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Nicht der Halbgott, wir wanken!

17.05.2007 | 18:29 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Zum Tanzkränzchen bei Otto Mühl? Anselm Kiefer soll es nach Portugal ziehen.

Schön zu wissen, nicht alleine zu sein. Nachdem mich im „Kunstlicht“ vergangene Woche arge Zweifel über den Halbgott-Status des von mir einst heftig verehrten deutschen Mythomanen-Künstler Anselm Kiefer peinigten (angeblich überlegt er, sein Gesamtkunstwerk, das Kiefer-Heiligtum La Ribaute in Südfrankreich, an Guggenheim zu verscherbeln), fing mich sogleich ein bisher im Untergrund zwischen Wien und Zürich agierendes Kiefer-Groupie-Netz auf.

Erstens sei der Guggenheim-Deal noch gar nicht fix, erfuhr ich per Fan-Hotline, und wenn, dann eh nicht so schlimm, denke Herr Kiefer schließlich schon ans nächste großflächige Gesamtkunstwerk – und zwar in Portugal. Wo genau, ist bis jetzt noch nicht überliefert. Aber der als schwierig geltende Kabbalist und bleischwere deutsche Vergangenheitsbewältigungskünstler wird sich seine Nachbarschaft wohl reiflich überlegt haben. Man stelle sich nur vor, Kiefer wird samt seiner beiden Rottweiler zum Teekränzchen mit Selbstdarstellung bei Onkel Otto vorgeladen. Mühl lebt seit 1998 mit seiner Restkommune an der Algarvenküste.

Viel zum Tanzen würde der Meister aber sowieso nicht kommen, die Karriere ist viel zu steil. Eine große Retrospektive im Guggenheim Museum in Bilbao, ein eigenes Museum, gesponsert von Kunstmäzen Hans Grothe, in Berlin. Und dann wartet auf den Halbgott noch die Aufnahme in den echten Kunst-Olymp, den Louvre, den er mit den Kollegen Cy Twombly, Francois Morellet und Luciano Fabro heuer erklimmen darf – sie wurden mit neuen Treppenhaus-Dekos für die Ewigkeit beauftragt. Kiefer wird seine Wand mit einem seiner Sternbilder bedecken.

Danach wird Kiefer wohl endgültig nicht mehr nach Wien herabsteigen – die vom Mumok angekündigte erste große Ausstellung in Österreich wurde längst schon still und heimlich abgeblasen (die geforderte Materialschlacht wäre nicht zu gewinnen gewesen).

So darf die österreichische Kiefer-Freak-Sektion beruhigt weiterhin ihrem Kult frönen – mit Salzburg-Pilgerfahrten zu Galerist Ropac, wöchentlichen Bachmann- und Celan-Lectures vor welken Sonnenblumen-Sträußen, Fürbitten an Kiefers Gattin (sie ist Österreicherin!) und abendlichem Bleinadelstecken ins Foto des heimischen Kiefer-Zweiflers, Wiens Akademie-Rektor Stephan Schmidt-Wulffen („Kiefer? Vorgewusste Sensibilität!“).

Bevor mich selbst vielleicht ein ähnliches Schicksal ereilt, bereue ich hiermit also schnell öffentlich etwaige unziemlichen Zweifel am kieferschen Halbgott-Status. Groupie-Kollegin Doris B. aus Zürich – inklusive sicher aller Gesamtwerkmeisterkünstler dieser Welt – haben wohl recht: „Nicht der Halbgott wankt – eher wir...“


almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2007)


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