| diepresse.com | ||
| zurück | drucken | ||
|
| ||
| 03.09.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Die schönsten Bäume im Wald der Antike | ||
| VON NORBERT MAYER | ||
| Kunsthistorisches Museum. Die Antikensammlung ist renoviert. Ein erster Eindruck der entrümpelten Räume. | ||
|
M Der Kopf des Aristoteles, die beste römische Kopie nach
einem verlorenen griechischen Original, ist so raffiniert beleuchtet, dass
man meint, dem Philosophen beim Denken zuzuschauen. Ein ganzer Saal mit
Statuen und Köpfen ist derart auf den Besucher ausgerichtet, dass er
selbst zum Objekt der Betrachtung zu werden scheint. Gegenüber hängen
Mumien-Porträts aus Ägypten. Auch sie werden zum Leuchten gebracht. Einige
alte Fenster sind zu Video-Walls mutiert, die in Epochen und Räume
einführen. Die Antike ist das Modernste, was das KHM derzeit bietet. "Erst
mit der Neueröffnung der ägyptischen Sammlung vor vier Jahren ist im
Hochparterre eine sicherheitstechnisch moderne Einrichtung möglich
gewesen", sagt Seipel. "Die Vollrechtsfähigkeit erlaubt uns, die Mittel
nach unseren Prioritäten zu verteilen. Die Antikensammlung ist unser
zweites Projekt dieser Art - ganz aus Eigenkapital finanziert." Rund vier Millionen Euro hat die Instandsetzung und
Neugestaltung von knapp 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche für 2300
Sammlungsstücke gekostet. Seipel erwartet sich durch die neue Attraktion
einen gewaltigen Anstieg der Besucher: "Wir haben einen sehr guten Sommer
hinter uns, dazu kommt die Goya-Ausstellung im Oktober." Kann man mit Gemmen, Münzen und Statuen die Menschen ins
Museum locken? Die Augen des Direktors blitzen, er spürt einen
Kulturauftrag: "Ich hoffe sehr, dass es uns gelingen wird, wieder
verstärkt auf die Fundamente der europäischen Vergangenheit
zurückzugreifen. Unsere gemeinsame Identität gründet auf der Antike."
Ein Grundsatz lautet Entrümpelung. "Es hat doch keinen
Sinn, hunderte Vasen auszubreiten, ohne eine Aussage zu machen. Wir
beschränken uns auf wesentliche Projekte und stellen sowohl chronologische
als auch geografische Zusammenhänge her." Wesentlich ist auch die
Inszenierung der Meisterwerke. "Es gibt drei große Schwerpunkte: die
einmaligen Prunk-Kameen, die Schatzfunde aus Ungarn und Rumänien, sowie
die Großskulpturen, etwa aus Alexandrien." Architekt Hans Hoffer hat die Räume so gestaltet, dass die Hauptwerke regelrecht in Szene gesetzt werden. Die Bemalungen aus dem 19. Jahrhundert, etwa das Fries von August Eisenmenger, das früher verrußt im Halbdunkel lag, ergänzen die Exponate, lenken aber nicht zu sehr ab. Nur zwei Säle haben Tageslicht. "Die ganze Ausstellung lebt von Lichteffekten, es ist bewusst theatralisch gemacht", sagt Seipel, während er die Lichtspots über das große römische Mosaik gleiten lässt. Wert legt der Ägyptologe darauf, dass nun ein Durchgang zwischen dem Saal des archaischen Griechenland und der Ägypten-Sammlung besteht - so wie beim "Jüngling vom Magdalensberg" der Übergang zur Kunstkammer kommt. Spätestens 2008 soll dieses nächste große Erneuerungsprojekt abgeschlossen werden. Seipel deutet auf den mächtigen Kuros aus Zypern, der einen leicht assyrischen Einschlag hat. Schnell verliert er sich in Details, die aufs Neue Reich am Nil verweisen. Seine Augen streicheln über den Stukkolustro, der Stein vortäuscht. "Teurer als Marmor", sagt der Hausherr und eilt zur Aphrodite von Larnaka: "Es gibt immer wieder Stücke, in denen man sich verlieren kann." Kurt Gschwantler, der Direktor der Antikensammlung, macht
darauf aufmerksam, dass ein Drittel mehr Objekte als zuvor ausgestellt
werden. Fünf Wissenschaftler und drei Restauratoren sind bei der
Neugestaltung zu einem verschworenen Team geworden. "150 Skulpturen wurden
aufgearbeitet, kein Stück blieb unrestauriert. Die Aufsockelung erfolgte
direkt auf gegossene Teile, das ist aufwendig, wird aber Schule machen."
Viele kleine Exponate sind zu sehen, darunter 300 Gemmen. Sie werden von
hinten angestrahlt, kommen so stärker zur Geltung. Im Zentrum dieses Raums
steht die Gemma Augustea. Sie zählt für Gschwantler so wie der Goldschatz
aus der Völkerwanderungszeit und der Jüngling vom Magdalensberg zu den
absoluten Highlights. Die Bronzestatue, eine Renaissance-Kopie nach
antikem Vorbild, dreht sich hinter Glas auf einer Scheibe, die Schatzfunde
sind in einem 8,5 Tonnen schweren, spektakulären rostigen Rund von
US-Bildhauer Richard Serra integriert. "Das sind", sagt Gschwantler, die
schönsten Bäume in einem riesigen Wald." |
||
| © diepresse.com | Wien | ||