Von der Natur über die Figur zum Körper


"... die Frau ist geschaffen, um dem Mann gefällig zu sein, ihm zu gefallen und nützlich zu sein, ihm liebens- und achtenswert zu sein, die Männer in der Jugend zu umsorgen, zu beraten und trösten und ihnen das Leben zu versüßen." Das schrieb 1762 niemand geringerer als Jean-Jacques Rousseau. Musizieren, Zeichnen und Malen das sollte die ideale Frau zwar, niemals durfte daraus aber mehr als Dilettantismus oder gar ein Beruf werden. Originalität im künstlerischen Schaffen wurde Frauen ohnehin abgesprochen. 1908 warnte der Kunsttheoretiker Karl Scheffler sogar, Frauen, die nach künstlerischer Verwirklichung strebten, hätten mit Verkümmerung und Krankhaftigkeit des Geschlechtsgefühls sowie mit Perversion und Impotenz zu rechnen.

Muse und Modell

Lediglich zwei Rollen wurden der Frau überlassen, die der Muse und die des Modells. Wie sehr diese Ansichten auch noch im 19. Jahrhundert und auch in Künstlerkreisen verbreitet waren, beweist ein Brief Gustav Mahlers an seine junge Verlobte, die Komponistin Alma Mahler, in dem er verlangt, Alma möge das Komponieren aufgeben: "Glaubst Du auf einen Dir unentbehrlichen Höhepunkt des Seins verzichten zu müssen, wenn Du Deine Musik aufgibst, um die Meine zu besitzen und auch zu sein? Du hast von nun an nur einen Beruf, mich glücklich zu machen," schreibt Gustav Mahler und Alma, die Femme Fatale der Jahrhundertwende, fügt sich.

Die Stimmungsimpressionistinnen

Tina Blau:  Sommer in Heiligenstadt, 1905 (Zum Vergrößern Anklicken)
Tina Blau: Sommer in Heiligenstadt, 1905 (Zum Vergrößern Anklicken)
Tina Blau, Olga Wiesner-Florian und Marie Egner, allesamt geboren zwischen 1844 und 1850, waren die ersten professionellen Malerinnen Österreichs. Sie reüssierten auf dem international anerkannten und modernen Gebiet der Landschaftsmalerei, die ihnen zwar nicht wie die Historienmalerei verboten war, aber dennoch fest in Männerhänden lag. Mehr noch: Sie waren maßgebend an der Prägung einer ganzen Stilrichtung, dem sogenannten Stimmungsimpressionismus beteiligt.

So gut sein wie ein Mann

Ihrem Anspruch, so gut wie ein Mann zu sein, wurden sie mehr als gerecht. Olga Wiesinger-Florians Arbeiten wurden sogar als "männlich" gelobt. Noch lässt sich aber kein spezifisch weiblicher Zugang zu Kunst festmachen, meint Kuratorin Ingried Brugger, die in der Ausstellung "Jahrhundert der Frauen" anhand von 200 Werken die Entwicklung einer von Frauen getragenen autonomen Kunst aufzeigen will. Kein Zufall ist es, dass die Ausstellung vor dem Jahrtausendwechsel gemacht wird, denn "das nächste Jahrtausend ist unser", zeigt sich die Kunsthistorikerin optimistisch. Möglich ist so ein Monsterprojekt aber nur, weil die historische Distanz einen relativ gerechten Blick erlaubt.

Weiberkunstgewerbe

Ein wichtiger Schritt war dabei eine professionelle Ausbildung, die erstmals der Generation der Landschaftsmalerinnen möglich war - allerdings nur in Form von Privatunterricht. Die Akademie der bildenden Künste ließ erst 1920/21 Frauen zu, auch dann noch mit Einschränkungen. Die 1867 gegründete Kunstgewerbeschule schloss Frauen zwar nie aus, erwies sich aber als Sackgasse für künstlerisch ambitionierte Frauen, da Frauen nur Blumenmalerei betreiben durften und darüber hinaus das Kunstgewerbe als minderwertiger Zweig des Künstlerberufs gesehen wurde.

Neues Selbstbewusstsein

Um 1900, der Hochblüte des Antifeminismus in Wien, als sogar die kleinere Kopfgröße von Frauen als Beweis für deren Minderwertigkeit herhalten musste, wurde das Figurenbild modern. Erstmals begannen in der Zwischenkriegszeit Frauen wie Helene Funke, Broncia Koller-Pinell und Marie-Louise von Motesicky zaghaft und auch nicht "wahnsinnig innovativ", wie Ingried Brugger meint, ihre Rolle als Frau zu erforschen, sei es im Selbstportrait, im weiblichen Akt, im Gruppenbildnis oder in der Schilderung des eigenen weiblichen Umfelds.

Auf Protektion angewiesen

Feministische Anliegen oder soziale und politische Themen freilich sucht man vergeblich. Kein Wunder, die Künstlerinnen waren vollauf mit der eigenen Positionierung beschäftigt, wurden doch ihre Arbeiten vom Kunstbetrieb boykottiert und niedergemacht. Zugang zu Künstlervereinigungen wie etwa der Secession war für Künstlerinnen nur über Lehrer oder Ehemänner möglich. Broncia Koller-Pinell etwa konnte nur ausstellen, weil ihr Mann "Schiele und Konsorten sponserte", erklärt Ingried Brugger.

Eroberung der Kunst in Nischen

Giovanna Klien: Kinetische Figur (Akt), 1927 (Zum Vergrößern Anklicken)
Giovanna Klien: Kinetische Figur (Akt), 1927 (Zum Vergrößern Anklicken)
Innovative Kunst von Frauen entwickelte sich in der Zwischenkriegszeit dort, wo es nicht auffiel, in Nischen wie etwa dem Kunsthandwerk. Österreich war da mit einer starken Gruppe vertreten, den Wiener Kinetistinnen der Cizek-Klasse an der Wiener Kunstgewerbeschule und der expressionistischen Keramik der Wiener Werkstätte. Gemeinsam ist den beiden international bahnbrechenden Strömungen, dass sie nur kurze Zeit überlebten. Der Kinetismus, Österreichs Beitrag zu futuristischen und abstrakten Tendenzen der Zeit, wurde als "unwienerische" Moderne abgelehnt, die Cizek-Klasse noch in den 20er Jahren aufgelöst, die Arbeiten in Kisten weggestellt und vergessen.

Frauenschicksal

Vally Wieselthier: Stehende Figur mit Blumenhose, 1927 (Zum Vergrößern anklicken)
Vally Wieselthier: Stehende Figur mit Blumenhose, 1927 (Zum Vergrößern anklicken)
Den Keramikerinnen der Wiener Werkstätte ging es auch nicht viel besser. Obwohl ihre Unikate schon damals sehr gefragt waren, wurden sie als "Malweiber" des "Weiberkunstgewerbes" verunglimpft. Dass vor allem die bis über einen Meter großen Skulpturen der Künstlerinnen zum Besten gehört, was die expressionistische Skulptur hervorgebracht hat, wurde erst viel später erkannt.

Aderlass im Nationalisozialismus

Der Nationalsozialismus ist eine Zäsur, die radikaler nicht sein könnte. Viele Künstlerinnen - vorwiegend stammten sie aus dem gehobenen, oft jüdischen Bürgertum - emigrierten oder wurden wie Helene Taussig oder Friedl Dicker ermordet. Die weibliche Kunstproduktion von Frauen ist - anders als die der Männer - vollkommen abgerissen, und auch in der Nachkriegszeit wurden sie nicht wieder ausgestellt. Für einen Neubeginn brauchte es eine neue Generation in den 50er Jahren und einer Künstlerpersönlichkeit: Maria Lassnig.

Tipp:

Ausstellung: "Das Jahrhundert der Frau - Künstlerinnen in Österreich, 1870 bis heute" im Bank Austria Kunstforum. Ab 8. Oktober 1999 bis 2. Jänner 2000.

"Ohne Korsett Wiener Werkstätte Keramik 1917 - 1932" in Die Wiener Galerie bei der Albertina von 12.10.-23.12.

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