| Salzburger Nachrichten am 9. August 2006 - Bereich: Kultur
"Rundumschlag" eines Galeristen "Neue Kunst muss wie ein
Stück Fleisch abhängen", sagt der Salzburger Galerist Nikolaus Ruzicska.
Kunst sei ein angeeigneter, zu erlernender Genuss. GUDRUN WEINZIERL
Gudrun Weinzierl Interview Nikolaus Ruzicska hat sich vor zwei Jahren
selbstständig gemacht und führt außerhalb der Salzburger Alstadt eine
Galerie für zeitgenössische Kunst. Seiner diesjährigen
Festspielausstellung gab er den Namen "Rundumschlag". Im Ausstellungstitel
"Rundumschlag" darf man Aggression vermuten. Irritieren Sie damit so wie
viele zeitgenössische Künstler es tun? Ruzicska: Ich provoziere
leidenschaftlich gerne. Der Titel ist bewusst irreführend, denn er hat
eine kämpferischen Konnotation. Umso mehr wird der Besucher der
Ausstellung über die Auswahl der Werke erstaunt sein. "Rundumschlag" steht
auch für ein "Best of" von Künstlerinnen und Künstlern, die ich vertrete
und die neue Meisterwerke dafür geschaffen haben.Können neue Arbeiten
schon als Meisterwerke erkannt werden? Ruzicska: Wenn im Atelier ein Werk
entsteht, das besonders gut, schön, großartig ist, dann spürt man das. Das
weiß auch der Künstler, der für solche Arbeiten eine spezielle
Präsentation erwartet, auf einer wichtigen Messe, in einer großen
Gruppenausstellung oder in einem Museum. Bei einem Werk dieser
Ausstellung, der 3,6 mal 8,2 Meter großen dreigeteilten Installation aus
Spiegeln des jungen Briten Gary Webb, verhielt es sich so: Dieses Objekt
wurde kürzlich in drei Museen in der Schweiz und Frankreich gezeigt, jetzt
ist es hier in der Ausstellung in Bezug zu anderen Kunstwerken gebracht
und ist bereits in einer Privatsammlung in Deutschland platziert. Wie
wählen Sie Künstler für Ihr Programm, sehen Sie sich als privater Galerist
auch als Förderer? Ruzicska: Das erste Kriterium ist der persönliche
Geschmack. Das zweite ist der Aspekt, ob das Werk in das Programm passt
und dieses ergänzt. Das Fördern bejahe ich. Junge Künstler zu begleiten
ist schön, wenn man von ihrem Weg überzeugt ist und sich diese Überzeugung
auf Käufer überträgt. Ich glaube allerdings, dass das Begleiten eines
Künstlers durch den Galeristen eine gegenseitige Investition ist. Wird Kunst nicht oft zu früh auf den Markt gebracht? Ruzicska: Ja, neue
Kunst muss wie ein gutes Stück Fleisch abhängen. Oft werden Werke von
Künstlern, die man zum ersten Mal in einer Einzelausstellung sieht,
beachtet, aber nicht gekauft. Wenn ich dann ein einzelnes Werk in einer
nachfolgenden Gruppenausstellung hänge, dann wird gekauft - es braucht
eben ein bisschen Zeit. Kunst ist ein angeeigneter Geschmack - ähnlich wie
Rauchen oder Genuss von Alkohol. Den wenigsten Leuten gefällt auf Anhieb
ein Werk. Wenn man sich mit einem Werk beschäftigt, etwas über die Technik und
über das Konzeptuelle weiß, wird es interessant. Wir können Qualität in
der Kunst nicht definieren, es gibt hier keine Objektivität. Man muss
selbst schauen, vergleichen und sich ein Urteil bilden. Nur die Zeit wird
Klarheit bringen. Bis man weiß, ob etwas Bestand hat, können Jahre, auch
Jahrhunderte vergehen. Denken Sie an Botticelli, den großen
Renaissancekünstler: "Venus" und "Frühling" sind jahrhundertelang in den
Depots der Uffizien gelegen, galten als Kitsch und wurden erst im späten
19. Jahrhundert herausgeholt.Verdrängen Kunstmessen als "Supermärkte"der
Kunst die klassische Präsentation in einzelnen Galerien? Ruzicska:
Kunstmessen sind wichtig. Trotzdem mache ich meine Aufbauarbeit in der
Galerie weiter. Jene Interessenten, die nur auf Kunstmessen sind und nicht
in die Galerie kommen, versäumen großartige Ausstellungen. Das ist meine
große Herausforderung, alle paar Wochen neue Ausstellungen zu
kreieren. Das Präsentieren und das Kuratieren sind für eine Galerie wichtig. Ist
das auf Kunstmessen anders? Ruzicska: Auch auf einer Messe werden keine
Restposten gezeigt, und gute Galeristen mit großen Ständen kuratieren auch
auf den Messen, sprechen mit den Künstlern ab, was gezeigt wird. Natürlich
sehen im kleinen Salzburg weniger Menschen eine Ausstellung als in einer
großen Stadt oder auf einer internationalen Messe. Sind Sie dennoch hier
zufrieden? Ruzicska: Die momentane Entwicklung für zeitgenössische Kunst
in Salzburg sehe ich positiv. Ich habe mit der Entscheidung, hier meine
Galerie zu eröffnen, mit beigetragen, dass die Szene lebendig ist. Mit dem
neuen Museum der Moderne, den diversen privaten Galerien, dem Kunstverein,
der eine konzeptuelle themenbezogene Kunst zeigt, und mit dem Hangar 7
haben wir ein interessantes Spektrum. "Rundumschlag" in der Galerie
Ruzicska in der Stadt Salzburg, Faistauergasse 1, bis Ende dieser Woche.
Am 19. August wird eine Ausstellung mit neuen Werken von Britigitte Kowanz
eröffnet. |