Kultur

Der unbekannte Amerikaner

08.09.2007 | SN
Die Albertina zeigt das zeichnerische Spätwerk von Philip Guston (1913-1980)

ERNST P. STROBL Wien (SN). Ein traumatisches Ereignis fand Eingang in das Lebenswerk des amerikanischen Künstlers Philip Guston: Der Zehnjährige fand seinen Vater - erhängt. Immer wieder zeichnete Guston einen Schuh, für sich allein oder schwebend.

Mit seinen stilistisch unterschiedlichen Arbeiten ist der Zeichner nicht nur dem abstrakten Realismus oder dem zeichenhaften Realismus zuzuordnen. Davon zeugt in der Albertina eine soeben eröffnete Ausstellung, die bis 25. November zu sehen ist. Die Ausstellung klammert das Frühwerk weitgehend aus und konzentriert sich auf das zeichnerische Werk seit den 60er und 70er Jahren.

Der 1913 als siebtes Kind einer russisch-jüdischen Einwandererfamilie im kanadischen Montreal als Philippe Goldstein geborene Künstler ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in der US-amerikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts - neben Jackson Pollock und Willem de Kooning. Beide waren Freunde von Guston. Auf Grund künstlerischer Differenzen zerschlugen sich einige seiner Künstlerfreundschaften - jene zu Mark Rothko oder Robert Motherwell, aber auch zu Musikern wie John Cage oder Morton Feldman.

Bereits als Jugendlicher hatte Guston seine Zeichenleidenschaft ausgelebt, die Mutter schenkte ihm einen Fernlehrgang im Cartoon-Zeichnen. Das Studium der Malerei an der Los Angeles Manuel Arts High School - 1919 war die Familie nach Kalifornien gezogen - endete mit einem Eklat wegen einer satirischen Schrift. Das politische Interesse war bei Guston ausgeprägt, seit er in den USA mit den rassistischen Aktivitäten des Ku-Klux-Klans in Berührung kam; auch auf den Zeichnungen finden sich Kapuzenmänner. Guston trat einem marxistischen Club bei, lernte mexikanische Maler kennen, es entstanden kämpferische Wandbilder wie "The Struggle against Terrorism", das er mit Reuben Kadisk und Jules Langser malte. 1948 bereiste Guston erstmals Europa, um in Italien, Frankreich und Spanien Alte Meister zu studieren. Unter deren Einfluss änderte er die Technik zu abstrakter werdender Linienführung.

Ein bedeutendes Bild aus 1947 ist "Study for Tormentors" mit der Auflösung der Linien zu freier Imagination. Der Bruch mit dem abstrakten Realismus führt in den späten 60er Jahren zu einer Art Neubeginn. Guston zeichnet Blätter, auf denen nur ein Strich oder ein Kreis zu sehen ist, auch Bildtitel wie "Welle" oder "Erde" sind nur auf einen Strich reduziert, und dennoch von großer Wirkung.

Man hat viel zum Schauen und Nachdenken beim Rundgang in der Albertina, denn die 92 Papierarbeiten Philip Gustons bieten komplexe Geschichten, verschlüsselt und rätselhaft. "Kunstwerke zwingen einen oft umso mehr zum Schauen und Nachdenken, je weniger auf ihnen gezeigt wird", sagt Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina. "Ein Schuh war daher das Schlimmste, was Philip Guston der Kunstwelt antun konnte - zu zeigen, dass die letzte Wahrheit auch durch einen Schuh ausgedrückt werden kann."Information: www.albertina.at

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