11.09.2003 19:04
"Die Malerei ist eine Erfindung der
Blumen"
Zum 75. Geburtstag des Malers Arik Brauer:
eine große Retrospektive im KunstHaus Wien und eine Einladung zum Karaoke - Foto
Im architektonischen Vermächtnis seines "Schulkollegen"
Friedensreich Hundertwasser zeigt Arik Brauer passende Bilder. Seinen 75.
Geburtstag begeht er mit einer Retrospektive und der Einladung zum
Karaoke.
Wien - Das Schöne an der Fantasie? Sie ist auch für dich da! Es braucht
bloß ein bisschen Liebe dazu und ein bisschen Frieden und ab und an ein
beinhartes Protestlied. Auch gegen sich selbst: "Er hod a klanes Häusl in der
greanen Au. / Er hod an guten Posten und a dicke süße Frau. / Er tut si bei der
Arbeit net de Händ verstauchen. / Er kaun an jeden Sonntag a Virginia rauchen.
/Do sagt a mir gehts guat, auf de aundan hau i in huat. Da sogt a: ..."
Karaoke!
Weil: Wer "Wickie, Slime und Paiper" sagt, muss auch sein
Köpferl ab und an in Sand stecken. Gerade jetzt, wenn der Sommer verglüht und
uns schon der erste Reif der langen Nacht der Museen im Schock gefrieren lässt.
Am 20. September ist Kunstnachtwende, am 20. September ist das große
Karaoke-Singen mit Liedern von Arik Brauer im KunstHausWien angesagt. "Da Mutter
ihre Buam, fallen um als wie de Ruam. Do sagt a: ...": Phantastischer Realismus!
Goldene Schallplatte! Dschiribim - Dschiribam!
Und Applaus. Und Zugabe.
Und: "Rostiger, die Feuerwehr kummt, schiab die Haar in ..." Und: "Schieß nicht
auf die Blaue Blume ...", es könnte ein Gemeindebau sein!
Als eine der
Folgen des legendären Wiener Art Clubs gilt die Wiener Schule des Phantastischen
Realismus. Arik Brauer war an deren erster Weltwanderausstellung maßgeblich
beteiligt. Wie "Schulkollege" Friedensreich Hundertwasser misstraute er dem
Gottlosen, spielte auf Vinyl Glaub nicht an das Winkelmaß ein, bereiste Europa
und den Orient botschaftsträchtig mit dem Fahrrad und reüssierte mit
altmeisterlich ausgeführten Einsichten in fantastische Welten. Mit Malereien der
Hoffnung. Mit Fantasien zum Identifizieren und Nacherleben. Vorgefertigt,
vorbeseelt. "Die Malerei ist eine Erfindung der Blumen", hat Arik Brauer einmal
notiert, "man macht sich bunt, und die Insekten kommen ... Man malt ein buntes
Bild, und Menschen kommen, um es zu sehen."
Sein Glaube an die
heilsbringende Kraft des Bunten, an die Möglichkeit, auch die schrecklichste
Erzählung formal wohlig einzuleiten, den Zuhörer am Feuer zu wärmen, geborgen im
Wert bequemen Wiedererkennens zu fesseln, hat Arik Brauer offensichtlich nie
verlassen. "Du isst a Kipferl, / trinkst an Kaffee, / und derweil passieren
Sachen!" Wie zum Beispiel, dass der Adolf Frohner in gleich guter Absicht
Matratzen aufschlitzt.
Das KunstHausWien zeigt gut 150 Bilder einer
glühenden Sehnsucht nach einer vormodernen Zeit. Alle ganz Brauer. So als lägen
nicht Jahrzehnte dazwischen, so als könnte man Spieler wie Marcel Duchamp
einfach wegsingen: "Schach ist ein grausames Spiel", schreibt Brauer, "denn es
widerspiegelt die Gesellschaft. Täuschung und Intrige versprechen Erfolg, Bauern
werden geopfert, ein fast lahmer König wird mit Zähnen und Krallen verteidigt.
Wenn es stimmt, dass der Existenzkampf die Intelligenz aller Wesen entwickelt
und der Krieg der Vater aller Dinge ist, ist Schach ein gutes Beispiel.
Schachmatt. (Der Scheich ist tot.)" (DER STANDARD, Printausgabe,
12.9.2003)