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Kunstberichte
Joep van Lieshout bespielt Hof und Vorplatz des Museumsquartiers, das Mumok zeigt "Kunst und Fernsehen"

Parcours für kritische Reflexionen

Joep van Lieshouts begehbares Objekt "BarRectum" steht bis 2. Mai im Hof des Wiener Museumsquartiers und ist dem menschlichen Enddarm nachempfunden. Im Inneren befindet sich eine Trinkhöhle, die seit 2005 bereits an verschiedenen Orten zu besuchen war. Foto: Atelier Van Lieshout

Joep van Lieshouts begehbares Objekt "BarRectum" steht bis 2. Mai im Hof des Wiener Museumsquartiers und ist dem menschlichen Enddarm nachempfunden. Im Inneren befindet sich eine Trinkhöhle, die seit 2005 bereits an verschiedenen Orten zu besuchen war. Foto: Atelier Van Lieshout

Von Brigitte Borchhard-Birbaumer

Aufzählung Das Mumok schlägt mit seinem Programm nun deutlich lautere Töne an: Noch-Direktor Edelbert Köb lud Joep van Lieshout für die Kunst im öffentlichen Raum des Museumsquartiers ein. Der Gründer eines anarchistischen Staates in Rotterdam, der bald nach seiner Gründung an der Bürokratie der Stadt scheiterte, ist Spezialist für begehbare Skulpturen mit realistisch-organischem Aussehen.

Aufzählung Porträt Joep van Lieshout

"BikiniBar" von 2006 – ein weiblicher Rumpf im roten Bikini – ist allerdings nur mittels Fensteröffnungen als möglicher Wohnort zu besichtigen. Sie verwirrt und lockt die Autofahrer von der Straße ins Quartier.

Kleine Trinkhöhle im riesigen Enddarm

Sein Objekt "BarRectum" im Hof, das bereits im Vorfeld für Aufregung sorgte, erweist sich als überdimensionale Nachbildung des menschlichen Enddarms und dient seit 2005 an verschiedenen Orten als kleine Trinkhöhle. Durch die Farbe Blau etwas appetitlicher und von kleinen Figuren "bevölkert", liegt daneben "Darwin", momentan Info-Point und Kassa in Spermienform.

Nicht nur für Gesprächsstoff, sondern für einen Skandal sorgte eine Vorgängerin Lieshouts: Niki de Saint Phalles weibliche "Hon-Kathedrale" von 1966 im modernen Museum von Stockholm. Damals konnte man eine große, bunte Mutterfigur zwischen den Beinen betreten, die Brust diente als Milchbar. Heute werden die überdimensionalen amorphen Gebilde mit funktionstüchtigen Schlafplätzen höchstens bei missbräuchlicher Nutzung Diskussionen auslösen.

Organische Objekte als bewohnbare Möbel

Im Gegensatz zum Swinger-Club in der Secession ist nicht nur der Ort als einer für Kunst ausgewiesen; und die Objekte sind skulpturale Behauptung und dienen als kommunizierende Möbel der Stadt. Eine Kunst, die sich nicht selbst abschafft, sondern mit ihrer Präsenz das organische Gefüge der Gesellschaft anspricht.

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Video von Ant Farm aus dem Jahr 1975. Foto: John F. Turner

Im Mumok selbst haben sich vier Ebenen in die frühe Geschichte des Austauschs zwischen "Kunst und Fernsehen 1963 – 1987" verwandelt. Im kongenial gelungenen Ausstellungsdesign von Julie Ault und Martin Beck passiert kein Verschwinden in Black Boxes. Offenheit, bunte Ecken, weiße Einbauten auf lenkendem Bodenmuster, viele laufende Geräte kommunizieren, ohne störend unruhig zu wirken. Kurator Matthias Michalka lädt zu einer wahren Enzyklopädie der spannungsreichen Verschmelzung von Kunst und TV, mit Namen wie Yoko Ono, Nam June Paik, Joseph Beuys, Chris Burden und Dan Graham. Ein Drittel des Materials ist aus dem Besitz des Hauses, es konnte noch Filmmaterial für die Schau angekauft werden.

In der Factory wird das gesamte Fernsehwerk von Andy Warhol präsentiert. Ein Kosmos, auf Kreisformen mit Monitoren erfahrbar – von Mode über Reality-Show bis zur Manipulation ist schon alles enthalten, wovon beide Seiten, Kunst und Fernsehen, heute noch zehren. Ein Stockwerk der Schau ist der konzeptuellen Fernsehgalerie Gerry Schums gewidmet – mit Land-Art, Fluxus und Minimal-Positionen in Deutschland, Österreichs Beitrag ist mit den Humanic-TV-Spots aber auch legendär.

Trotz inhaltlich klarer Gliederung in Manipulation des TV-Bildes, Ruhm, Sprache, Utopien, Apparatkritik, Dekonstruktion und Konsumismus – auch eine Schleife von ernster Kritik bis zu erheiternder Ironie – ist ein schnelles Erfassen aller Phänomene nicht möglich. Denn ein lineares Vorgehen wird hier vermieden. Die mehr als 100 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive mit erstklassigen Arbeiten verdienen längeren Aufenthalt – daher gilt die Eintrittskarte zweimal: fair fernsehen ist angesagt!

Aufzählung Kunst

Changing Channels. Kunst und Fernsehen 1963-1987/
Atelier van Lieshout
Edelbert Köb/Matthias Michalka (Kuratoren) bis 2. Mai/6. Juni Mumok

Printausgabe vom Freitag, 05. März 2010
Online seit: Donnerstag, 04. März 2010 18:48:00

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