Salzburger Nachrichten am 17. März 2006 - Bereich: Kultur
Produktive Dekadenz

Nun hat auch Wien seine große Mozartausstellung. In der Albertina repräsentiert "Mozart. Experiment Aufklärung" vor allem eines: verwirrende Vielfalt.

ERNST P. STROBLWIEN (SN). "Mozart. Experiment Aufklärung", die Ausstellung in der Albertina - ab heute, Freitag, bis zum 20. September zu sehen - ist wohl aufs erste selbst ein Experiment. Abseits gängiger Museumsleitfäden und -pädagogik sind die zu erwandernden Ausstellungsräume überfüllt mit Exponaten ohne gezielte Führung hin zum besseren Verständnis von Mozart und seiner Zeit. Böse ausgedrückt ist dies eine Rumpelkammer auf höchstem Niveau. Sieht man es positiv, ist es eine Kunst- und Wunderkammer.

Herbert Lachmayer vom Wiener Da-Ponte-Institut, von dem Idee und Konzept für diese Ausstellung stammen, sieht sie als "Wissens-Oper" für Mozart, die nicht nur die Lust des Rokoko an der Inszenierung in den Vordergrund stellt, sondern selbst eine Inszenierung ist. Als produktive Dekadenz.

Was die Wunderkammer betrifft: Es ist sensationell, wie viele Handschriften Mozarts da nebeneinander aufliegen. Auch die Internationale Stiftung Mozarteum hat sich mit zahlreichen Exponaten eingestellt: Das Mozartporträt von Lange oder allein 22 Briefautografen stammen aus Salzburg.

Vor allem aus Berlin wurde Lachmayer großzügig versorgt. Da sind Autografen in loser Reihenfolge ausgelegt wie "La Finta Semplice" oder die "Waisenhaus-Messe", "Ascanio in Alba", die "Pariser Symphonie", aber auch Mozarts "Idomeneo" und sogar "Così fan tutte". Die aufgeschlagene Seite des c-Moll-Klavierkonzertes KV 491 - diese Handschrift stammt vom Royal College of Music London - zeigt auf beeindruckende Weise durch die Striche Mozarts Arbeitsweise. Die Mozart-Feinspitze werden also mit Kostbarkeiten verwöhnt.

Nachdem ein Leitsystem - bis auf den Audioguide - fehlt, nehme man einfach den Weg über den allgegenwärtigen Teppich von Franz West. Nach Durchschreiten der Halle, wo Klaus Pinter eine raumfüllende, transparente Montgolfieren-Installation "Eroberung der Luft" als Emblem des Visionären aufgehängt hat, führt die Rolltreppe in die Basteihalle im Souterrain, wo durch Entfernen von Wänden Platz geschaffen wurde.

Hier eröffnet sich ein Blick auf die gesellschaftliche Umgebung Mozarts. Neben den Handschriften sind auch Möbel verteilt, Wien-Bilder in Öl oder auf Porzellan, Porträts von Maria Theresia bis zu Joseph II., von Staatsmännern bis hin zu Voltaire und Da Ponte zieren Wände und Vitrinen. Monitore zeigen erläuternde Bild- und Textfolgen. Man durchquert Salons und zugleich auch ganz Europa, man staunt über die bunte Folge von Büchern, Libretti, Briefen, Dokumenten, Gerätschaften. Den Kontext kann man - trotz Kapitelabschnitte mit Namen wie "Genius Automat", "Kunstfigur Wunderkind", "Antikensucht" oder "Salon Europa" - finden oder auch nicht.

Mozart in der Zeit großer Umbrüche Die soziologischen Umbrüche verdeutlichen Originale wie eine Schrift zur "Abschaffung der Tortur" oder die Toleranzpatente Joseph II. für Juden bzw. Protestanten und Griechisch-Orthodoxe.

Um- und Aufbrüche gab es auch in Literatur und Wissenschaft, gezeigt wird etwa die erste "Enzyklopädie der Wissenschaft, der Kunst und des Handwerks" von Diderot und d'Alambert. Die Rekonstruktion des freimaurerischen Gartens in Schönaus wiederum ist als virtuelle Animation "begehbar".

Wertvolle Roben erfreuen nicht nur Modefreaks, zwei davon gibt es von Azzedine Alaïa, die für die Königin der Nacht stehen; wunderschöne Roben gibt es auch von John Galliano und Roberto Capucci.

Künstler wie Günther Brus, Eva Koethen oder Deutschbauer & Spring und Gelitin (ehemals Gelatin) reflektieren ihrerseits das Rokoko-Spiel. Anton Herzl ließ sich von Nikolaus Harnoncourts Wunderkind-Vergleich inspirieren: Er schuf ein "Krokodil", mit Mozartperücke, versteht sich.