur untereinander vernetzen, sondern dass
es auch eine Vernetzung zwischen ihnen und Bereichen in Wissenschaft und
Wirtschaft gibt, sei es in Form einer erweiterten Interdisziplinarität
oder insofern, als sich eine neue Landschaft vernetzter Kleinbetriebe
entwickelt, die sich als kleine aber dennoch globale Player ihre Nischen
im Netz erobern.
Umdenken!
Ich plädiere also dafür, nicht bloß neue Maßnahmen in der Kunstpolitik
zu ergreifen, sondern grundlegend umzudenken: Der Staat, der in Österreich
immer noch in vielen Bereichen viel zu dominant ist, soll ein leichtes
regulatorisches Rahmenwerk schaffen, in dem private Initiativen, ob
künstlerisch oder technologisch, gedeihen können. Dazu ist es nötig, dass
die Politik in Österreich die Chancen und Gefahren der
Informationsgesellschaft begreift und sich mehr als bisher ins Zeug legt.
Man sollte nach Modellen der "best practice" Ausschau halten, ob sie von
Silicon Valley, Skandinavien oder aus den Niederlanden kommen. Aber auch
die geschätzte Künstlergemeinde hat vor der eigenen Tür zu kehren.
Ein "Cultural Backbone" wäre zwar auf jeden Fall ein Schritt in die
richtige Richtung. Doch dieses "Rückgrat" sollte nicht nur technologisch,
sondern ebenso gesellschaftlich definiert sein. Die Forderung nach mehr
und vielleicht besser organisierten Subventionen klingt wie ein Echo
vergangener Kunstförderdiskussionen. Davon heißt es wegzukommen und neue
Räume zu eröffnen, in denen neue hybride Formen der "cross-fertilisation"
(gegenseitigen Befruchtung verschiedener Bereiche) zum Tragen kommen. Das
ist keine Pauschalverurteilung. Diese Formen gibt es bereits, aber zu
wenig. Auch das sind neue Modelle, die es, im Sinne von "best practice" zu
studieren und auszubauen gilt...
Link: Telepolis -
Magazin der Netzkultur