Malerin und Bildhauerin Marina Seiller Nedkoff im Gespräch mit der
"Wiener Zeitung"
In eine andere Welt eintreten
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Marina Seiller Nedkoff stammt aus einer Familie, in der vor
allem die Frauen seit Generationen künstlerisch und in der Modebranche
tätig waren; sie wurde 1944 auf dem Schloss in Stadl/Mur geboren und auch
ihr Stiefvater, ein Innenarchitekt, förderte wie ihre Lehrerinnen von
Beginn an ihr zeichnerisches Talent. Sie studierte bei Unger Malerei an
der Angewandten und bei Kortan am Schillerplatz Restaurierung. Carl Unger
ließ ihr als guter Pädagoge jede Freiheit und förderte ihre Begeisterung
an stets wiederkehrenden Neuaufbrüchen in andere Herausforderungen; eine
Zeitlang dominierte die Tusche-, Kohle- und Kreidezeichnung; dann die
lasierende Malerei von Figuren. Erst in den späten 90-er Jahren wandte sie
sich der Skulptur zu, heute betreibt sie parallel dazu offene
Acrylmalerei, die sich durch explosive Dynamik, starke Farbigkeit und
Wendbarkeit des Formats (,,All-over") auszeichnet. Sie ist Mitglied des
Künstlerhauses, seit 29 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder.
"Wiener Zeitung": War es von Anfang an eine Berufung, Künstlerin zu
werden? Marina Seiller Nedkoff: Schon, es ist ein Muss, nach dem Motto
"Kunst kommt nicht von Können, aber von Müssen". Es ist auch ein Sein in
einer anderen Welt und Zeit. Aber Begabung allein reicht nicht, es muss
auch Sitzfleisch da sein. Welche Vorbilder gab es von Anfang an neben
den Lehrern? Es waren vor allem Goya und Picasso, weniger die Lehrer,
obwohl es nichts sichtbar Gemeinsames gibt, und Kubin, denn ich habe auch
gerne grimmige Literatur in dieser Zeit (70-er Jahre) gelesen. Die
Affinität zu ihm war so groß, dass einmal eine Federzeichnung von mir in
einem Geschäft als echter Kubin hinterlassen werden sollte . . . Gab
es damals nur die Zeichnung oder auch schon parallel Malerei? Es waren
immer Zeichnung und Malerei parallel - von Anfang an - nur die anfängliche
Lasurtechnik wechselte, da sie zu einengend war. Doch es gab auch immer
wieder Brüche, Pausen, Zeiten, in denen die Familie wichtiger war. In den
späten 90er Jahren kamen die Plastiken dazu - zuerst aus Ton, der selbst
trocknet, dann aus gebranntem Ton, den ich mit Metallfarbe gefasst habe,
und schließlich die Skulpturen aus Ytong, die herausgeholt werden aus dem
Block, was mir jetzt wieder zu anstrengend ist, sie sind weiß bemalt. Es
gibt auch Materialmix und sie kamen - nach einem Jahr Nachdenken darüber -
von selbst, wie "nötige Frischluft", denn ich hatte das Gefühl "ausgemalt"
zu sein. Warum haben die Figuren abnehmbare und beweglich veränderbar
einsetzbare Köpfe, die auch von ihren Besitzern beliebig gedreht werden
können? Mir geht es dabei um die Abwechslung, die in der Kunst mehr
möglich ist als im Leben; sie können traurig, hochtrabend oder bieder
wirken, je nach Belieben, aber die Wahl für die Käufer habe ich erst in
einem zweiten Schritt erkannt. Es ging auch darum, etwas Erschwinglicheres
als Malerei zu schaffen, das auch in den neuen Wohnungen besser
unterzubringen ist. Diese Raumgestaltung hat mich - durch meinen
Stiefvater - immer sehr beschäftigt. Genauso wie die Figuren sind auch
meine Acrylbilder meist von zwei Seiten betrachtbar (entweder am Kopf zu
stellen oder von Hoch- ins Breitformat zu drehen). Sie malen meist
Frauen, aber es handelt sich wie bei Maria Lassnig nicht um eine
feministische Position? Nein, ich habe mich in der Rolle der Frau
immer wohl gefühlt, auch die Mutterschaft thematisiert, es geht im Bild um
Gefühle des Weiblichen und wahrscheinlich malt man sich immer selber; der
weibliche Körper ist aber auch schwungvoller für mich in den
Kompositionen. Daneben ist aber immer das sozialkritisch, allgemein
Menschliche oder die Umwelt und eine religiöse Komponente von Bedeutung
gewesen. Mein Mann hat meine Arbeit nie verhindert und auch meine Kinder
nicht als sie klein waren, denn im Urlaub und in der Nacht habe ich immer
künstlerisch gearbeitet. Sie haben viel ausgestellt, trotzdem gibt es
keine Bindung an eine Galerie? Angebote dafür gab es schon, aber die
Galerien gibt es zum Teil nicht mehr und ich wollte mich nicht binden.
Immer wieder habe ich bei Wolfrum in Wien ausgestellt, mich aber auch
durch Jahre oft vom Kunstbetrieb ferngehalten, da nicht Managment und
künstlerisches Tun nebeneinander gut möglich sind. Im Oktober stelle ich
in der Galerie am Börseplatz wieder aus und es gibt Planungen für
gemeinsame Ausstellungen mit anderen Frauen; es waren ja nicht nur
Aktivitäten in Wien, sondern auch in Deutschland (Mainz, Frankfurt,
Wiesbaden etc.) und der Schweiz (Zürich), 2001 in St. Petersburg und in
der Galerie Alpha hier; davor auch in den Bundesländern. Im Moment ist es
mir schon wieder zuviel und ich möchte gerne zugunsten des Schöpferischen
pausieren.
Erschienen am: 19.04.2002 |
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