Hedwig Kainberger Interview Im Büro Claudia Schmieds wird es heute, Montag, eng. Acht Direktoren kommen, um der Ministerin für Kunst und Kultur Sorgen, Wünsche und Ideen vorzutragen: Johanna Rachinger (Nationalbibliothek), Wilfried Seipel (Kunsthistorisches Museum), Bernd Lötsch (Naturhistorisches Museum), Gabriele Zuna-Kratky (Technisches Museum), Peter Noever (Museum für Angewandte Kunst, MAK), Edelbert Köb (Museum moderner Kunst, Mumok), Agnes Husslein (Belvedere) und Klaus Albrecht Schröder (Albertina). Die SN baten die Ministerin davor um ein Gespräch.
Was sind in der Kulturpolitik Ihre nächsten Anliegen?
Schmied: Der größte, nächste Schwerpunkt sind die Bundesmuseen. Für das Jahr 2008 wird die Basisabgeltung für die sieben Museen und die Nationalbibliothek um sechs Millionen auf 96,51 Mill. Euro erhöht. Diesen Betrag habe ich in der vorigen Woche aufgeteilt (siehe SN vom 4. September, S. 11, Anm.).
Das heißt: Sie stopfen mit dem zusätzlichen Geld Finanzlöcher.
Schmied: Wenn Sie wollen, können Sie das so formulieren. Es geht um Liquiditätsbedarf. Ich sage ganz klar: Ausschlaggebend waren finanztechnische Argumente.
Karl Albrecht Schröder von der Albertina bezeichnete diese Entscheidung als "Bestrafung erfolgreich geführter Museen". Bernd Lötsch vom Naturhistorischen Museum sagte: Offenbar müsse man nur ohne Rücksicht auf Verluste Schulden produzieren, dann werde man belohnt. Ist solche Kritik berechtigt?
Schmied: Wenn sechs Millionen Euro für acht Institutionen zur Verfügung stehen, dann können keine großen Projekte begonnen werden. In diesem ersten Schritt ging es darum, das Bestehende abzusichern. Da kann es noch keine strategische Weichenstellung in der Museumspolitik insgesamt geben.
Das Geld wurde nach Notwendigkeit zugeteilt, aber nicht nach pädagogischen Kriterien von Belohnung und Bestrafung. Nun haben wir die Basis, um grundsätzliche Überlegungen zur Museumspolitik anzustellen: Wie schaut die mittelfristige Zukunft aus? Welche Ziele verfolgen wir? Welche Schwerpunkte setzen wir? Diesen Prozess werde ich am Montag (heute, Anm.) gemeinsam mit den Direktoren und Direktorinnen beginnen.
"Ich maße mir nicht an, die Kulturpolitik von oben herab vorzugeben." Was werden Sie beginnen?
Schmied: Vor allem zwei Themen wollen wir erörtern: Wir möchten Rahmenzielvereinbarungen formulieren, wobei ich betone, es sollen "Vereinbarungen" zwischen Direktoren und Ministerium sein. Zweitens wollen wir eine Kooperationsbasis bauen. Die einzelnen Museen müssen sich ja nicht immer als Konkurrenten verstehen.
Zudem ist der Weg dorthin wichtig: Gemeinsamkeit im Erarbeiten.
Für Besucher sind die Eigenheiten einzelner Museen derzeit oft schwer ersichtlich: Moderne, Ölbilder und Biedermeiermöbel in der Albertina, Zeitgenössisches und nicht unbedingt "Angewandtes" im "Museum für Angewandte Kunst". Zum Belvedere kommt das 20er Haus, das eigentlich die Keimzelle des Mumok gewesen ist. Gibt es einen Bedarf für eine Neuordnung der Aufgaben?
Schmied: Ja! Das ist mit ein Grund, warum ich diese Zukunftsgruppe starte. Es geht genau um das: Profile, Ziele, mittel- und langfristige Pläne. Das soll in den Rahmenzielvereinbarungen stehen.
Wo sind derzeit Doppelgleisigkeiten? Wo sind Lücken und Defizite?
Schmied: Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht jetzt ein Leitbild entwerfe und sage: Da oder dort soll's hingehen. Ich maße mir nicht an, die Kulturpolitik von oben herab vorzugeben. Ich will ein gemeinsames Entwickeln. Und dafür möchte ich nichts vorgeben.
Entsteht so nicht die Gefahr, dass nur Allgemeines, Abstraktes und Unkonkretes herauskommt?
Schmied: Ich glaube, darüber reden wir dann, wenn es Entwürfe gibt.
Wie lange soll dies dauern?
Schmied: Wir beginnen am Montag. Ich werde bis Ende September Experten und Expertinnen nominieren, die mich bei dieser Strategieentwicklung begleiten werden. Bis Weihnachten sollten wir erste Antworten skizzieren - etwa zu Fragen, die Sie angesprochen haben. Jedenfalls sollten wir rechtzeitig vor den Budgetverhandlungen für 2009 Profile, Ziele, Schwerpunkte und Kooperationen formuliert haben.
Was sind derzeit die Stärken der Bundesmuseen?
Schmied: Der wesentliche Punkt ist: Sie machen Wien zu einem sehr attraktiven Standort. Wien ist damit einer der europäischen Kristallisationspunkte im Bereich der Museen.
Ein ganz, ganz großes Anliegen ist mir die Vermittlung, vor allem die Zusammenarbeit mit Schulen. Da geht es auch um den eintrittsfreien Tag ein Mal pro Monat, wie er im Regierungsprogramm steht.
Warum gibt es den nicht längst?
Schmied: Was die Finanzierung betrifft, hängt das von Detailverhandlungen mit den Museen ab. Und zudem sollten wir versuchen, den eintrittsfreien Tag zu verknüpfen mit einem Programm der Kunst- und Kulturvermittlung, um die Museen auch jenen Besucherkreisen zu öffnen, die jetzt vielleicht noch nicht so angesprochen sind. Auch das werden wir am Montag besprechen.
Bis wann wird es den eintrittsfreien Tag geben?
Schmied: Mein Ziel ist, bis Jahresende einen konkreten Plan zu haben.
Also ab nächstem Jahr?
Schmied: 2008 oder 2009.
Seit Jahren haben die Bundesmuseen geringe oder keine Ankaufsbudgets mehr. Folglich wächst die Abhängigkeit von Leihgaben und Schenkungen privater Sammler. Was halten Sie davon?
Schmied: Leihgaben und Schenkungen sind eine unglaublich hohe Auszeichnung - sowohl für die Institution als auch für die handelnden Personen. Denn Schenkungen und Leihgaben basieren auf einem starken Vertrauen.
Müssen Museen ihre Sammlungen auch nach eigenen, langfristigen Konzepten aufbauen?
Schmied: Ein Teil muss sicher aus der eigenen Kraft im Sinne eigener Gestaltung gelingen. Auch das wird ein Thema unserer Besprechungen.
"Kunst und Kultur sowie Betriebswirtschaft sind keine Gegensätze." Ist Pflege und Erweiterung staatlicher Sammlungen nicht entsprechend staatlich zu finanzieren?
Schmied: Was die Budgets betrifft, können wir nur schauen, wie es 2009 weitergeht. Und was mir ganz wichtig ist: Kunst und Kultur sowie Betriebswirtschaft sind keine Gegensätze, sondern Kunst und Kultur brauchen zur Entfaltung betriebswirtschaftliche Grundlagen.
Worin werden Sie sich in der Museumspolitik von Ihrer Vorgängerin, Elisabeth Gehrer, unterscheiden?
Schmied: Ich mag solche Vergleiche nicht. Ich möchte für etwas stehen, und da ist für mich ein Grundsatz, Betroffene zu Beteiligten machen. Das heißt: die Direktoren und Kuratoriumsmitglieder einbeziehen, sich gemeinsam auf den Weg machen aus einer inneren Haltung heraus, um ein gutes Ziel zu erreichen. Ich glaube, dass ich gut zuhören und unterschiedliche Meinungen erfassen kann.
Was sind Akzente einer sozialdemokratischen Museumspolitik?
Schmied: Das wäre ein gesondertes Interview! Was mir als sozialdemokratischer Politikerin wichtig ist: keine Vorgaben von oben herab, ein Höchstmaß an Partizipation, das heißt ein Öffnen der Häuser, ein Schwerpunkt im Bereich Kunst- und Kulturvermittlung, die Verbindung zu Bildung und Unterricht.




